Literatur vom Rande des Universums: Neuseeland war da – in Bonn!

Neuseeland, wo sich die Kulturen der Europäer, der Maori und der pazifischen Völker begegnen, ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Motto: „Ich lebe am Rande des Universums, wie jeder andere auch“ beschreibt eine Welt ohne Zentrum, in der jeder zugleich im Mittelpunkt und am Rand steht. „Der Mensch ist ein Körnchen Sternenstaub, global vernetzt und unermüdlich kommunizierend“, schreibt Elsemarie Maletzke in der Literaturbeilage der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Zum Auftakt der Buchmesse veranstaltete das Literaturhaus Bonn im voll besetzten Forum der Bundeskunsthalle eine Lesung mit vier höchst unterschiedlichen neuseeländischen Autoren. Ein guter Querschnitt, um sich einen ersten Einblick über die Literatur dieses Landes zu verschaffen.

Den Anfang machte Eleanor Catton (Jahrgang 1985), die mit ihrem Roman „Die Anatomie des Erwachens“ (Arche Verlag) große Erfolge feierte.

Mit Lloyd Jones (Jahrgang 1955) trat einer der bekanntesten neuseeländischen Romanciers auf. Für seinen Roman „Mr. Pip“ erhielt er 2007 den Commonwealth 
Writers’ Prize. „Die Frau im blauen Mantel“, sein neuer Roman, der im August 2012 auf Deutsch erschien (Rowohlt), erzählt von den Lebenslügen und Wahrheiten der hellhäutigen und sommersprossigen Afrikanerin Ines auf ihrer abenteuerlichen Reise durch die Festung Europa nach Berlin. Moderiert wurde die erste Runde von WDR-Redakteur und Facebook-Freund David Eisermann.

In der zweiten Runde, die vom Verleger Stefan Weidle geleitet wurde, startete mit Carl Nixon wieder ein jüngerer Autor.

Sein Roman „Rocking Horse Road“ erschien im Juli 2012 auf Deutsch (Weidle Verlag): Ende 1980 wird die 17-jährige Lucy Asher tot am Strand von The Spit angespült. Sie wurde erwürgt. In der Mitte dieser Landzunge vor Christchurch verläuft die Rocking Horse Road. Eine Gruppe 15-jähriger Jungen findet die Leiche. Die Suche nach dem Mörder schweißt sie für immer zusammen. 1981 macht Neuseeland eine traumatische Erfahrung: Das südafrikanische Rugbyteam tourt im Land. Protest gegen das Apartheidsregime erhebt sich. Es kommt zu Zusammenstößen mit der Polizei. Als Rugby-Fans erleben die Jungen das Geschehen hautnah mit.

Am Schluss der gestrigen Lesung folgte mit dem Maori Witi Ihimaera (Jahrgang 1944) der Höhepunkt des Abends. Der Autor ist in Deutschland vor allem bekannt durch seinen Roman „Whale Rider: Die magische Geschichte vom Mädchen, das den Wal ritt“ (Rowohlt 2003), dessen Verfilmung sehr erfolgreich war. Das Maori-Mädchen Pai lehnt sich darin erfolgreich gegen die männlich geprägten Traditionen auf und erkämpft sich unter Einsatz ihres Lebens die Anerkennung ihres Großvaters. „Ich stehe in der Verantwortung meiner Vorfahren und habe ein stillschweigendes Abkommen mit ihnen. Es lautet, die Maori-Geschichte zu erzählen, die eine andere ist als die Pakeha-Geschichte. Die Maori-Geschichte ist diejenige der ungelösten historischen Fragen, der Konfiszierung des Landes und der daraus folgenden wirtschaftlichen Verarmung mit all den kulturellen und sozialen Konsequenzen“, zitiert Maletzke den sehr sympathischen und weisen Schriftsteller, der nicht nur eine sehr schöne sonore Stimme hat, sondern auch die Tradition des Maori-Gesanges pflegt. Man braucht sich nur meine Audioaufzeichnung anhören, um sich einen kleinen Eindruck zu verschaffen.

Die deutschen Übersetzungen wurden jeweils vom Schauspieler Ulrich Noethen vorgetragen. Ein echter Hörgenuss!

Radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt: Sam und Haley in Only Revolutions

„Wir haben in gewisser Weise einen historischen Moment, weil eine Ikone der amerikanischen Literatur bei uns zu Gast ist. Only Revolutions von Mark Danielewski ist ein beeindruckendes Werk“, so die Begrüßungsworte von Barbara Weidle, Vorsitzende vom Literaturhaus Bonn.

