Zoff bei Fraunhofer: Offener Brief des Kollegiums des Fraunhofer IMW an die Mitglieder des Senats der Fraunhofer-Gesellschaft zur Betriebsschließung des Fraunhofer IMW an den Standorten Leipzig und Halle (Saale): Was sagen die Ministerpräsidenten @reinerhaseloff @MPKretschmer

Offener Brief der Mitarbeitenden des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie IMW

Die Mitarbeitenden des Fraunhofer IMW haben einen offenen Brief an den Senat der Fraunhofer-Gesellschaft verfasst, um gegen die geplante Teilschließung und Betriebsänderung ihres Instituts zu protestieren. Die Entscheidung des Fraunhofer-Vorstandes wurde am 17. April 2024 bekanntgegeben, wobei den Mitarbeitenden keine Einsicht in die zugrunde liegende Analyse gewährt wurde. Dies hat zu Bestürzung und Verunsicherung geführt.

Hauptpunkte des Briefes:

  • Finanzielle Stabilität: Das Institut ist nach eigenen Angaben seit 2015 finanziell stabil und konnte die Wirtschaftserträge seit 2021 erheblich steigern. Der aktuelle Auftragsbestand sichert zukünftige Stabilität.
  • Wissenschaftliche Erfolge: Das Institut hat positive Bewertungen von Kuratorium und Strategieaudit erhalten und mehrere Großprojekte erfolgreich eingeworben. Im Exzellenzranking der Wissenschaftsindikatoren liegt das IMW zeitweise auf Rang 1.
  • Unklare Vorgehensweise: Die Mitarbeitenden kritisieren die undurchsichtige und schnelle Umsetzung der Entscheidung ohne transparente Kommunikation und Einbindung der relevanten Gremien.
  • Auswirkungen auf die Region: Die Schließung hätte negative Folgen für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Leipzig und das Vertrauen in die Fraunhofer-Gesellschaft als Arbeitgeber erheblich beeinträchtigt.

Die Mitarbeitenden fordern den Senat auf, die Entscheidung des Vorstandes zu überdenken, die zugrunde liegende Analyse offenzulegen und alternative Lösungen zur Fortführung des Fraunhofer IMW zu prüfen.

Hier nun der offene Brief:

„Sehr geehrte Senatsvorsitzende, sehr geehrte Frau Müller,

Sehr geehrte Mitglieder des Senats,

am 17. April 2024 wurde uns, den Mitarbeitenden des Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW (kurz: Fraunhofer IMW) die Entscheidung des Fraunhofer-Vorstandes zur geplanten Betriebsänderung und Teilschließung unseres Instituts verkündet. Der Vorstand begründet seine Entscheidung in einem Brief an die Mitarbeitenden damit, dass eine in Auftrag gegebene »zukunftsorientierte, tiefgehende Analyse sowohl des Portfolios als auch der wirtschaftlichen und unternehmerischen Situation des Fraunhofer IMW« ergeben habe, dass »das Fraunhofer IMW in seiner aktuellen Form unternehmerisch und forschungsstrategisch nicht weiterzuführen ist«. Dass dies in unserer Belegschaft, aber auch in Teilen der Fraunhofer-Gesellschaft und interessierten Öffentlichkeit Bestürzung, Besorgnis und Verunsicherung auslöst, ist klar und auch Ihnen möglicherweise bereits bekannt.

Einsicht in besagte tiefgehende Analyse wurde uns nicht gewährt. Auch auf mehrfache Bitten von Institutsleitung, Führungskräften, örtlichem wie auch Gesamtbetriebsrat, um mehr Nachvollziehbarkeit der zugrundeliegenden Bewertungskriterien und zum gewählten Vorgehen wurde bislang nur ausweichend geantwortet. Aus unserer Sicht ist die genannte Begründung unzureichend und nicht nachvollziehbar. Die Vorgehensweise ist schockierend, hat schwere Konsequenzen und unser Vertrauen in die Fraunhofer-Gesellschaft ist deutlich gestört.

Wir, die Mitarbeitenden des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie IMW, wenden uns daher heute mit der dringenden Bitte an Sie, diese Entscheidung des Vorstands, einschließlich der damit einhergehenden Implikationen für die Mitarbeitenden, die Fraunhofer-Gesellschaft und den beiden Standort-Bundesländern Freistaat Sachsen und Sachsen-Anhalt, zu überdenken und der angekündigten Beschlussvorlage des Vorstands, ohne weitere Prüfung der Begründung unternehmerischer und forschungsstrategischer Notwendigkeit, nicht zuzustimmen. Ferner bitten wir Sie eindringlich, die Satzungskonformität des Vorgehens in Maßnahmenentwicklung und Entscheidungsvorbereitung zu überprüfen.

