Zigarrenrauch, Likör und ein Satz, der nicht mehr loslässt – Hans Blumenberg dreißig Jahre nach seinem Tod

Vor dreißig Jahren, am 28. März 1996, starb Hans Blumenberg. Und wie es bei ihm ist, bleibt man nicht beim Datum stehen, sondern landet sofort in einem Raum: irgendwo zwischen Nachtarbeit, Zettelkasten, Gedankengängen – und diesem merkwürdigen Geräusch, das Ferdinand Fellmann „das Homerische Gelächter“ nennt. Ein Gelächter, das nichts mit Krawall zu tun hat, sondern mit einer seltenen Souveränität: Man nimmt die Dinge ernst, aber man lässt sich von ihnen nicht zum Statisten machen.

Fellmanns Anekdote ist dafür eine Art Miniatur: Beim Kollegen Hans Robert Jauß protestantische Askese, bei Blumenberg Zigarrenrauch, Likör, Weltläufigkeit – und als Hauptthemen ausgerechnet Autos, Zigarrenlagerung im Wäscheschrank, Märklin, Hausgeräte. Philosophie? „Fast nie.“ Das klingt zunächst wie ein Witz über Philosophen, die über alles reden – nur nicht über Philosophie. In Wahrheit ist es ein Programm: Blumenberg wusste, dass Denken nicht dort passiert, wo man es mit feierlicher Miene ankündigt. Denken passiert in Umwegen, in Nebensträngen, in scheinbaren Nebensächlichkeiten – im Stofflichen, im Technischen, im Spielzeug der Erwachsenen.

Und genau hier kippt die Anekdote ins Philosophische: Denn Blumenberg war der Mann, der dem Alltäglichen zutraute, die großen Begriffe zu entlarven.

Poetik und Hermeneutik: Lyrik als Seismograph der Moderne

Wer „Poetik und Hermeneutik“ nur als Gelehrtenzirkel abtut, verpasst die Pointe. Das war eine Denkmaschine: Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte – in einem Raum, in dem man sich gegenseitig die Gewissheiten ankratzt. Der Band zur Tagung „Immanente Ästhetik – Ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma der Moderne“ trägt das schon im Titel: Lyrik nicht als hübsches Beiwerk, sondern als Testlabor für das Moderne.

Im Vorwort wird das wie ein Problemaufriss formuliert: Zwischen 1850 und 1920 entsteht ein neues Formbewusstsein, Reflexion frisst sich in die Literatur ein – und man fragt sich, warum Moderne so oft über negative Kategorien läuft (Verfremdung, Dunkelheit, Entgegenständlichung). Und ob eine Theorie das überhaupt „einholen“ kann.

Dass in dieser Teilnehmerliste neben Blumenberg Namen wie Iser, Jauß, Taubes auftauchen, ist mehr als akademisches Namedropping. Das ist eine Zeitkonstellation: Jeder bringt seine eigene Methode mit – und keiner kommt ungeschoren davon.

Sprachsituation: Wenn Worte zu wenig sind – und gerade deshalb gewinnen

Blumenbergs Beitrag in diesem Kontext heißt „Sprachsituation und immanente Poetik“. Schon der Einstieg riecht nicht nach „Theorieapparat“, sondern nach einer Grundfrage, die jeder kennt, der jemals versucht hat, etwas wirklich zu sagen: Das Denken ist reicher an Möglichkeiten als die Sprache.

Und dann passiert etwas typisch Blumenbergisches: Er macht aus dieser Klage keinen Kitsch. Die „Armut der Sprache“ ist für ihn nicht der Grund, sich in Mystik zu flüchten, sondern der Anlass, die Mechanik der Verständigung genauer zu betrachten. Sprache ist nicht nur Medium – sie ist auch ein System von Zwängen, Gewohnheiten, Abkürzungen. Und trotzdem (oder gerade deshalb) kann sie überrascht werden: Aus Gemeinsprache kann etwas entstehen, das plötzlich eindeutig wirkt, obwohl es aus Vieldeutigem gebaut ist.

Ein Satz aus dem Text bleibt hängen wie eine Ohrfeige gegen jedes aufgeblasene „Denken über dem Sprechen“: „Reden sollte ein edleres, würdigeres Wort sein als ‚denken‘.“

Das ist nicht Rhetorik-Lobbyismus. Das ist ein Angriff auf die falsche Hierarchie: als wäre Denken „rein“ und Sprechen nur die schmutzige Werkstatt. Blumenberg dreht das um: Wer sprechen kann, hat schon eine Form gefunden – und Formen sind nicht Dekoration, sondern Erkenntnisarbeit.

Philosophie als kontrollierte Mehrdeutigkeit

Blumenberg schlägt in diesem Text eine Unterscheidung vor, die heute wieder Gold wert ist: Wissenschaftliche Sprache tendiert zur Eindeutigkeit – nicht immer aus bösem Willen, sondern aus Funktionslogik. Sie will Ergebnisse, Übertragbarkeit, Anschlussfähigkeit. Nur: Diese Tendenz wird schnell zum Größenwahn, wenn sie so tut, als könne sie alles abdecken.

