Wut und Zorn in Europas Zeitenwende

Peter Sloterdijk zeichnet im Deutschlandfunk Kultur ein nüchternes, zuweilen lakonisch-ironisches Bild vom Kontinent, der aus dem Nachkriegsdämmerzustand erwacht. Längst ist vorbei, was er „europäische Traumzeit“ nennt: Europa habe jahrzehntelang im privilegierten Halbschlaf von außen beschützter Sicherheit gelebt, doch diese Friedensdividende sei jetzt aufgebraucht. Sloterdijk mahnt: Die „geborgte Sicherheit“ der USA müsse früher oder später zurückgezahlt und durch eigene Schlagkraft ersetzt werdene. Diese alte Illusion – der „sorglose Verzehr der Friedensdividende“ – wird sich nun zwangsläufig in verstärkter Rüstung niederschlagen. Europa müsse sich dringlich um seinen eigenen Selbsterhalt kümmern, warnt er; einen „positiven Erzählfaden“ müsse es neu spinnen und eine Art europäischen Patriotismus im besten Sinne entwickeln, um Krise und Resignation entgegenzutreten.

Europa als post-imperiales Gebilde

Für Sloterdijk darf die Europäische Union nicht einfach an vergangene Ideale anknüpfen, sondern muss sich neu erfinden. Er bezeichnet die EU als ein „post-imperiales Gebilde“, das mit den Nachwirkungen klassischer Großmachts-Logik konfrontiert ist. Dies entspricht auch Macrons Einsicht, dass „Europa keine großen Erzählungen mehr produziert“ – es hat bislang eher konsumiert als eigene Visionen hervorgebracht. Vielmehr müsse Europa einen souveränen Handlungsspielraum entwickeln. Genau darauf zielt Macrons zaghafter Wiederbelebungsversuch eines gemeinsamen Pfades: Gespräche über eine „Aktions- und Stabilitätsplattform“ läuten kein Fanal ein, wohl aber ein Stück strategischer Ambiguität, die Sloterdijk ausdrücklich befürwortet. Macron habe bei der Debatte um französische Bodentruppen in der Ukraine nicht auf Eskalation gesetzt, sondern darauf abgehoben, die „strategische Ambiguität“ gegenüber möglichen Gegnern wiederherzustellen. Es gehe darum, nicht alles offen darzulegen wie in einer Blankoscheck-Politik – ein Kontrast zum ehemaligen Bundeskanzler Scholz, den Sloterdijk ironisch mit einem Hund vergleicht, den man „zum Jagen tragen“ müsse.

In Zeiten wachsender Krisen – Russlandkrieg, geopolitische Spannungen – muss Europa die Luxusparzelle des reinen Wirtschaftsmarkts verlassen und ein handlungsfähiges Ganzes werden. Sloterdijk lehnt es ab, die EU als bloßes Verwalterkollektiv zu sehen: Sie sei kein „postnationales Projekt“ im Sinne bloß kultureller Einheit, sondern auf dem Weg zur Supernation, die weltweit mithalten können muss. Deshalb müsse sie sich auch militärisch anpassen: Die Einrichtung eines gemeinsamen Euro-Heeres und konsequentere Eigenleistung statt Unterordnung unter fremde Schutzversprechen seien unausweichlich. Europa müsse seinen Bürgern nun eine neue Perspektive eröffnen – eine „positive Erzählung“ und einen eigenständigen europäischen Auftrag, der in bedrohlichen Zeiten verbindett.