Im Folgenden möchten wir unsere Bitte begründen:

  1. Zunächst: Das Fraunhofer IMW war und ist stabil finanziert. Zentrale Fakten dazu: Das Fraunhofer IMW weist seit 2015 positive Jahresergebnisse und aktuell eine Institutsreserve von 4,9 Mio. € aus. Seit der Fokussierung auf die Steigerung der Wirtschaftserträge im Jahr 2021, konnten diese von 377 T€ in 2020 (~ 4,1 Prozent) auf 1,15 Mio. € in 2023 (~10,1 Prozent) verdreifacht werden. Für 2024 sind 1,4 Mio. € geplant (~ 12,1 Prozent). Der Stabilitätsindikator als zentraler Fraunhofer-eigener Steuerungsgröße weist für das Fraunhofer IMW seit Jahren eine stabile Position in der Calm-Zone aus. Ein Auftragsbestand an sicheren externen Erträgen von ca. 20 Mio. € spricht, auch bei wachsendem Betriebshaushalt, für zukünftige Stabilität. Es ist festzustellen, dass es dem Fraunhofer IMW innerhalb weniger Jahre gelungen ist, gemessen an Erträgen, RhoWi-Quoten und Stabilität zu vergleichbaren und langjährig etablierten Instituten, wie etwa dem Fraunhofer ISI aufzuschließen.
  1. Aus wissenschaftlicher und forschungsstrategischer Perspektive sind dem Fraunhofer IMW sowohl durch das Kuratorium wie auch im letzten turnusgemäßen Strategieaudit (Mai 2023) eine weitgehend positive Einschätzung der Entwicklung des Fraunhofer IMW in den letzten Jahren sowie gute Entwicklungsperspektiven für die Zukunft bestätigt worden. Ausdruck der erfolgreichen Positionierung des Instituts sind dabei auch mehrere erfolgreich eingeworbene Großprojekte für öffentliche und wirtschaftsnahe Auftraggebende. Auf dem Weg bestehende Herausforderungen erkennen wir an und es bestand große Motivation der Belegschaft, diese anzugehen. Wissenschaftlich konnte sich das Fraunhofer IMW in den letzten Jahren ebenfalls gut positionieren. So lag es im Exzellenzranking (gemessen als feldspezifische Zitationsrate) des Wissenschaftsindikators zwischenzeitlich auf Rang 1.
  1. Bedenken und Zweifel werfen auch die Vorgehensweise des Vorstandes zur Schließung und der Umgang mit uns, den Mitarbeitenden auf. Üblicherweise wird bei Instituten in Schieflage eine strategische Tiefenanalyse durchgeführt. Abgeleitete Maßnahmen zur Umstrukturierung werden über einen Zeitraum von mehreren Jahren eng begleitet und evaluiert. Die geplanten Zeiträume für die Teilintegration von Einheiten in das Fraunhofer ISI (bis 1. Juli 2024) als auch für die Schließung des verbleibenden Teils (bis 31. März 2025) sind hingegen nicht nachvollziehbar. Auch die soziale Härte, in der betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden (wobei bisher völlig unklar ist zu welchem Datum die Kündigungen ausgesprochen werden sollen), und Mitarbeitende in kürzester Zeit, ohne jede Rücksprache verschoben werden sollen, ist ein absolutes Novum in der Geschichte der Fraunhofer-Gesellschaft.

Hinzu kommt, die Entscheidung des Vorstandes wurde uns am 17.04.24 ohne Vorankündigung und Beteiligung relevanter Gremien verkündet. Sowohl Gesamtbetriebsrat als auch der örtliche Betriebsrat wurden – anders als im Schreiben des Präsidenten dargestellt – nicht »frühzeitig und transparent« eingebunden. Der Vorstandsbeschluss wurde am 8. April 2024 getroffen, der öBR und Führungskräfte des IMW am 15. April 2024 – zwei Tage vor Verkündung – in einem kurzfristig angesetzten Termin in Kenntnis gesetzt. »Einbindung« verstehen wir anders. Eine Senatsentscheidung lag zu diesem Zeitpunkt nicht vor und soll nun unbedingt am 12.Juni 2024 erwirkt werden.

