Das Gasembargo und der Streit um Werturteile in der Ökonomik @BachmannRudi

Eine Studie zum Gasembargos sorgt für erhitzte Debatten nicht unter Ökonomen. Sachlich verlaufen solche Auseinandersetzungen kaum noch. Jüngst habe ich das zu spüren bekommen bei der Frage der Legalisierung von Cannabis. Im Prinzip halte ich die Pläne der Bundesregierung für richtig. Abstriche bei der Nüchternheit hinter dem Steuer würden mir zu weit gehen. Einen Wegfall von Grenzwerten lehne ich ab. Aber schon das reichte für einen unfassbaren Shitstorm der Cannabis-Apologeten. Ähnliches erleben jetzt die Ökonomen um Rudi Bachmann, die die Auswirkungen eines Gasembargos für wirtschaftlich vertretbar halten.

„Unverantwortlich“ sei es, „irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen, die dann nicht funktionieren“, schimpfte Bundeskanzler Olaf Scholz vergangenes Wochenende in einem Fernsehinterview. „Auch innerhalb der Ökonomenzunft war der Ton rau. Über die ‚Ökonomen-Feldherren‘ schimpfte Gustav Horn, der früher selbst ein Institut leitete, nämlich das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung“, schreibt die FAS.

Neun Ökonomen aus Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten berechneten ein Modell der internationalen Wirtschaft und kamen zu einem klaren Schluss: „Wenn Deutschland kein russisches Gas mehr bekäme, schrumpfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt nur um höchstens drei Prozent – weniger als während der Corona-Pandemie. Kann man das glauben? Darf man so ein Modell zur Leitlinie nehmen? Der Streit tobt an diesem Wochenende immer noch – und er hat mindestens drei Dimensionen: erstens die Frage, ob das Modell richtig ist. Zweitens steckt im Kern des Streits eine Wertfrage. Und drittens geht es um den Umgang mit wissenschaftlichem Rat in der Politik“, so die FAS.

Rüdiger Bachmann, einer der Studienautoren, kritisierte zurecht, dass von den Konjunkturforschungsinstituten in Deutschland lange Zeit nichts zu hören war beim Durchrechnen der Konsequenzen eines Gasembargos für die Volkswirtschaft in Deutschland.

„In der Zwischenzeit sind auch andere Studien erschienen, sie beziffern den Schaden für die deutsche Wirtschaft eher auf fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das wäre etwas mehr als der Corona-Schock. Und dann ist da die Frage, ob es für so ein unerforschtes Gebiet wie den plötzlichen Ausfall eines so großen Gaslieferanten überhaupt schon geeignete Landkarten gibt“, schreibt die FAS.

Nun könnten wir noch die Wirkungen des Erdgas-Röhren-Embargos aus den 1980er Jahren heranziehen. Darüber hab ich ja ein wenig geforscht am Osteuropa-Institut der FU-Berlin. War mein VWL-Wahlfach bei Professor Peter Knirsch.

Eines wird aber auch deutlich. Es geht in der Ökonomik auch um Weltanschauungen und Werturteile. Aus politischen Gründen halte ich den sofortigen Stopp des Gasgeschäftes mit Russland für unumgänglich und die wirtschaftlichen Folgen für verkraftbar. In der Regel gehen wir gar gestärkt aus so einer Krise hervor, wie nach dem Finanzcrash 2008. Da war es vor allem die Inlandsnachfrage, die zu den Stabilitätsankern zählte.

„Vielleicht sind solche Wertfragen der Grund dafür, dass sich die besonders leidenschaftlichen Gegner der Studie klar verorten lassen. Am lautesten schimpften SPD-Politiker sowie Ökonomen, die eine besondere Nähe zur SPD, zu Gewerkschaften oder zur Industrie haben“, vermutet die FAS-Redakteur Patrick Bernau.

Solche Wertentscheidungen stecken bei genauerem Hinsehen in vielen wissenschaftlichen Modellen – übrigens auch in naturwissenschaftlichen.

Das sieht Rudi Bachmann etwas anders:

Man könne Ökonomik betreiben mit einem Minimum an normativer Ausrichtung. Die Heterodoxen werden häufig als links bezeichnet. Sind dann die Mainstream-Ökonomen rechts und reaktionär, wenn das andere Lager doch angeblich links ist? Diese Stigmatisierungen führen zu nichts. So wertet Professor Lutz Becker, Studiendekan der Hochschule Fresenius in Köln, meine Disputation mit Bachmann:

„Da wird, wenn es um die Pluralen geht, in politischen Kategorien wie rechts und links argumentiert, die in meinen Augen – trotz einer aktuellen Renaissance – historisch obsolet sind.“ Dann gehe es in den Antworten des Mainstream-Ökonomen direkt wieder auf eine empiristische Argumentationslinie. Das sei auch nicht schlüssig, weil beispielsweise mit der Gewichtung von Faktoren riesige Hintertüren offen bleiben. „Oder anders: Man beruft sich auf Daten, verfolgt aber de facto und durch die Hintertür interpretative Zugänge, die aber dann ausgeblendet oder gar scharf zurückgewiesen werden.“ Da hilft nur die Offenlegung von politischen Positionen.

Die FAS hat die Quellen dankenswerter Weise publiziert:

Rüdiger Bachmann u. a.: „What if? The Economic Effects for Germany of a Stop of Energy Imports from Russia“, EconTribute Policy Brief 28, März 2022.

Jan Behringer u. a.: „Ukraine-Krieg erschwert Erholung nach Pandemie“, IMK Report 174, März 2022.

Tom Krebs: „Wie man die Auswirkungen eines Gasembargos nicht berechnen sollte“, Makronom, März 2022.

Adam Tooze: „Is boycotting Russian energy a realistic strategy?“ The German case. Chartbook 97, März 2022.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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