Plattformen als regulierender Leviathan – Kann das funktionieren? #rpTEN

Plattformen als Leviathan? Michael Seemann auf der re:publica in Berlin
Plattformen als Leviathan? Michael Seemann auf der re:publica in Berlin

Facebook hat den Vorwurf zurückgewiesen, seine Mitarbeiter hätten in den USA Nachrichten-Trends auf der Plattform manipuliert, um Mitgliedern Berichte mit konservativem Einschlag vorzuenthalten. Das Online-Netzwerk habe keine Belege dafür gefunden, schreibt der zuständige Manager Tom Stocky in einem Facebook-Eintrag.

„In einem Gizmodo-Bericht erklärten namentlich nicht genannte frühere Mitarbeiter, bei der Überprüfung der News-Trends seien Nachrichten über Politiker wie den einstigen republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten Mitt Romney oder Treffen konservativer Gruppen herausgefiltert worden. Dagegen seien Themen wie die Bewegung gegen Rassen-Diskriminierung ‚Black Lives Matter‘ künstlich hinzugefügt worden“, führt heise online aus.

Stocky betont, solche Manipulationen seien nach den internen Richtlinien verboten und es gebe technische Barrieren dagegen. Zudem würden die Aktionen der Mitarbeiter aufgezeichnet und kontrolliert. Aufgabe des Teams sei es vor allem, die von einer Software ermittelten Trend-Nachrichten lediglich auf Doppelungen, Fälschungen oder schwache Quellenlage zu prüfen.

Kann man sich mit diesem Statement von Stocky zufrieden geben? Das wäre wohl naiv. Was sind denn Fälschungen und was ist eine schwache Quellenlage? Selbst mit diesen Stellschrauben kann man Nachrichten verfälschen. Wer ist schon in der Lage, so etwas eineindeutig zu entscheiden?

Vor diesem Hintergrund ist es spannend, sich den Vortrag von Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann auf der diesjährigen re:publica in Berlin anzuhören. Er verabschiedet sich von der Forderung nach politischer Plattform-Neutralität, die er 2010 in die Debatte geworfen hat. Siehe dazu auch: EINSATZ FÜR EIN OFFENES NETZ.

Dieser Begriff sei mittlerweile Quatsch und irreführend. Da wir einen Trend zu zentralistischen Plattformen erleben, sollten Plattform-Betreiber in die politischen Debatten eingreifen dürfen. Man müsse in einer Netzinnenpolitik aushandeln, was sanktioniert werden soll. Facebook und Co. mutieren so zu einer Polizei der Kommunikation. Und das sei verständlich, weil es ja auch um Werbekunden geht. Nazi-Parolen und sonstige Hassreden könnten dazu führen, dass diese Werbekunden verloren gehen. Michael Seemann bringt in diesem Zusammenhang Thomas Hobbes, den Denker des politischen Absolutismus ins Spiel. Weil Menschen als gleichberechtigte Partner ein Zusammenleben nicht hinkriegen, unterwerfen sie sich einem Herrscher, mit dem sie einen Vertrag schließen, schreibt Hobbes in seinem Leviathan-Opus.

„Ihm übertragen sie ihre vormals gleichberechtigt geteilte Macht. Der Herrscher soll basierend auf dem so geschlossenen Gesellschaftsvertrag mit der neuen Macht durchsetzen, was die Menschen gleichberechtigt gemeinsam nicht geschafft haben“, so die knackige Erläuterung von Konrad Lischka.

Mit der ganz großen Keule des Strafrechts sei es nicht möglich, gegen die Hassreden und rassistischen Parolen im Netz vorzugehen, sagt Michael Seemann. Hier sollten die Plattformen tätig werden. Schließlich gab es auch für Kaffeehäuser als Orte der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. und 19. Jahrhundert Hausordnungen. Die Analogie trifft nicht so ganz. Für die Denker dieser Zeit war es keine große Herausforderung, die Lokalität zu wechseln oder gar private Salons als Bühne für ihre Gedanken zu nutzen.

Was passiert, wenn man auf Facebook mit seinem Account gesperrt wird?

Ich halte den Abschied von der Plattform-Neutralität für vorschnell. Wie geht man mit dem Vorwurf der Nachrichten-Manipulation um, der gegen Facebook erhoben wird? Wer kann die Aussagen des Facebook-Community-Managers überprüfen? Wie transparent werden die von Michael Seemann geforderten Sanktionen ablaufen? Wie kann man das überhaupt netzinnenpolitisch mit den Plattformen verhandeln? Wer sitzt da mit wem am Tisch?

Da gibt es noch eine Menge Gesprächsbedarf.

