Crossroads Festival 2024: Von psychedelischen Höhenflügen bis zu hart rockenden Legenden – Rückblick auf den dritten und vierten Abend in der Bonner Harmonie #WDRRockpalast

Rosalie Cunningham – Zwischen Genie und Nervenprobe auf dem Crossroads Festival

Der dritte Abend des Crossroads Festivals in der Bonner Harmonie mit einem vielversprechenden Namen: Rosalie Cunningham, das britische Multitalent, das Kritikerseit Jahren begeistert und mit ihrer Mischung aus Psychedelic Rock und progressiven Klängen die Bühne eroberte. Ihr beeindruckendes musikalisches Erbe, das von Ipso Facto bis zu ihrer Solokarriere reicht, sorgte dafür, dass viele Zuschauerhohe Erwartungen an diesen Auftritt hatten. Doch der erste Act des Abends entpuppte sich als zweischneidiges Schwert.

Es steht außer Frage: Cunningham beherrscht ihr Handwerk. Ihre musikalische Vielseitigkeit ist unbestreitbar, und ihre Fähigkeit, komplexe Songstrukturen mit kraftvollem Gitarrenspiel und dynamischen Arrangements zu verschmelzen, zog die Aufmerksamkeit auf sich. Songs, die auf den ersten Blick verwirrend erscheinen mögen, entfalteten sich wie psychedelische Blüten, die von Moment zu Moment an Tiefe gewannen. Es war, als hätte sie das Beste aus der britischen Rockgeschichte in sich aufgesogen – ein wenig Kate Bush, ein Hauch von The Beatles, wie die Presse so oft behauptet.

Doch so brillant Cunningham auf der Bühne agierte, war es ihre Stimme, die sich ab und an als Stolperstein entpuppte. Während einige Momente von einer fragilen Schönheit getragen wurden, drifteten andere Passagen in ein ungemütliches Spektrum ab, das eher anstrengte, als verzauberte. Besonders in den höheren Lagen schien ihre Stimme gelegentlich ins Schrille zu kippen. Nicht mein Favorit.

Spiral Drive – Psychedelic Space-Rock der Extraklasse auf dem Crossroads Festival

Spiral Drive, das Projekt des in Deutschland lebenden Tirolers Raphaël Neikes, betrat die Bühne. Schon beim ersten Akkord ließ die Band keinen Zweifel daran, dass hier eine Reise in andere Sphären beginnen würde – eine Reise, die das Publikum bereitwillig antrat. Neikes, bekannt als omnipräsenter Musikproduzent und Bandmitglied von Mother’s Cake, führte sein Publikum mit hypnotischen Neo-Psych-Rock-Klängen in eine Welt, in der Realität und Halluzination nahtlos ineinander übergehen.

Von der ersten Minute an wurden die Zuschauer von Spiral Drive mit einem dichten Soundteppich umhüllt, der weit über das hinausging, was man von einem herkömmlichen Rockkonzert erwarten würde. Psychedelic Rock, Alternative Rock, Grunge und Indie wurden hier zu einem kosmischen Gebräu vermengt, das die Grenzen von Zeit und Raum sprengte.

Doch bei aller musikalischen Weite behielt die Band stets eine gewisse Struktur, die das Hörerlebnis nicht in den endlosen Weiten der Formlosigkeit verlor. Es war, als würde man auf einer halluzinogenen Droge schweben, aber mit klaren Linien und einer treibenden Energie, die das Publikum auf Trab hielt.

Spiral Drive sind eine Band, die man erlebt haben muss – ihr Space-Rock ist sowohl für die breiten Massen als auch für die musikalischen Feinschmecker geeignet. Wie die Musikseite „Rock Is For Lovers“ treffend fragte: „Warum sind die nicht berühmter?“ Nach diesem Auftritt stellt sich diese Frage mehr denn je. Die Antwort könnte in der Zukunft liegen – und wenn sie so klingt wie Spiral Drive, dann ist diese Zukunft wahrlich eine helle, funkelnde Reise ins Unbekannte.

Gun – Schottische Hardrock-Legenden rocken das Crossroads Festival

Der vierte und letzte Abend des Crossroads Festivals in der Bonner Harmonie wurde von keiner geringeren als Gun, der erfolgreichsten schottischen Hardrock-Band der letzten dreieinhalb Jahrzehnte, gekrönt. Die Bühne knisterte förmlich, als die ersten Akkorde erklangen und die Band bewies, warum sie trotz einer langen Auszeit immer noch an der Spitze steht.

Mit einer Setlist, die Fans und Neueinsteiger gleichermaßen begeisterte, sorgte Gun für einen gebührenden Abschluss des diesjährigen Festivals.

