
Täglich auf der TwitterX-Timeline oder in Kuratoren-Diensten, die das Geschehen im Social Web zusammenfassen, dominieren rhetorische Manipulationen den politischen Nachrichtenfluss, gepaart mit einem Übermaß an schnellen Meinungen und Urteilen. Bereits eine Überschrift oder ein vermeintliches Zitat aus einem Interview genügt, um eine Kaskade herabsetzender oder belehrender Reaktionen auszulösen. Dabei bleibt die Quelle oft unbeachtet: Verkürzungen, Hetze, Unterstellungen, Beleidigungen, Denunziationen, Glauben, Vorverurteilungen, Gerüchte, Selektion, Manipulation, Verulkung und Täuschung – ein Arsenal an Fehlschlüssen, bewusst und unbewusst eingesetzt. Ein wahres Vademekum der Verfälschung.
Eines der beliebtesten Stilmittel ist die Ad-Hominem-Attacke. Dabei wird das Argument einer Person allein deshalb als ungültig oder falsch abgetan, weil die Person selbst abgelehnt wird. Das zugrundeliegende Motto: Schlechte Menschen können nur schlechte Ansichten haben. Dieser Trugschluss wird oft mit Begriffen wie „Lügner“, „unmoralisch“, „inkonsequent“, „Fanatiker“, „Heuchler“, „Blender“ und ähnlichen Beschimpfungen untermauert.
Auf TwitterX wird diese Stigmatisierung häufig durch schadenfrohe oder hämische Parolen verstärkt, die darauf abzielen, den vermeintlichen Gegner lächerlich zu machen und ihn dadurch in der Öffentlichkeit herabzusetzen. Wer in solchen Netzdebatten die Lacher auf seiner Seite hat, erscheint glaubwürdiger – auch wenn seine Argumente keineswegs die besseren sind. Diese Mechanismen sind in der Rhetorik-Fleißarbeit „64 Fehlschlüsse in Argumenten“ von Albert Mößmer nachzulesen.
Zum Arsenal der Demontage Andersdenkender zählt auch die Unterstellung unseriöser oder zweifelhafter Motive. Es wird gemunkelt, die Zielperson verfolge im Verborgenen andere, unehrenhafte Interessen, Ziele oder Meta-Planungen. Besonders auffällig ist der Einsatz persönlicher Gefühle in Streitigkeiten: „Ich spüre ganz genau, dass es nicht stimmt, was XY sagt.“ Emotionsgeladene Formulierungen wie „Versagen des Staates“, „unschuldiges Leben“ oder „kaltblütige Ignoranz“ werden inflationär gebraucht. Wo Gefühle ins Spiel kommen, haben sachliche Argumente oft kaum noch eine Chance.
Ein weiteres häufiges Phänomen ist der kausale Reduktionismus, der Reduktionstrugschluss. Ein Beispiel ist der Katastrophenschutz: Hier gab und gibt es zahlreiche Verzerrungen von Ursache und Wirkung sowie pauschale Empfehlungen für Gegenmaßnahmen, etwa bei den Warnungen vor Starkregen, die den verheerenden Fluten in Rheinland-Pfalz und NRW vorausgingen. Schnell sind Schuldige gefunden und zentralistische Konzepte zur Hand, wo es doch vielmehr dezentrale Maßnahmen und eine bessere Vorbereitung der Bevölkerung auf Krisen bräuchte. Solche Schnellschuss-Argumente behindern eine umfassende Analyse und führen im schlimmsten Fall zu kontraproduktiven Handlungen.
Zur rhetorischen Niedertracht zählen auch Fangfragen wie: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?“ Wer hier nicht aufpasst, sitzt schnell in der Falle und wird als menschenverachtend abgestempelt, weil der Fragende geschickt eine Unterstellung versteckt.
Moralische Entrüstung geht häufig Hand in Hand mit Gefühlsausbrüchen. Hier geht es nicht um Argumente, sondern um das eigene Weltbild. Ratio hat dabei wenig Chancen. Ein Blick auf die populärsten Hashtags auf TwitterX zeigt, dass oft der sogenannte Slogan-Beweis dominiert: Was ständig wiederholt wird, erscheint irgendwann als wahr oder erreicht zumindest den Zweck der Kampagne. Eine Behauptung, die als Slogan oder Meme wieder und wieder verbreitet wird, funktioniert wie Gehirnwäsche. Irgendwann versagen die Mechanismen zur Überprüfung des Wahrheitsgehalts, und das kritische Bewusstsein versinkt in der Flut von Slogans.
Ebenfalls häufig ist das Strohmann-Argument: Dem Widersacher werden Aussagen oder Meinungen unterstellt, die er nie geäußert hat, um ihn so leichter angreifen zu können.
Letztlich geht es bei vielen politischen Auseinandersetzungen darum, eine Person bereits im Vorfeld eines Ereignisses zu diskreditieren – das sogenannte Strategem der „Brunnenvergiftung“.
Als Gegenmittel empfehle ich den kritischen Rationalismus des Wissenschaftstheoretikers Hans Albert. Arpad-Andreas Sölter bringt dies in einer Hommage an Albert treffend zum Ausdruck: Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik ist weder dem Mainstream noch Kampagnen oder politischem Konformismus unterworfen. Sie überprüft kontinuierlich Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten. Wir sollten uns generell stärker auf Sachdebatten konzentrieren.