Über die Sozialingenieure der digitalen Sphäre – Bildungsreisen statt LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-Propaganda-Alchemie

Bildungsreisen statt Klickvieh-Strategie
Bildungsreisen statt Klickvieh-Strategie

Die Sozialingenieure in der digitalen Sphäre vertreten mit ihren Tricks und Manipulationen ein fragwürdiges Weltbild. Ob bei der Suchmaschinen-Optimierung, der Anzeigen-Berieselung über Cookies, der Lead-Generierung für sinnlose Mailingaktionen, der Klick-mich-Aktionen von Facebook & Co. oder sonstigen Du-bist-eine-weiße-Maus-für-unsere-Zahlenspielchen-Strategie: Für mich sind es Maschinisten, die einem Weltbild nachlaufen, wie es der Engländer Thomas Hobbes vertrat. Siehe auch: Das Internet und die Massenmanipulation – Kann man nicht nicht manipulieren?

Hobbes machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Die Rechenschieber-Fraktion im Online-Marketing ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt. Menschliches Verhalten im Kleinen und im Großen zu steuern, ist ein Münchhausen-Projekt:

„Bei Kalkülen, die zukünftige Ereignisse betreffen, handelt es sich nicht, wie bei statistischen Aussagen über gegenwärtige Verteilungen, um empirisch nachprüfbare Tatsachen, sondern um Wetten“, bemerkt der Schriftsteller und Mathematik-Kenner Hans Magnus Enzensberger in seiner Schrift „Fortuna und Kalkül“, erschienen in der edition unseld.

Es wuchert die Ungewissheit hinter einem Schleier von vermeintlicher Eindeutigkeit, die mit unseriöser Empirie unterlegt wird.

Die Ergebnisse der Datenjongleure sind niederschmetternd: Menschliche Interaktionen führen zu einer unabsehbaren Zahl von Rückkopplungen, bei denen die Menge der Variablen exponentiell ansteigt.

„Exakte Gleichungen versagen vor solchen Aufgaben. Bereits für grobe Annäherungen wäre ein utopischer Rechenaufwand nötig, um die Reflexivität von ökonomischen und politischen Systemen zu messen“, erläutert Enzensberger.

Elena Esposito kommt in ihrer Schrift „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“ zu einem ähnlichen Urteil. Bei prognostischen Aussagen, die auf Wahrscheinlichkeitskalkülen beruhen, handelt es sich grundsätzlich um Fiktionen. Zukünftige Ereignisse treten nämlich nicht zu neun oder zu 99 Prozent, sondern entweder ganz oder gar nicht ein.

Man könne bestenfalls das voraussehen, von dem man wenigstens weiß, dass man es noch nicht weiß, meint Rudolf Burger in einem Beitrag für den Merkur-Sammelband „Macht und Ohnmacht der Experten“:

„Aber die Masse dessen, was man noch nicht weiß, weiß man derart nicht, dass man nicht einmal weiß, dass man es nicht weiß, wie es in der klassischen Fassung bei Aristoteles heißt.“

Zu dieser Einsicht kam auch der fragwürdige ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, als er in einer Pressekonferenz zum Irak-Debakel von den „unknown unknowns“ sprach.

Um sich diese Peinlichkeiten zu ersparen, könnten die SEO-Targeting-Tracking-Cookie-Bubis einfach in ein Schreibwarengeschäft gehen und Utensilien zum Nachbau der Logik-Maschine von Raimundus Lullus kaufen. Er hatte so um 1300 auf dem mallorquinischen Berg Randa den göttlichen Auftrag empfangen, die Ars Magna zu verfassen. Entstanden ist eine computertaugliche Logiktafel – quasi eine logische Maschine zur Produktion von Aussagen mittels einer permanent sich differenzierenden und fragenden Reflexion. Ein Instrument zum Finden und Erfinden, zum Prüfen und Bestimmen, zum Entwerfen und Erobern neuer Räume des Denkens. Ein steter Kampf gegen das Ungewisse, gegen den Zweifel am Wissen. Nachzulesen in der exzellenten Arbeit von Werner Künzel und Peter Bexte: „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“.

Die Bastelarbeit an dem Lullus-Supercomputer dürfte so für 20 Euro zu haben sein. Am Ende entsteht eine Denkmaschine für Spiel, Assoziation und Erfindungskunst, die übrigens Gottfried Wilhelm Leibniz zur Konzeption des binären Zahlensystems anregte.

Den Bau des Ars-Magna-Apparates könnte man auch mit einem Urlaub auf Mallorca und einer Besichtigung des Lullus-Klosters verbinden, statt sich auf die LEAD-SEO-ONE-TO-ONE–Propaganda-Alchemisten einzulassen. Das Beratungsgeld sollte man lieber für Bildungsreisen ausgeben. Mehr zum Thema erscheint in meiner The European-Mittwochskolumne.

Siehe auch:

Das Facebook-Experiment: Ethisch in Ordnung oder nicht?