
Professor Karlheinz Schwuchow über die Grenzen datengetriebener Effizienz, die Sehnsucht nach Whitebox-Systemen – und warum Vertrauen in KI mit Vertrauen in Führung beginnt.
Die Erwartung war groß, der Titel provokant: „KI zwischen Hype und Ernüchterung“ – Professor Karlheinz Schwuchow, renommierter Hochschullehrer für Global Management an der Hochschule Bremen, stellte auf der Zukunft Personal Nord nüchterne Fragen in ein Umfeld, das sich gerne von Buzzwords tragen lässt. Sein Fazit: Die Potenziale künstlicher Intelligenz sind unbestritten – aber im Personalwesen bleiben sie häufig an der Oberfläche.
Algorithmen können rechnen, aber nicht urteilen
„Wir stehen am Anfang“, sagt Schwuchow. Zwar werde KI im HR-Bereich zunehmend eingesetzt – etwa bei der Optimierung von Stellenanzeigen oder der automatisierten Bewerbervorauswahl. Doch der Einsatz bleibe meist auf Effizienzsteigerung begrenzt. „KI kann nur vorhersagen, was in der Vergangenheit funktioniert hat“, so der Professor. Der berüchtigte Satz „Garbage in, garbage out“ gelte auch hier: Schlechte oder einseitige Datensätze führen zu verzerrten Ergebnissen – und bergen das Risiko, bestehende Ungleichheiten zu reproduzieren.
Zwar existieren inzwischen erste „Whitebox“-Modelle, etwa von Aleph Alpha, die nachvollziehbarere Entscheidungswege ermöglichen. Doch die Praxis sei davon noch weit entfernt.
Maschine trifft auf Mensch: Persönlichkeit bleibt auf der Strecke
Besonders kritisch sieht Schwuchow den Einsatz von KI bei der Personalauswahl. Zwar könnten Algorithmen große Mengen an Lebensläufen sortieren – doch sie orientierten sich dabei meist an historischen Erfolgsmustern. „Wer nicht den Standardweg gegangen ist – etwa aus einem nicht-akademischen Elternhaus stammt – fällt leicht durchs Raster“, warnt Schwuchow. Nicht selten seien es jedoch gerade diese Kandidaten, die mit ungewöhnlichen Biografien, Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft überzeugen könnten.
Die Lösung? Nicht das System abschaffen – sondern es intelligenter machen. „Wir müssen lernen, in die Algorithmen einzugreifen, Vielfalt bewusst einzuprogrammieren“, so Schwuchow. Doch das erfordere eine neue Kompetenz im Personalbereich: AI Literacy, also das Wissen um Funktionsweise, Grenzen und Gestaltungsmöglichkeiten künstlicher Intelligenz.
Vom Hype zur Qualifikation
Mit Blick auf die europäische KI-Verordnung mahnt Schwuchow: „Jede Organisation, die KI einsetzt, ist künftig verpflichtet, ihre Mitarbeitenden zu qualifizieren.“ Schnellschulungen reichten nicht. Vielmehr brauche es ein echtes Verständnis – nicht nur technisch, sondern auch ethisch und strategisch. KI sei kein Outsourcing-Tool für Entscheidungen, sondern ein Analyseinstrument. Das eigentliche Denken bleibe menschlich.
Individuelle Förderung: Chance oder Illusion?
Trotz aller Skepsis sieht Schwuchow auch die positiven Möglichkeiten: etwa in der individualisierten Bildung. Er verweist auf Ideen des Science-Fiction-Autors Herbert W. Franke, der schon vor Jahrzehnten sogenannte Lernmaschinen propagierte: 30 Schüler – aber 30 individuelle Konzepte. „Das könnte ein echter Fortschritt sein – wenn wir es schaffen, Technologie empathisch zu gestalten.“
Dass KI sogar zur Talenterweckung beitragen kann, zeigt Schwuchow an einem persönlichen Beispiel: die gemeinsame Komposition eines Songs mit KI-Unterstützung. Die Idee kam vom Menschen – aber umgesetzt wurde sie in Sekundenschnelle von der Maschine. Ein kreativer Dialog.
Forschung im globalen Vergleich
Aktuell arbeitet Schwuchow mit internationalen Partnern – aus Indien, Brasilien, den USA und Deutschland – an einer vergleichenden Studie zur KI-Kompetenz. Ziel ist es, nicht nur technische Fähigkeiten zu untersuchen, sondern auch Vertrauen, Akzeptanz und kulturelle Unterschiede. Vertrauen sei, so Schwuchow, ein entscheidender Faktor: „Gerade auf unteren Führungsebenen korreliert das Vertrauen in KI stark mit dem Vertrauen in den direkten Vorgesetzten.“ Die Gestaltung von KI sei also nicht nur eine Frage der Technik, sondern der Führungskultur.
Transformation braucht Kontext und Kultur
Ein Exkurs in den Oman rundet das Gespräch ab: Dort sei es gelungen, binnen fünf Jahrzehnten von vormodernen Strukturen in die technologische Gegenwart zu gelangen – ohne die kulturelle Identität zu verlieren. Eine Lehre, auch für Europa. „Transformation funktioniert nur, wenn man die Menschen mitnimmt – und das Eigene nicht vergisst.“
Künstliche Intelligenz ist weder Heilsbringer noch Bedrohung – sondern ein Werkzeug. Entscheidend ist, wer es wie einsetzt. Im Personalwesen braucht es dringend neues Wissen, kritische Reflexion und ethische Wachsamkeit. Und den Mut, jenseits der Daten auch den Menschen zu sehen.
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📺 Interview mit Prof. Schwuchow: YouTube-Link
📚 Geplante Studie zur AI Literacy erscheint 2025
🎙 Autorengespräch geplant bei ZP Nachgefragt, sobald das neue Buch erscheint