Ihre Geschichte reicht bis ins Jahr 1987 zurück, und obwohl sich die Gesichter im Laufe der Jahre verändert haben, bleibt die Essenz ihrer Musik unverkennbar. „Lucky Guy“, einer ihrer klassischen Tracks, eröffnete die Show und zog das Publikum sofort in den Bann – ein Song, der wie eine wohlige Erinnerung an die Glanzzeiten von MTV und Top of the Pops wirkte. Gun zeigen sich auch 2024 noch von ihrer besten Seite: tight, energiegeladen und mit der unverkennbaren „Gang-Mentalität“, die sie schon immer auszeichnete.

Die Setlist des Abends bot einen großartigen Mix aus alten Favoriten und neueren Stücken. Songs wie „Here’s Where I Am“, „Falling“ und ihre mitreißende Version von „Word Up“ ließen die Menge mitsingen und fühlten sich an, als hätten sie nie wirklich eine Pause eingelegt. Doch es war „Shame“, der herausstach und für mich das Highlight des Abends markierte. Der Song, getragen von einer intensiven Emotionalität, brachte eine rohe, ungeschliffene Kraft auf die Bühne, die sich direkt ins Herz des Publikums bohrte.

Gun sind mehr als nur eine Band, die von vergangenen Erfolgen zehrt – sie sind ein lebendiger Beweis dafür, dass Rockmusik zeitlos sein kann, wenn sie authentisch bleibt. „Take Me Back Home“ und „Better Days“ erinnerten daran, dass diese Band sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart in sich vereint. Die Songs haben eine solche Eingängigkeit, dass sie in den Köpfen der Zuhörer lange nachhallen. Ihre Live-Performance ließ keinen Zweifel daran, dass Gun nicht nur zurückgekehrt sind, sondern auch die Zukunft des Hardrock weiterhin mitgestalten wollen.

Die Harmonie war an diesem Abend erfüllt von einer unaufhaltsamen Energie, die vom ersten bis zum letzten Song spürbar war. Gun haben bewiesen, dass sie nach all den Jahren immer noch wissen, wie man ein Publikum begeistert – und wer an diesem Abend dabei war, konnte sich glücklich schätzen, Teil dieses rockenden Finales gewesen zu sein.

Scorpion Child – Ein wuchtiger Abschluss, aber nicht für jeden Geschmack

Das Crossroads Festival 2024 endete mit einem Knall, als Scorpion Child die Bühne in der Bonner Harmonie betraten und den Saal mit ihrem wuchtigen Hardrock-Sound erfüllten. Doch während viele Fans sich begeistert in die schallenden Gitarren und donnernden Drums stürzten, blieb es für mich eine Show, die eher auf Lautstärke als auf Substanz setzte.

Die Band aus Austin, Texas, ließ keinen Zweifel daran, dass sie musikalisch tief in den 1970er Jahren verwurzelt ist. Ihr Sound weckt klare Assoziationen zu Led Zeppelin, Black Sabbath und Deep Purple – und natürlich spricht das eine ganze Menge Fans des klassischen Hardrocks an. Aber wo diese Bands mit Dynamik und Raffinesse spielten, schien es bei Scorpion Child oft, als wäre lauter gleich besser.

Von den Power-Akkorden bis zu den Southern-Blues-Elementen war alles da, was man von einem derartigen Gig erwarten konnte. Songs wie ihre Boogie-Stomper oder die dramatischen, fast theatralischen Soundflächen, die an die frühen Black Crowes erinnerten, ließen die Köpfe der eingefleischten Fans im Takt nicken. Aber für mich blieb das alles ein wenig zu viel auf der Oberfläche. Es war schwer, tiefer in die Musik einzutauchen, denn allzu oft wurde die Lautstärke zum dominierenden Element des Abends.

Es ist offensichtlich, dass Scorpion Child eine Band ist, die vor allem live funktioniert. Ihre Energie ist unbestreitbar und die Bühne schien förmlich zu vibrieren unter der Wucht ihrer Performance. Doch der ständige Wechsel zwischen headbangenden Stoner-Riffs und bombastischen Power-Balladen war für mich mehr anstrengend als aufregend. Sicher, es gab Anleihen an Pentagram und sogar Krautrock, aber das reichte nicht, um den Abend wirklich interessant zu machen.

Der Festivalabschluss mit Scorpion Child war sicherlich eine laute, intensive Erfahrung – nur eben nicht meine. Fans von Heavy Southern Blues und mächtigen, theatralischen Rockmomenten kamen definitiv auf ihre Kosten, aber wer eine subtilere, facettenreichere Show erwartete, wurde hier eher enttäuscht. Manchmal ist weniger mehr – und genau das fehlte mir an diesem Abend.

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