
Am Montag beginnt der Tag der Industrie des BDI und es ist Zeit, sich der Realität zu stellen – also für die Industrie-Lobby. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, wird immer noch als Industrieland definiert. Ein Blick in die Statistik zeigt jedoch, dass diese Definition längst überholt ist. „Die Bundesrepublik Deutschland ist gemessen an allen wichtigen Parametern heute kein klassisches Industrieland mehr“, stellte der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe bereits 2009 fest.
Die Illusion der Industrie
Wolfgang Münchau kritisierte einst: „Deutschlands wirtschaftliche Probleme hängen fast alle damit zusammen, dass wir diesen Wandel in den Köpfen noch nicht vollzogen haben. Wir glauben, dass die industrielle Produktion unsere Stärke ist.“ Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands hängt nicht mehr davon ab, ob Daimler oder VW hier Autos bauen. Doch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder meinte in einem Interview, die EU-Kommission verstehe die Bedürfnisse eines Industrielandes wie Deutschland nicht.
Industrieprotektionismus: Ein Hemmschuh
Das wirkliche Problem ist, dass viele Politiker oder Vertreter des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) mit ihrem Industrieprotektionismus den Wandel aufhalten. Die Produktivitätsrevolution in der Industrie ist zu Ende. Peter F. Drucker prognostizierte: „Die erste wirtschaftliche Priorität der Industrieländer besteht darin, die Produktivität in den Wissens- und Dienstleistungsbereichen zu erhöhen. Das Land, dem dies zuerst gelingt, wird im kommenden Jahrhundert dominieren.“
Neues Denken für eine neue Zeit
Die traditionellen Industrien lassen selten ihre besten Köpfe an grundlegenden Veränderungen arbeiten. Heute ist Wissen der elementare Treibstoff für das Zünden einer neuen Wohlstandsrakete. Für neue Ideen, Marketingstrategien und Massenmärkte benötigen wir intellektuelles Kapital und mehr Experimentierfreude.
Wissensgesellschaft statt Industriegesellschaft
Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung müssen jetzt Hand in Hand gehen und den Weg bereiten für eine unternehmerische Wissensgesellschaft. „Wissen ohne schöpferisches Unternehmertum bleibt wirtschaftlich totes Wissen“, schreibt Jochen Röpke in seinem Buch „Der lernende Unternehmer“.
Ein Aufruf zur Transformation
Hermann Simon, der renommierte Wirtschaftsberater, hat klar gesagt, dass Deindustrialisierung nicht das Problem, sondern die Lösung ist. „So etwa sei die deutsche Textilindustrie, die einst mehr als eine Million Menschen beschäftigte, fast vollständig verschwunden. Das hat uns nicht geschadet, im Gegenteil“, sagt Simon, „und auch das Verschwinden des Bergbaus hat der Wirtschaft Vorteile gebracht.“
Abschied von alten Dogmen
In den Autofabriken und Kohlerevieren arbeiten weitaus weniger Menschen als früher. Die Transformation scheitert an praktischen Dingen und verknöcherten Strukturen. Hermann Simon verweist darauf, dass allein die BASF mehr Gas verbraucht als die ganze Schweiz – ist Deutschland dafür der optimale Standort?
Die Rolle von Schumpeter
Hermann Simon zitiert Schumpeter: „Vielleicht sind wir im Sinne von Joseph Schumpeter in einer Phase kreativer Zerstörung, wo wir alte Industrien abbauen müssen, um Platz für neue Industrien zu machen. Und ein solcher Wandel, der dauert natürlich, der geht nicht in drei Monaten, bis die Intel-Fabrik in Magdeburg gebaut ist und produziert. Das dauert mit Genehmigungen sieben Jahre und die Energieumstrukturierung, die dauert noch länger.“
Innovation und Nachhaltigkeit
Die Grundlagenforschung in Deutschland ist international anerkannt, doch sie kommt nicht in der Praxis an. Es gelingt nicht, den Fortschritt und das Wissen auch verkaufbar zu machen. Die Schwäche der Industriestrategie liegt darin, nicht zu akzeptieren, dass Deutschland nicht alles kann, was es will.
Ein Weckruf für den BDI
Der Tag der Industrie sollte ein Weckruf sein. Die Zukunft liegt in der Wissensökonomie und in der global organisierten industriellen Digitalisierung. Die alten Dogmen sollten wir hinter uns lassen und gemeinsam eine innovative, nachhaltige und wissensbasierte Wirtschaft aufbauen. Nur so kann Deutschland im Wettbewerb bestehen und eine führende Rolle im 21. Jahrhundert einnehmen.
Wolf Lotters Perspektive
Wolf Lotter schreibt in der Zeitschrift „FUTURZWEI“: „Hermann Simon ist kein Schornstein-Freak. Er ist einer der Vorreiter einer klugen, auch ökologisch weitaus verträglicheren Wissensökonomie, die klar sagt, dass ‚De-Industrialisierung nicht das Problem, sondern die Lösung ist‘.“
Was Gewerkschaftern und Fabriksdogmatikern die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist in Wahrheit ein Fortschritt. Ein seit Jahrzehnten überholtes Bild vom braven Proletarier, der in der düsteren Fabrik sich und seiner Familie das Brot verdiene, mag in sozialromantischen Kreisen verbreitet sein. „Die Wahrheit sieht längst anders aus. In den Autofabriken und Kohlerevieren arbeiten weitaus weniger Menschen als früher, und die, die neben Maschinen, Algorithmen und Methoden dort noch werktätig sind, sind hoch gefragte Spezialisten, die Leute also, die am Arbeitsmarkt extrem nachgefragt sind – Fachkräftemangel ist keine Wahrnehmungsstörung.“
Wolf Lotter fügt hinzu: „Das ein Gros der grünen Industriestrategie in Subventionen für hohe Energiepreise liegt – Kompensationszahlungen also für die Energiewende –, ist besonders daneben. Hermann Simon verweist darauf, dass allein die BASF mehr Gas verbraucht als die ganze Schweiz – ‚und da muss man halt auch fragen: Ist Deutschland dafür der optimale Standort?‘“
Genügend Debattenstoff für den #TDI24. Stehe bereit für Livetalks am Montag.