Die philosophische Sprache nimmt bei Blumenberg eine Sonderstellung ein – und er beschreibt ihre Tendenz als „kontrollierte Mehrdeutigkeit“. Das ist ein wunderbarer Begriff, weil er zwei falsche Alternativen gleichzeitig abräumt: Mehrdeutigkeit ist nicht automatisch Nebel. Eindeutigkeit ist nicht automatisch Wahrheit.

Kontrollierte Mehrdeutigkeit heißt: Ich lasse Bedeutungsräume offen, aber nicht beliebig. Ich spiele nicht „anything goes“, sondern ich halte Spannung aus – und organisiere sie.

Damit berührt Blumenberg den Kern dessen, was Lyrik in dieser Tagung soll: nicht als Ornament, sondern als Widerstand gegen die reine Übermittlungsfunktion der Sprache. Lyrik zwingt dazu, zu lesen, statt nur zu konsumieren. Sie macht das Selbstverständliche problematisch – nicht um zu nerven, sondern um Aufmerksamkeit zu schärfen.

Poetisierung: Die Überraschung am Vertrauten

Blumenberg beschreibt den ästhetischen Effekt der Poetisierung mit einer Formulierung, die man sich als Denkregel über den Schreibtisch hängen könnte: Poetisierung erzeugt „Überraschung am Vertrauten“ – und einen „Selbstwertgewinn des bloßen Mittels“.

Das ist großartig unprätentiös. Keine romantische Erlösungsrhetorik, kein „die Dichtung rettet uns“. Sondern: Sprache kann mehr, als sie im Alltag zeigen muss. Und wenn sie mehr zeigt, passiert etwas sehr Konkretes: Unsere routinierten Weltzugänge bekommen Risse. Nicht zerstörerisch – produktiv.

Hier passt Fellmanns Zigarrenrauch-Szene plötzlich perfekt hinein. Denn dieses Homerische Gelächter ist auch eine Form der Poetisierung: die Befreiung des Geistes aus der falschen Feierlichkeit. Man kann über Märklin reden und dabei lernen, dass die Welt aus Konstruktionen besteht – und dass Konstruktionen immer Alternativen haben.

Annäherung statt Identifizierung: Blumenbergs Ethik der Distanz

Eine weitere Stelle in Blumenbergs Text wirkt wie ein Gegengift gegen das religiöse Verlangen nach „totaler“ Bedeutung: Der ästhetische Reiz liegt, sagt er sinngemäß, in der Annäherung – nicht in der Identifizierung.

Das ist mehr als Ästhetik. Das ist eine Haltung zur Welt. Wer unbedingt identifizieren will, will am Ende beherrschen: das Werk, den Sinn, den Autor, das Ergebnis. Annäherung dagegen ist beweglich: Sie respektiert das Fremde, ohne es in Besitz zu nehmen. Sie ist neugierig, ohne zu vereinnahmen. Und sie hält aus, dass ein Text nicht „fertig“ ist, nur weil man ihn gelesen hat.

Der Technikfan und der Meister der Metapher

Blumenberg war, so Fellmann, ein Technikfan. Und das ist nicht die Schrulle eines Professors, der heimlich Modelleisenbahnen liebt. Das passt zu seinem gesamten Denken: Technik ist für ihn nicht der Feind des Geistes, sondern ein Archiv menschlicher Lösungen. Eine Welt aus Apparaten, Umwegen, Entlastungen – also genau dem, was seine Metaphorologie interessiert: Wie Menschen das Ungeheure handhabbar machen, ohne es wegzulügen.

Blumenbergs Metaphern sind keine hübschen Vergleiche. Sie sind Überlebensmittel. Sie schaffen Distanz zum Schrecken, ohne ihn zu leugnen. Sie sind Formen der geistigen Selbstrettung – und zugleich Werkzeuge der Erkenntnis. Insofern ist es fast konsequent, dass er in der Rauchwolke der Zigarren über Kühlschränke und Autos sprechen konnte: Nicht weil Philosophie ihm egal war, sondern weil er wusste, dass sich Philosophie in diesen Dingen versteckt – als Frage nach dem Machbaren, dem Zumutbaren, dem, was uns entlastet und zugleich fesselt.

Ein Denkstil, der nicht im Seminar endet

Dreißig Jahre nach seinem Tod wirkt Blumenberg nicht wie ein Denkmal. Eher wie eine aktive Störung gegen jede Form von geistiger Selbstzufriedenheit. Er erinnert daran, dass Sprache nie nur Transportmittel ist – sondern Schauplatz. Dass Mehrdeutigkeit kein Makel sein muss, sondern ein Reichtum, wenn man sie organisiert. Und dass man, um die großen Dinge auszuhalten, manchmal über kleine Dinge sprechen muss – nicht als Flucht, sondern als Methode.

Am Ende bleibt mir dieses Bild: Rauch, Gelächter, Likörgläser, irgendwo eine Märklin-Lok – und daneben ein Text, in dem „Reden“ plötzlich würdiger ist als „Denken“. Nicht weil Denken abgewertet wird, sondern weil es ohne Sprache kein Zuhause hat.

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