
Was sagen uns die Plakate? Und was sagen sie nicht?
Die Straßen Bonns sind wieder tapeziert: Gesichter, Slogans, Farben. Bei der OB-Wahl am 14. September 2025 treten bekannte Namen gegeneinander an – doch der Wahlkampf wird mit auffallender Zurückhaltung geführt. Die Plakate versprechen viel, verraten aber wenig.
„Ziemlich inhaltsleer“, urteilt Prof. Dr. Hektor Haarkötter, Kommunikationswissenschaftler an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er ist in der Stadt unterwegs und analysiert, was ihm vor die Augen kommt.

🟢 Die grüne Kandidatin ohne grün
Katja Dörner, die amtierende Oberbürgermeisterin, verzichtet auf grüne Farbgebung und auf ein klares Parteibekenntnis. Nur eine kleine Sonnenblume weist auf ihre Parteizugehörigkeit hin. „Offenbar geht man davon aus, dass sie bekannt genug ist“, so Haarkötter gegenüber dem General Anzeiger. „Es schwingt die Botschaft mit, dass sie eine Oberbürgermeisterin für alle sein will.“
Die Farbwahl – blau-gelb – erinnert allerdings eher an die FDP. „Das ist schon bemerkenswert“, sagt Haarkötter.

🔵 Konservativer Neustart und klassischer Sozialdemokrat
Guido Déus (CDU) setzt auf die Formel „Bonn lebt auf – Neustart 2025“, ein verheißungsvoller Neustart-Slogan, der auf positive Zukunftsgefühle zielt.
Jochen Reeh-Schall (SPD) bleibt bei „Für Bonn. Für alle.“ – ein Evergreen sozialdemokratischer Kommunikation. Solide, bekannt, aber nicht besonders auffällig.

🟡 FDP und 🟣 Volt: Textlastig, verspielt – aber riskant
Petra Nöhring (FDP) erklärt sich „zuständig für Bonn“, ergänzt durch Themenplakate wie „Kitas öffnen zuverlässig“. Verständlich, aber fast schon sperrig, meint Haarkötter.
Volt wiederum setzt auf Ironie: „Friede, Freude, Kitaplatz“ oder Schubladen nur für die Socken. Für Haarkötter ein gewagter Ansatz: „Die meisten Menschen verstehen Ironie nicht beim schnellen Vorbeigehen. Das ist riskant.“
Noch problematischer: Die Textlastigkeit. Wenig Bildanteil, viel Lesearbeit – und damit im Widerspruch zur Erkenntnislage der Forschung. Das Plakat des BBB – von weiter Entfernung kaum lesbar:

📚 Die Wissenschaft: Bilder wirken – Texte eher nicht
Doch die Kommunikationsforschung ist nicht untätig geblieben. Schon in den 1960ern stellte Henk Prakke klar: Wahlplakate stehen im Dauerwettbewerb um Aufmerksamkeit. Sie müssen sofort erfassbar, einprägsam und visuell klar sein – sonst verlieren sie gegen die Reizkulisse der Straße.
An diesem Befund hat sich bis heute wenig geändert. Besonders deutlich wird das in den Studien von Prof. Dr. Stephanie Geise und Prof. Dr. Frank Brettschneider, die 2010 den sogenannten Picture Superiority Effect im Kontext politischer Kommunikation untersuchten. Ihr Fazit:
„Plakate mit Bildern machen den besseren ersten Eindruck, bleiben eher im Gedächtnis und werden als Kommunikationsmittel besser akzeptiert.“
Für rein textbasierte Entwürfe – wie sie bei Volt oder gelegentlich bei Die Linke auftauchen – ein denkbar ungünstiger Befund.
Zwar lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen Plakat und Wahlerfolg empirisch belegen, doch Umfragen zeigen zumindest eine hohe Sichtbarkeit: Nach der Bundestagswahl gaben 92 % der Befragten in einer KAS-Studie an, Wahlplakate wahrgenommen zu haben. Wirkung – ja. Messbarkeit – nein.
Gesicht zeigen bleibt Pflicht
Die Kommunikationsprofis sind sich dennoch einig: Wer gewählt werden will, muss sich zeigen. Plakate machen Kandidaten sichtbar, verankern Namen, schaffen Wiedererkennung.
Und nun wieder in der 30. Kalenderwoche die vom Wahlkampf-Management der Bonner Parteien so ersehnte Prognose für die OB-Wahl. Wir beschränken uns in der Datenanalyse auf das Kopf-an-Kopf-Rennen für das Spitzenamt. Stadtrat und Bezirke nehmen wir nur in einem Seitenblick war.
🗳️ OB-Wahl Bonn – Sichtbarkeits- und Stimmungsindex (KW 30, Stand: 23. Juli 2025)
| Kandidat:in | KW 29 | KW 30 | Trend |
|---|---|---|---|
| Guido Déus (CDU) | 32 % | 31 % | ⬇ leicht |
| Katja Dörner (Grüne) | 27 % | 27 % | → |
| Jochen Reeh-Schall (SPD) | 20 % | 20 % | → |
| Petra Nöhring (FDP) | 7 % | 7 % | → |
| Michael Faber (Linke) | 6 % | 6 % | → |
| Johannes Schott (BBB) | 4 % | 4 % | → |
📌 Fazit KW 30:
Das Feld bleibt festgefahren. Sichtbarkeit und Tonlage bewegen sich im Ferienmodus. Lediglich Déus verliert minimal – kein Kandidat setzt nennenswerte Impulse. Bis nächsten Mittwoch 🙂
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