
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) verschärft seine Kampagne gegen die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes – und arbeitet dabei mit einem Schreckbild, das an der betrieblichen Realität vorbeigeht. Unter dem Motto „Mit Macht für die 8“ warnt der DGB vor dem Ende des Acht-Stunden-Tags und vor Arbeitswochen von bis zu 73 Stunden. Arbeitszeitexperte Guido Zander hält diese Darstellung für zugespitzt bis irreführend: Die Reform ziele nicht auf pauschale Mehrarbeit, sondern auf eine flexiblere Verteilung bestehender Arbeitszeit.
Der DGB macht aus einer Rechengröße eine Drohkulisse
In einer aktuellen Stellungnahme auf LinkedIn wendet sich Zander gegen die gewerkschaftliche Dramatisierung der Reform. Seit Jahren werde gefordert, das Arbeitszeitgesetz zeitgemäß anzupassen – jetzt werde mit Extremszenarien dagegen polemisiert.
Im Kern, so Zander, gehe es nicht darum, den Acht-Stunden-Tag zu kippen. Die Bundesregierung wolle vielmehr die tägliche Höchstgrenze von zehn Stunden zugunsten einer durchschnittlichen wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden verschieben. Das entspreche dem Rahmen des EU-Rechts und sei in vielen anderen Ländern Realität. Rechnerisch wären damit an sechs Tagen zwar bis zu 73,5 Stunden möglich. Aber genau diese theoretische Obergrenze werde nun zur politischen Schreckenszahl aufgeblasen.
Zander widerspricht auch Merz, Söder und Co.
Zander stellt sich damit nicht auf die Seite jener Politiker, die Deutschland pauschal zu wenig Arbeit vorwerfen. Bereits vor rund zwei Monaten hatte er in der ZP-Nachgefragt-Week die Erzählung von Friedrich Merz, Markus Söder und anderen kritisiert, Wachstum lasse sich schlicht durch mehr Arbeitsstunden erzwingen. Pauschale Mehrarbeit sei in vielen Betrieben kein Produktivitätsprogramm, sondern eine Kostenfalle. Wenn Nachfrage, Lieferketten oder Auslastung schwanken, führe eine zusätzliche Wochenstunde häufig nur zu mehr bezahlter, aber nicht produktiv genutzter Anwesenheit.
Der Kern seiner Kritik: Anwesenheit ist nicht Wertschöpfung. In volatilen Betrieben entstehen Produktivitätsgewinne nicht dadurch, dass alle länger arbeiten, sondern dadurch, dass Arbeitszeit besser zum tatsächlichen Bedarf passt.
Es geht um Verteilung, nicht um pauschale Mehrarbeit
Zander bestreitet nicht, dass lange Arbeitszeiten Risiken bergen. Wochenarbeitszeiten jenseits der 40 Stunden können Krankenquoten erhöhen, tägliche Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden das Unfallrisiko steigern. Gerade körperlich oder geistig stark belastende Tätigkeiten eignen sich nicht für lange Schichten.
Doch in der aktuellen Reformdebatte gehe es aus seiner Sicht nicht um eine generelle Erhöhung der Wochenarbeitszeit. Es gehe darum, bestehende Arbeitszeit vor allem innerhalb einer Woche anders verteilen zu können. Das ist der entscheidende Unterschied zur DGB-Erzählung.
Schon heute seien unter bestimmten Bedingungen 60-Stunden-Wochen möglich. Auch künftig blieben vertragliche Wochenarbeitszeiten, Ausgleichszeiträume und die durchschnittliche Höchstgrenze von 48 Stunden maßgeblich. Wer einmal 73 Stunden arbeite, müsse anschließend Wochen mit deutlich reduzierter Arbeitszeit haben.
Flexibilität kann auch im Interesse der Beschäftigten liegen
Die andere Seite der Medaille unterschlägt der DGB weitgehend: Es kann durchaus im Interesse der Beschäftigten sein, an einzelnen Tagen länger als zehn Stunden zu arbeiten. Messebauer könnten vor Ort länger arbeiten, den Auftrag schneller abschließen und anschließend mehr freie Tage mit der Familie verbringen. Bautrupps auf Montage könnten früher nach Hause fahren, statt nach zehn Stunden im Hotel festzusitzen. Außendienstler müssten seltener am Vorabend anreisen und hätten einen Abend mehr zu Hause.
