
Christoph Pause hat ein interessantes Interview mit Vera Schneevoigt geführt. Tenor: „Wir haben in Deutschland so viele Pfunde, mit denen wir wuchern können. Nur reden wir die gerade schlecht und klein.“ Sie hat ein Buch geschrieben, mit dem sie der verbreiteten Depression entgegentreten möchte. In „Wir können Zukunft“ will sie Impulse geben für einen positiven Wandel in Vielfalt. Ein Gespräch über Optimismus und Veränderung. Und am Dienstag, den 25. Juni ist sie in unserer Sendung #ZukunftPersonalNachgefragt dabei. Einschalten um 15 Uhr.
Sie haben die Kommunikation zwischen den Generationen schon angesprochen. Ein aktueller Streitpunkt ist der vermeintliche Unwille der Jungen zur Leistung. Fest gemacht wird das in der Regel auch am Wunsch vieler Menschen nach einer reduzierten Arbeitszeit. Sie engagieren sich als Mentorin gerade für jüngere Menschen. Wie blicken Sie auf diese Frage?
Arbeitszeit ist ein ganz interessantes Thema, das sich gut zum Diskutieren und Streiten eignet. Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage nach der Arbeitszeit. Als Managerin war ich immer auf Seiten der Arbeitgeber und habe viele Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften geführt. Anfangs galt die 40 Stunden-Woche, dann hat die IG Metall vor vielen Jahren die 35 Stunden-Woche tariflich durchgesetzt. Als vor kurzem die Lokführergewerkschaft für die 35 Stunden gestreikt hat, haben mich immer wieder Menschen gefragt, wie ich dazu stehe. Ich finde diese Forderung der Gewerkschaft legitim. Mir geht die Selbstgefälligkeit vieler aus meiner Generation gegen den Strich, die immer wieder öffentlich erklären, für sie sei es selbstverständlich gewesen, 50 oder 60 Wochenstunden zu arbeiten und die Menschen heute sollten sich einmal ein bisschen mehr anstrengen.
Zunächst ist die Wochenarbeitszeit eine rein quantitative Kennzahl, die über die Qualität der Arbeit beziehungsweise der erbrachten Leistung nichts aussagt. Darüber hinaus haben alle, die so viele Stunden gearbeitet haben, dafür einen Preis bezahlt. Und nicht nur sie, sondern auch deren Familien und Freunde. Ich habe auch mehr als 35 Wochenstunden gearbeitet, allein schon, weil das in Teams, die in unterschiedlichen Zeitzonen arbeiten, oft nicht anders ging. Ich verstehe aber, dass diejenigen, die ihre Großeltern und Eltern dabei beobachtet haben, wie sie ganz viel Lebenszeit ins Arbeiten gesteckt haben, heute sagen, dass sie das nicht erstrebenswert finden. Weil ihnen anderes eben auch wichtig ist.
Außerdem hat sich die Vorstellung davon, was Arbeit eigentlich ist, gewandelt. Vor 20 oder 30 Jahren hat die sogenannte Care-Arbeit zum Beispiel keine Rolle gesppielt – Kindererziehung, Haushalt, Pflege von Angehörigen. Das ist heute anders. Deshalb finde ich es enorm wichtig, dass wir uns darüber verständigen, was „Arbeit“ eigentlich bedeutet. In meinen Augen ist das ein perfektes Thema für diesen generationenübergreifenden Dialog. Dazu gehört aber, dass alle beteiligten sich zurücknehmen können, dass sie zuhören und nicht immer zeigen, dass sie es viel besser wüssten als die jeweils anderen. Weder weiß ich alles besser, weil ich schon älter bin, noch die junge Frau, weil sie eben erst Anfang 20 ist…..
Das führt direkt zu einem Schlagwort, das in Ihrem Buch ebenfalls breiten Raum einnimmt, das Ehrenamt. Was können wir für das Leben und das Business vom Ehrenamt lernen?
Zum einen ist es ein gutes Gefühl zu erleben, dass man sein Wissen und seine Fähigkeiten für andere einsetzen kann. Mich selbst haben in den letzten Jahren vor allem zwei Themen bewegt: das Thema Asyl und die Flutkatastrophe im Ahrtal.
Mein Mann und ich haben 2015 begonnen, uns um zwei Kinder aus Syrien zu kümmern, wir haben sie als Pflegekinder aufgenommen. Wir haben gesehen, wie wenig wir geben müssen, um Menschen, die unser System nicht kennen, dabei zu unterstützen, das Leben hier in Deutschland zu verstehen, sich zu orientieren und ihren Weg zu finden. Wenn jeder oder nur jeder zweite in Deutschland das tun würde, hätten wir viel geschafft und die Probleme wären längst nicht so groß, wie sie vielen im Moment erscheinen. Das würde uns in Deutschland ganz nebenbei auch dabei helfen, das Arbeitskräfte- und Fachkräfteproblem zu lösen, das schon heute und erst recht in Zukunft unsere Wirtschaftskraft bedroht. Wir haben Zuwanderung, wir brauchen Zuwanderung, also sollten wir sie alle aktiv gestalten…..
WIR KÖNNEN ZUKUNFT
Die ehemalige Top-Managerin, Mentorin, Digitalisierungs- und Innovationsexpertin Vera Schneevoigt ist fest überzeugt, dass wir die Zukunft gestalten können. Wenn wir zusammenarbeiten und uns daran erinnern, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten wir alle haben – Junge und Ältere, Migrantinnen und „Bio-Deutsche, Geflüchtete und Alteingesessene. In ihrem Buch „Wir können Zukunft“ gibt sie Impulse dafür, wie wir es schaffen, das Jammern zu beenden und die Aufgaben zu lösen, vor denen wir stehen. Gemeinsam.
Das Buch erscheint am 10. September bei Haufe. Es ist ab sofort vorbestellbar. Zum Buch „Wir können Zukunft“