
Projekt der maximalen Begrünung in Bonn-Duisdorf – also bei mir.
Es ist ein altes deutsches Missverständnis: Wenn wir das Wort „Klimaschutz“ hören, glauben wir, die Sache sei damit erledigt. Als reichten ein paar ambitionierte CO₂-Ziele, eine Wärmepumpe im Vorgarten und die Hoffnung auf technologische Erlösung aus, um der Natur das Gesetz zu diktieren. Dabei hat die Natur – wie man in diesen Tagen wieder erleben darf – längst begonnen, ihre eigenen Verhältnisse zu schaffen. Asphaltflächen verwandeln sich in Hitzefallen, Flüsse in Rinnsale, Innenstädte in Glutöfen. Lamia Messari-Becker bringt es im Interview mit The European auf den Punkt: „Wir haben die Anpassung an den Klimawandel verpennt.“
Man könnte es auch schärfer sagen: Wir führen einen moralisch überhöhten Diskurs über Klimaschutz und lassen gleichzeitig die Alten in aufgeheizten Pflegeheimen zurück, weil wir uns zu fein waren, über die banalen Fragen der Anpassung zu sprechen – über Schatten, Wasser, Materialien, Baukultur, Stadtstruktur. Der Klimawandel ist da, ob es uns gefällt oder nicht. Und wir haben kein Recht mehr, so zu tun, als wäre das alles noch aufzuhalten. Es ist, wie es ist: Die Erde brennt – und wir diskutieren über Normen.
In der Session zur Next Economy Open vor sieben Jahren wurde deutlich, wie tief dieser Strukturfehler sitzt. Professor Lutz Becker und Professor Mohammad Mahammadzadeh zeigten eindrucksvoll, dass die Klimakrise längst die Lieferketten zersetzt, die Krankenhäuser überfordert, die Tourismuswirtschaft verformt – und dennoch ignorieren viele Unternehmen ihre eigene Betroffenheit. Dabei wäre genau das der erste Schritt: zu erkennen, wie vielschichtig, zeitversetzt und indirekt diese Betroffenheiten sein können. Die Industrie lebt in einem gefährlichen Gefühl der Unberührtheit – solange die Halle nicht unter Wasser steht, gilt das Thema als abgehakt.
Und was tun wir? Wir bauen weiter Quartiere ohne Bäume, Straßen ohne Schatten, Städte ohne Windschneisen. Die urbane Architektur dieses Landes gleicht einem Hitzesarg mit Glasfassade. Das Konzept der Schwammstadt, das genau hier ansetzen würde, wird bislang meist ignoriert. Es meint eine Stadtplanung, die Regenwasser nicht einfach ableitet, sondern speichert, versickern lässt und gezielt wieder nutzbar macht – wie ein Schwamm. Durch entsiegelte Flächen, begrünte Dächer, durchlässige Pflaster und künstliche Wasserflächen wird das Stadtklima gekühlt, Starkregen abgefedert und Wasser für Dürreperioden zurückgehalten. Doch vielerorts bleibt die Schwammstadt ein Konzept auf PowerPoint-Folien, kein Bauprinzip. Dabei wäre sie eine der wirksamsten und günstigsten Antworten auf die Zangenbewegung aus Hitze und Starkregen.
Und währenddessen? Warten wir auf Regulierung. Noch mehr Bauverordnungen, noch mehr technokratische Fesseln, als ob man dem Wetter mit Paragrafen begegnen könnte. Dabei wäre es so einfach: die Umnutzung einer Fußbodenheizung zur Kühlung, der Rückgriff auf klassische Elemente wie Dachüberstände, die kluge Wahl von Materialien. Alles längst bekannt. Doch es fehlt der Wille, das Selbstverständnis. Und vor allem: das strategische Denken.
Denn was Professor Becker so klar formulierte, ist nichts weniger als eine Ohrfeige für die herrschende Betriebswirtschaftslehre: „Unsere Wirtschaft hat auf solche Zukunftsfragen überhaupt keine Antwort.“ Die BWL schaut in den Rückspiegel, während die Sturmflut von vorn kommt. Die Strategie, sich nicht mit Strategien zu beschäftigen, wird uns teuer zu stehen kommen.
Klimaanpassung ist kein grünes Add-on, keine moralische Kür. Sie ist das neue Normal. Und sie ist ein Feld der Führung, nicht der Vorschrift. Wenn junge Manager heute noch mit Excel-Tabellen Karriere machen wollen, dann sollen sie bitte auch lernen, wie man Resilienz organisiert. Es braucht keine neuen Ressorts, sondern eine neue Denkschule: spezialisierte Generalisten, die wissen, wie man Klimaanpassung als Geschäftsmodell denkt – vom Hagelschutz bis zur Lieferkettensicherheit.