Zander verweist auch auf Beschäftigte mit langen Anfahrtswegen, die längere tägliche Arbeitszeiten bevorzugen können, wenn dadurch weniger Arbeitstage und weniger Pendelzeiten entstehen. Im Chemiepark Leuna gebe es nach seiner Darstellung tarifliche Bestandsschutzregelungen für Zwölf-Stunden-Schichten, die bei Beschäftigten beliebt seien, weil sie nur drei Arbeitstage pro Woche ermöglichten. Ausgerechnet Gewerkschaften bestünden dort auf Bestandsschutz.
Starre Tagesgrenzen lösen nicht jedes Schutzproblem
Der DGB tut so, als sei die starre Tagesgrenze automatisch der beste Gesundheitsschutz. Das ist zu einfach. Wer Bautrupps, Messebauer oder Montageteams nach zehn Stunden ins Hotel zwingt, produziert nicht zwingend bessere Arbeitsbedingungen. Er produziert unter Umständen Leerlauf, höhere Kosten und weniger freie zusammenhängende Zeit.
Gleichzeitig wäre es fahrlässig, längere Arbeitstage pauschal freizugeben. In Pflege, Produktion, Logistik, Gastronomie oder belastender Schichtarbeit können Arbeitszeiten jenseits von zehn Stunden gesundheitlich problematisch sein. Gerade deshalb braucht es keine symbolische Verteidigung der Acht-Stunden-Norm, sondern eine arbeitsplatzbezogene Differenzierung.
Die Reform braucht Leitplanken, keine Angstkampagne
Zander plädiert nicht für grenzenlose Verfügbarkeit. Sein Ansatz ist eine differenzierte Modernisierung des Arbeitszeitrechts. Längere tägliche Arbeitszeiten müssten arbeitsplatzabhängig bewertet werden. Für körperlich und geistig sehr anstrengende Tätigkeiten seien Schichten über zehn Stunden nicht geeignet. Für andere Tätigkeiten könne eine längere Tagesarbeitszeit dagegen sinnvoll sein – wenn sie beantragt, geprüft, dokumentiert und durch Freizeit ausgeglichen werde.
Das setzt klare Leitplanken voraus: verlässliche Zeiterfassung, transparente Ausgleichszeiträume, Mitbestimmung, arbeitsplatzbezogene Gefährdungsbeurteilungen und wirksame Grenzen für Tätigkeiten mit hoher Belastung. In nicht tarifgebundenen Betrieben darf Flexibilität nicht einseitig vom Arbeitgeber diktiert werden. Wo Betriebsräte und Tarifverträge fehlen, braucht es Mindeststandards und Kontrollmechanismen.
Die eigentliche Frage lautet: Wer entscheidet über Flexibilität?
Die Reformdebatte wird falsch geführt, wenn sie auf „Acht-Stunden-Tag ja oder nein“ verengt wird. Die entscheidende Frage lautet: Wer entscheidet über Flexibilität – Arbeitgeber allein, Betriebsparteien, Tarifparteien oder Beschäftigte mit echter Wahlfreiheit?
Eine moderne Arbeitszeitordnung müsste längere Tage dort ermöglichen, wo sie arbeitswissenschaftlich vertretbar, betrieblich sinnvoll und von Beschäftigten gewollt sind. Sie müsste sie dort verhindern, wo sie bloß Druck, Verschleiß und Personalmangel kaschieren.
Der DGB verfehlt den Punkt
Der DGB mobilisiert gegen ein theoretisch mögliches Extrem, verfehlt aber den Kern der Reformdebatte. Wer Merz, Söder und Co. wegen ihrer simplen Mehrarbeitsrhetorik kritisiert, sollte nicht selbst mit Schreckensbildern arbeiten. Nötig ist keine Angstkampagne gegen Flexibilität, sondern ein moderner Rahmen, der längere Arbeitstage dort erlaubt, wo sie Beschäftigten und Betrieben nutzen – und sie dort begrenzt, wo Gesundheitsschutz und Mitbestimmung gefährdet sind.
Hier geht es zur Sendung der ZPNachgefragtWeek: