
Heute widmen wir uns noch einmal dem Phänomen der Konsultanten. Früher nannte man diese Gestalten einfach Sekretäre. Die politischen Parteien halten an dieser nostalgischen Nomenklatur fest und nennen ihre Vordenker weiterhin Generalsekretäre. Doch in Wirklichkeit agieren diese neuen Bürokraten eher wie Tiger: stets bereit, zuzuschlagen, aber zahnlos.
Heute darf ich einen Text des Philosophen Peter Sloterdijk präsentieren, der 2008 in der „Revue für postheroisches Management“ erschien. Eine Zeitschrift, die sich inzwischen dem reißerischen Titel „Revue Magazine für Snacks Society“ verschrieben hat. Natürlich Quatsch. Revue – Magazine for the Next Society hieß dann dieses heilige Opus – 2014 auf dem Friedhof der Eitelkeiten verstorben.
Snacktauglich sind zumindest immer noch Artikel Sloterdijks, der unter dem unspannend klingenden Titel „Konsultation: Eine begriffsgeschichtliche Erinnerung“ veröffentlicht wurde.
Keine noch so sorgfältige Überlegung geht organisch in eine anschließende Maßnahme über, sagt Sloterdijk. Zwischen Reflexion und Entscheidung klafft stets eine Lücke, die nur durch einen Sprung überwunden werden kann. Daher gibt es keine Konsultation ohne den heroischen Akt des Springens. Berater sind demnach nicht die Früchte am Baum, die reifen und im richtigen Moment fallen. Nein, sie sind die unreifen Früchte, die gepflückt werden müssen, bevor sie verderben.
Sloterdijk setzt sich ab von der taoistischen Lehre des Nichthandelns. Im Westen, meint er, regiert das Prinzip der beschleunigten Zeit: Die richtige Entscheidung kommt immer zu früh und ist damit genau richtig. Konsultanten sind die Apostel der Enthemmung, sie überbrücken die Kluft zwischen Wissen und Handlung durch die entfesselte Dynamik des Handelns.
Man kann sich das wunderbar im Kontrast zu den Chinesen vorstellen, die den Weltbaum als Metapher nutzen. Dort reifen politische Entscheidungen wie Früchte und fallen im richtigen Moment. Der westliche Berater jedoch pflückt die Frucht zu früh, weil er weiß: Zu spät ist immer schlechter.
Der Konsultant ist der moralische Komplize des Handelnden. In der französischen Psychoanalyse spricht man von „passage à l’acte“ – dem Umschlag von Überlegung in Handlung. Der Berater weiß: Jeder Erfolg ist nur ein aufgeschobenes Scheitern. In dieser paradoxen Wettlauf-Philosophie findet der Berater seine Erfüllung.
Sloterdijk bringt es auf den Punkt: Moderne Unternehmensberater sind keine metaphysischen Bukoliker, sondern wendige Sprinter in einem unaufhörlichen Wettbewerb mit dem Scheitern. Sie leben vom Zufall und von der Unberechenbarkeit, die sie sich zunutze machen wie ein opportunistischer Machiavelli.
Fortuna, die Göttin des Glücks und des Zufalls, ist ihre Muse. Ihr Erfolg hängt davon ab, wie geschickt sie die Launen dieser Göttin ausnutzen können. Machiavellis Weisheit: Fortuna ist eine Frau, die gern dem folgt, der sie im richtigen Moment fest anfasst. Unternehmer sind Opportunisten, die Gelegenheiten nutzen, die nur einmal kommen.
Und schließlich die Rache des Klienten – ein konstantes Thema für jeden Berater. Die Undankbarkeit des Klienten ist eine Gewissheit. Um dieser zu entgehen, haben Berater die „schöpferische Ungenauigkeit“ perfektioniert. Ein Orakel, in moderne Sprache übersetzt: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Präzise Unpräzision – das ist die Kunst des Beratens.
Viel Spaß beim Nachdenken über die Früchte, die Du zu früh pflücken wirst.