  1. Zuletzt und nicht minderbedeutend, die geplante Maßnahme hat bereits jetzt weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Region und das Ökosystem. Der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Leipzig wird ausgerechnet im Jahr einer Landtagswahl im Freistaat Sachsen nicht wie vom Vorstand aufgezeigt »gestärkt«. Vielmehr wird ein aufstrebendes Institut im Freistaat Sachsen aufgelöst und zentrale Teile einem etablierten Institut in Baden-Württemberg neu zugeordnet. Mit Schließung des Fraunhofer IMW ist unklar, wie der Fraunhofer-Standort Leipzig langfristig in seiner Rolle und Bedeutung für Ostdeutschland weiterentwickelt werden soll. Dies zeigt sich auch darin, dass in der Belegschaft des Fraunhofer IMW ein-schließlich bei Mitarbeitenden der Einheiten, die in das Fraunhofer ISI integriert werden sollen, hohe Verunsicherung über die weiteren Perspektiven herrscht und das Vertrauen in die Fraunhofer-Gesellschaft als attraktiver und gemeinwohlorientierter Arbeitgeber erschüttert ist. Auch in laufenden Prozessen, Einstellungsverfahren, Projekten und Akquisen zeigt sich diese Verunsicherung bei Bewerbenden, Auftraggebenden und weiteren Stakeholdern.

Wir stellen fest, dass sowohl aus wirtschaftlich-unternehmerischer, wie auch forschungsstrategischer Sicht eine Schließung des Fraunhofer IMW nicht plausibel und nachvollziehbar zu begründen ist.

Hierzu konnte der Vorstand aus unserer Sicht bisher keine überzeugende Begründung liefern. Insbesondere die Entscheidung darüber, welche Abteilungen aus welchen Gründen abgewickelt werden bzw. in das Fraunhofer ISI integriert werden sollen, erscheint uns Mitarbeitenden intransparent.

Die Vorgehensweise, die Kommunikation sowie der Umgang mit uns den Mitarbeitenden der Fraunhofer-Gesellschaft sind fragwürdig. Kollateralschäden für uns, die gesamte Fraunhofer-Gesellschaft, den Freistaat Sachsen und das Land Sachsen-Anhalt und in der größeren Öffentlichkeit werden in Kauf genommen. Dass das Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW geschlossen wird, ohne Vorankündigung, ohne den üblichen Evaluationsprozess, und bisher ohne die Möglichkeit, die der Vorstandsentscheidung zugrunde liegende Analyse einsehen zu können, passt aus unserer Sicht nicht zu den Ansprüchen einer modernen Governance, Compliance und Unternehmenskultur, die der Vorstand an sich selbst und die Fraunhofer-Gesellschaft stellt.

Daher möchten wir Sie als Mitglieder des Senats der Fraunhofer-Gesellschaft eindringlich bitten, der Beschlussvorlage des Vorstands nicht ohne weitere tiefgehende Prüfung zuzustimmen.

Eine so weitreichende Maßnahme wie die Schließung eines Fraunhofer-Instituts und die betriebsbedingten Kündigungen erfordert aus unserer Sicht eine gründliche und sorgfältige Überprüfung aller Aspekte und Möglichkeiten. Die Einbindung der Betroffenen in die Lösungsfindung gehört nach unserer Auffassung zu einer modernen Unternehmensführung und Unternehmenskultur.

Wir bitten Sie, den Vorstand zu beauftragen, die Empfehlung zur Schließung des Fraunhofer IMW auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Informationen (inkl. der vom Vorstand in Auftrag gegebenen Analyse) zu überdenken und Alternativen zu entwickeln, die den Fortbestand des Fraunhofer IMW als eigenständige Einrichtung in Mitteldeutschland am Standort Leipzig und Halle (Saale) ermöglichen.

Wir bitten um Ihre Unterstützung in dieser herausfordernden Situation und stehen jederzeit für einen konstruktiven Dialog zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Das Kollegium des Fraunhofer IMW“. Soweit der offene Brief.

Werde die Fraunhofer Gesellschaft befragen und bin natürlich gespannt auf die öffentliche Diskussion.

2 Gedanken zu “Zoff bei Fraunhofer: Offener Brief des Kollegiums des Fraunhofer IMW an die Mitglieder des Senats der Fraunhofer-Gesellschaft zur Betriebsschließung des Fraunhofer IMW an den Standorten Leipzig und Halle (Saale): Was sagen die Ministerpräsidenten @reinerhaseloff @MPKretschmer

  1. Anonym

    Das ganze bezeugt letztlich die mangelnde Erfahrung und strategische Sicht des Kompromisspräsidenten Hanselka, der noch immer versucht, Mechanismen des Zwergen-KIT auf die FhG zu übertragen – Hauptsache „Pseudo-Dialog“, das wird für langfristigen Geschäftsterhalt nicht reichen.

  2. Anonym

    Auch wenn die vom Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft verkündete Integration des Fraunhofer INT in das FKIE mit Bestandsschutz bei Standort, Aufgaben und Arbeitsplätzen verbunden ist, so sind doch deutliche Parallelen zu erkennen. Auch dort waren noch nicht einmal die Institutsleitungen in die Entscheidungsfindung mit eingebunden, auch sind die tatsächlichen Gründe nicht klar und die angeführten Gründe widersprüchlich.

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