Ein konzeptuelles Buch in Gestaltung, Aufbau und in der Dramaturgie. „Gleichzeitig ist es auch eine leidenschaftliche Liebesgeschichte zweier 16jähriger. Sam und Haley. Es ist ein radikaler Text, in dem man sich verlieren und eintauchen kann“, so Weidle. Die beiden Hauptakteure seien so, wie man mit 16 sein muss: radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt. Das Ganze sei wie ein Rausch oder Film. „Vor sechs Jahren ist Only Revolutions in Amerika erschienen. Jetzt in einer deutschen Übersetzung herausgekommen, die eine Heldentat ist, wie die taz schrieb“, erklärt der Moderator Thomas Böhm, Programmleiter des Literaturfestivals Berlin, der den Autor während seiner Lesereise durch Deutschland begleitet.

Danielewski wollte ein Buch veröffentlichen, das nur er schreiben kann. Den Stoff dazu lieferte ein Paar, das er an verschiedenen Orten in Amerika gesehen hatte. Das Geld brauchte, um weiterzukommen. Phantastisch ineinander verliebt. Es gibt viele Road Movies, es gibt viele Romane, die on the Road spielen wie das Werk von Jack Kerouac. Dann hat er sich gefragt, wie er das Buch schreiben und gestalten würde. Herausgekommen ist ein Road Movie in Romanform. Matthias P. Lubinsky vom Dandy-Club nennt es ein dreidimensionales Meisterwerk. Und Robert Matthias Erdbeer schreibt in der taz: „Pro Doppelseite finden sich vier ‚Cantos‘ zu je 90 Worten. Die zwei unteren sind umgekehrt gedruckt, sodass man – Achtung, Revolutions! – den Roman um seine Achse drehen und von beiden Seiten lesen muss. Im Turnus von jeweils acht Seiten. Warum? Weil Danielewski einen ‚demokratischen‘ Beziehungsplot entwickelt, den die beiden Teenielover Sam und Hailey aus zwei Perspektiven selbst erzählen. Falls ‚erzählen‘ hier die richtige Bezeichnung ist. Die achtseitigen ‚Cantos‘ sprengen nämlich jede Prosaform und zielen auf die Mutter aller Dichtungen, das Versepos ab. Entsprechend spreizen sich die Zeilen rhythmisch in gebundener Rede: ‚Doppelrechtslinksrechts rechtslings Sprünge mit Wings‘ oder ‚Krassgeiler Bass, Snare & Blech, machen / dem Ständigen Kater kein Theater.‘ ‚Al ter Schwe de‘, möchte man da mit den Übersetzern sagen (‚fi ki pi ti‘, sagt der Dichter selbst).“

Über die Glossen, die in Chronikform den Rand des Fließtextes zieren, werde die Lovestory zum Weltgedicht eines Welttheaters, das volle 200 Jahre (1863–2063) umfasst. Wo Sam und Hailey munter vögeln (‚ich stoße diesen Fickschmaus schneller‘), findet sich zum 18. Oktober 1976 etwa folgender Eintrag: ‚Panzer von Chrysler. Erdbeben am Ararat, 4000 tot. – Saft! Saft! Libyen & Fiat. Tip O’Neill. Kurt Waldheim für die UNO“, führt Erdbeer aus.
Es sei schwierig am Anfang, den Sound von Sam und Hailey zu erfassen, sagte Danielewski in Bonn.

Irgendwann gelinge es, die Jugendsprache, die sich in den Zeitläuften ständig ändert, zu verstehen. Es werde die Vielstimmigkeit der Welt eingefangen, das Vergehen der Zeit. Beides verschränkt sich, da Danielewski das Vokabular verschiedener Zeiten untersucht und eingebaut hat. Eine Sprache, die von der Musik vorangetrieben wird. Es sind Wortspiele, um Bedeutung zu erzeugen.

Die Sprache wächst aus dem Klang heraus. Die Zeit dreht sich und die Jugendlichen versuchen, aus diesem Korsett auszubrechen. Der Autor macht keine Vorgaben, wie man die Welt zu sehen hat. Der Leser müsse das Buch selber entdecken und zum Leben erwecken. Keine mechanistische Lektüre. Wenn man den Geist von Sam und Hailey, den Geist der Geschichte erfasst, findet man sich selbst in diesem Buch.

Siehe auch:

Feuilleton-Beherrscher Martin Amis auf der lit.COLOGNE: “Eros als Lebensantrieb”.

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden.

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast.

Nächste Veranstaltung:

Am Freitag, den 23.03.2012, um 20:00 Uhr: Lesung von Thomas Franke: Gustav Meyrink – Erzählungen des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers. Buchhandlung Böttger.