Johann Joseph Eichhoff und das europäische Erbe, das Bonn verspielt @AuswaertigesAmt @BundesKultur

In einer Zeit, in der Bornholm plötzlich das Symbol europäischer Sicherheit und Vernetzung wird – Windkraft, Datenkabel, Schifffahrtswege –, darf man ruhig einmal an den Mann erinnern, der diese Verbindungsideen nicht nur dachte, sondern konkret verwaltungstechnisch umsetzte: Johann Joseph Eichhoff, erster Bürgermeister von Bonn, aufgeklärter Pragmatiker, verkannter Vordenker eines vereinigten Binnenraums. Lange vor Brüssel, lange vor Maastricht.

Eichhoff war nicht nur ein Verwaltungsbeamter, der es vom Hofkoch zum Generaldirektor der Rheinschifffahrt brachte – er war ein politischer Visionär, der die Flüsse als arterielle Verkehrsachsen dachte, die nicht durch kleinstaatliche Zölle verstopft werden dürfen. Ein Rhein, auf dem ein Schiff dreißig Mal stoppen und zahlen musste, war für ihn Ausdruck feudaler Rückständigkeit, nicht wirtschaftlicher Ordnung. Als Frankreich das Rheinland annektierte, war er einer der ersten, der die Chance erkannte: Grenzen aufheben, Handel ermöglichen, Wohlstand stiften – was später als „Binnenmarkt“ euphemisiert wurde, war bei ihm klar: Regulierung, Vereinfachung, Modernisierung.

Eichhoff war seiner Zeit voraus, auch in der Art, wie er politische Kommunikation dachte: klare Worte, kritischer Blick auf Machtmissbrauch, Respekt vor alten Ordnungen, ohne sie zu verklären. In seiner Antrittsrede 1800 geißelte er das Chaos der Revolutionsgewinner, die „unaufhörlich Freiheit und Gleichheit ausposaunten, während sie auf unausstehlichste Weise despotisierten“. Solche Sätze würden auch heutigen Debatten guttun.

Und heute? Die Stadt, deren Entwicklung er maßgeblich geprägt hat, versteht dieses Erbe nicht mehr. Schlimmer noch: Sie verstößt es. Als es um die Rückgabe des ihm gewidmeten Porträts ging – eine Dauerleihgabe für das Bonner Stadtmuseum, historisch wertvoll, identitätsstiftend –, wurde es einfach, mit einem Schulterzucken versehen, an die Nachfahren überstellt. Und so wurde aus einem Porträt, das im Gedächtnis einer Stadt hätte wirken können, ein peinliches Kapitel provinziellen Desinteresses. Bei den Nachkommen, gut vernetzt in der europäischen Gegenwart, sorgte das für Kopfschütteln. Verständlich.

Was hätte Eichhoff dazu gesagt? Vielleicht dies: Dass eine Stadt, die ihre Geschichte nicht kennt, auch keine Zukunft verdient. Dass eine Verwaltung, die zwischen Schuldenbergen und Strukturversagen taumelt, gut beraten wäre, sich auf jene zu besinnen, die in Zeiten wirklicher Umbrüche Haltung, Vernunft und Pragmatismus bewiesen haben. Eichhoff wusste, wie man mit Krisen umgeht. Es ist höchste Zeit, ihn zurückzuholen – nicht nur symbolisch, sondern mental. In einer Zeit, in der Europa um seine Infrastruktur, seine Vernetzung und seine innere Ordnung ringt, könnte Bonn mehr Eichhoff, weniger Ausweichrhetorik gebrauchen. Und wer weiß – vielleicht beginnt europäische Erneuerung ja genau dort: am Rhein, mit einem Blick zurück, der mehr Zukunft enthält als viele Fensterreden der Außenpolitik.

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