Französische Paradoxien: Protest und Paramonarchie

Die französische Protestkultur sei tief verwurzelt, und die Fünfte Republik entpuppt sich als ein subtil paramonarchisches System, in dem Präsident und Parlament in seltsamer Wechselwirkung stehen, so Sloterdijk im Gespräch mit Korbinian Frenzel. Macron versuche dieser Logik derzeit auf absurde Weise zu begegnen: Nachdem sein Premier Lecornu in unglücklicher Manier zurückgetreten war, setzte ihn der Elysée-Palast prompt erneut auf „letzte Verhandlungen über eine Aktionsplattform“ an. Dieses Manöver – fast schon Molière-komisch – fordert dem resignierenden Polit-Profi Lecornu noch einmal binnen Stunden ab, ob er „zur Stabilität des Landes“ beitragen kann. Parallel inszeniert Macron sein Kabinetts-Poker als große Oper: Der abberufene Minister Bruno Le Maire trat zurück – um eine Chance zu schaffen, die Regierungsbildung doch noch zu vollenden. Gleichwohl reagieren die französischen Konservativen verbittert: „Das Vertrauen sei gebrochen“, klagt die Republikaner-Sprecherin Agnès Evren angesichts dieses Lehrstücks. Man spürt Sloterdijks Befund der para-monarchischen Republik: In ihr kann der Präsident fast nach Gutdünken agieren, als gälte es Königswürde mit parlamentarischer Folklore zu verquicken.

Sloterdijks pointierte Beobachtung wäre hier ein ausgleichendes Wort zur ihr inhärenten Farce: Er differenziert etwa streng zwischen Wut und Zorn. Während die rohe Wut wie ein schmutziges Verlangen nach Vergeltung wirkt, ist der Zorn ein „nobler“ Affekt, der auf Gerechtigkeit und Veränderung drängt. In seinen Ausführungen nähert er sich sogar einer politischen Ökonomie der Gefühle: Unerfüllter Zorn funktioniere wie eine unerwiderte Geld‐Einlage bei der Politik, sozusagen eine unterkapitalisierte Bank des Volksmutes, die Raten der Empörung anspart. Mit anderen Worten bleibt Zorn gewissermaßen ein Darlehen an die Zukunft – und irgendwann wird der Zins fällig.

Zorn, Hoffnung und politische Erneuerung

In diesem Kontext sind Hoffnung und Selbstbewusstsein gefragt. Sloterdijk erklärt, dass die Freiheit in Europa nicht mehr selbstverständlich ist – man habe „wieder Feinde“, wie er an anderer Stelle formuliert. Die Antwort darauf darf aber nicht in Lähmung enden. Vielmehr müssten Deutschland und Frankreich nun führend sein und einer neuen Generation langfristige Ziele geben. Nur so kann das postimperiale Europa einen Sinn finden, der über verwaiste Alltagsroutine hinausweist. Eine gemeinsame strategische Ambiguität etwa gegenüber geopolitischen Risiken, wie sie Macron sucht, muss verbunden sein mit einem positiven Bekenntnis zu gemeinsamen Werten. Dies wiederum kann wachsende rechtspopulistische Skepsis nur zurückdrängen, wenn neben Zorn und kluger Ambiguität wenigstens ein Funken Zuversicht bleibt.

Sloterdijks Fazit ist nicht naiv, aber behutsam optimistisch: In unsicheren Zeiten bewährt sich, wer die notwendige Portion edlen Zorns nicht unter den Teppich kehrt, sondern als energiegeladenes Kapital betrachtet – und zugleich die Zukunft nicht ohne Hoffnung gestaltet. Eine neue „europäische Patriotismus“ darf kein Jargon der Bürokraten sein, sondern muss Bürgern und Intellektuellen als positive Erzählung dienen. In diesem Sinne wirken Sloterdijks Analysen wie ein Weckruf: Sie fordern, die Argumentationsökonomie der Gegenwart umzukrempeln, Wut wieder als Ressource zu sehen und Zuversicht in die handlungsfähige Gemeinschaft wieder Einzug halten zu lassen. Nur so könnte Europa in der Tat aus seinen Grundfesten erwachen, ohne dabei seinen edelsten Affekt – den Zorn im Sinne des gerechten Unmuts – aus den Augen zu verlieren.

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