Und noch etwas: Die Rückversicherer – sprich: die Buchhalter des Weltuntergangs – haben längst begonnen, neue Realitäten zu kalkulieren. Wenn sie ihre Portfolios aus Kohle zurückziehen, dann nicht aus Idealismus, sondern weil sie nicht mehr daran glauben, dass diese Geschäftsmodelle überlebensfähig sind. Das ist nicht woke, das ist rational. Und genau das wäre heute gefragt: weniger Pathos, mehr Prognosekraft. Weniger Floskel, mehr funktionale Intelligenz.
Was uns fehlt, ist nicht die Technik. Was uns fehlt, ist eine ökonomische Aufklärung, die sich traut, die Realität auszusprechen. Es wird heißer. Es wird feuchter. Es wird unberechenbarer. Und es wird nicht mehr besser – jedenfalls nicht von selbst.
Wer heute noch über Kosten spricht, wenn es um Anpassung geht, hat die Rechnung ohne die Rechnung gemacht, die das Klima ohnehin stellen wird.
Die eigentliche Frage lautet nicht mehr: Ob wir handeln. Sondern: Wie teuer wird es, wenn wir es nicht tun?
Und was macht Bonn? Ihr braucht Euch ja nur die Liegenschaften der öffentlichen Hand anzuschauen. Da ist nicht viel gelaufen. Wir können im Kommunalwahlkampf ja mal eine Foto-Safaris ansetzen und uns die kommunalen Gebäude genauer ansehen.
Nochmal etwas ausführlicher: Grundsätzlich ja. Leider kann man beides wunderbar gegeneinander ausspielen und die Problemlösung auf den Sanktnimmerleinstag verschieben. (1) Klimaanpassung ist eine Symptomtherapie und damit eine Bankrotterklärung sowie das Eingeständnis das Klimaschutz versagt hat.(2) Wird Klimaanpassung als vorgeschobenes Argument benutzt, um sich über Klimaschutz keine Gedanken machen zu müssen. Bleibt (3) die Frage, wie reparaturfähig sind die Folgen eines anthropogenen Klimawandels und (4) was kostet was. Konkretes Beispiel: Die Erdgasbohrung vor Borkum würde nie gemacht werden, wenn man Klimafolgen (Methan) und resultierende Klimaanpassungskosten als Externalitäten einkalkulieren müsste. Das würde sich nicht rechnen. Das Video ist übrigens 8 Jahre alt, wir (und andere) beschäftigen uns aber schon viel länger damit. Inzwischen betrachte ich es als vergebene Liebesmüh, auch wenn ich mich kommunal noch ein wenig damit beschäftige. Die Fakten liegen auf dem Tisch, wir haben aber vor allem
in der Politik ein Umsetzungsproblem: organisierte und dogmatisch motivierte Verantwortungslosigkeit.
Ja, es gibt diese politische Tendenz, Klimaschutz und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen. Und ja, Anpassung kann auch als Ausrede dienen, um sich vor der eigentlichen Verantwortung zu drücken. Aber genau deshalb finde ich es wichtig, dass wir den Blick auf die Synergien schärfen – nicht als Trostpflaster, sondern als strategische Verbindung.
Begrünung, Entsiegelung, Schwammprinzip, resiliente Wälder – das sind doch genau die Maßnahmen, die beides leisten können: Sie senken Emissionen und machen uns widerstandsfähiger gegen das, was ohnehin nicht mehr abzuwenden ist. Das ist keine Bankrotterklärung, sondern eine notwendige Erweiterung der Perspektive – pragmatisch, nicht resignativ.
Dass Klimaanpassung zu oft als Ersatzdiskurs missbraucht wird, sehe ich auch. Aber wenn wir sie deshalb links liegen lassen, zahlen am Ende diejenigen die Zeche, die sich am wenigsten schützen können – sozial wie räumlich.
Was Du zum Beispiel Borkum sagst, trifft den Kern: Wenn wir die Klimafolgekosten real einpreisen würden, wäre vieles schlicht nicht mehr finanzierbar – zumindest nicht mit heiler ökonomischer Weste. Das gilt nicht nur für Bohrinseln, sondern auch für die Trägheit unserer Baupolitik, unserer Mobilitätslogik, unserer Lieferketten.
Dass Du trotzdem dranbleibst, kommunal, lokal, konkret – trotz Frust und Gefühl der Liebesmüh – zeigt ja, worauf es wirklich ankommt. Dass Menschen wie Du nicht aufgeben, obwohl die Fakten längst auf dem Tisch liegen. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen politischer Pose und ernstgemeinter Verantwortung.
Und wenn man Anpassung nicht als moralische Kapitulation versteht, sondern als konsequente Vorbereitung auf ein neues Normal, dann kann da auch wieder Bewegung reinkommen – jenseits von Sanktnimmerlein und Schaufenster.
Lass uns weiter dranbleiben. Auch wenn’s schwerfällt. Gerade dann. Beim Green Monday und bei der nächsten Next Economy Open.
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