
Die Green Monday Wirtschaftsinitiative hat beim Update im Juni eine Reihe von konkreten politischen Hebeln benannt, die als Booster für Konjunktur, Ressourceneffizienz und Klimaschutz zugleich wirken könnten. Die Vorschläge richten sich nicht nur an die Bauwirtschaft, sondern zielen auf alle Branchen mit stofflich relevanten Materialströmen.
1. Steuerliche Entlastung für nachweislich wiederverwendete Produkte
Im Zentrum steht der Appell, wiederverwendete oder aufbereitete Produkte durch eine Halbierung oder vollständige Streichung der Mehrwertsteuer zu privilegieren. Ziel: Ein marktwirtschaftlicher Anreiz für echte Zirkularität.
„Wer Produkte im Kreislauf hält, sollte steuerlich entlastet werden – idealerweise durch einen reduzierten oder vollständig gestrichenen Mehrwertsteuersatz.“
– Wilhelm Mauss, Geschäftsführer Lorenz GmbH & Co. KG
2. Zirkuläre Beschaffung in der öffentlichen Vergabe verankern
Statt allein auf den günstigsten Preis zu setzen, sollten öffentliche Stellen künftig die Kriterien Wiederverwendung, CO₂-Bilanz, Materialherkunft und Rezyklierbarkeit verbindlich berücksichtigen.
„Die Wiederverwendung muss zum Zuschlagskriterium werden – nicht das billigste Neuprodukt.“
– Dirk Böttner-Langolf, BDE
3. Bilanzierungs- und Bewertungsrecht reformieren
Wiederverwendbare Materialien mit dokumentierter Herkunft müssen als Vermögenswerte bilanzierbar werden – analog zum NRW-Modell, das seit 2023 eine zirkuläre Bilanzierung bei öffentlichen Bauherren erlaubt.
4. Versicherbarkeit zirkulärer Komponenten ermöglichen
Ein zentrales Umsetzungshemmnis bleibt der Versicherungsschutz: Für rückgebaute oder gebrauchte Komponenten fehlen Policen. Gefordert wird ein Förderfonds für Rückbürgschaften und neue Versicherungsmodelle.
5. Reform des technischen Normenwesens
Das bestehende Normensystem bevorzugt Neuprodukte. Ökologische Standards und stoffliche Vielfalt müssen in das technische Regelwerk integriert werden – ein längst überfälliger Schritt, um Zirkularität regulatorisch zu ermöglichen.
6. Digitale Materialpässe einführen
Standardisierte, digitale Materialpässe sollen die Herkunft, Zusammensetzung und Wiederverwertbarkeit von Produkten dokumentieren – Vertrauensbasis für Planung, Rückbau, Zertifizierung und Versicherung.
7. Regionale Kompetenzzentren etablieren
Für Mittelstand, Kommunen und Wohnungswirtschaft braucht es praxisnahe Unterstützung, juristische Klarheit und technologische Beratung – etwa durch regionale Kompetenzzentren mit Pilotcharakter.
Technologischer Rückenwind durch KI und Datennutzung
In der TechBoost-Session zeigte sich: Viele Unternehmen besitzen bereits die Daten, um nachhaltiger zu wirtschaften – doch nutzen sie nicht systematisch. Tools wie AOSIS (AI-Driven Opportunity Scout for Innovation & Sustainability) helfen, blinde Flecken sichtbar zu machen und Investitionsentscheidungen datenbasiert zu steuern.
Vom Pilot zur Breitenwirkung
Das Beispiel Lorenz GmbH zeigt: Wiederverwendung ist kein moralischer Appell, sondern betriebswirtschaftliche Rationalität. Unternehmen, die in Kreisläufe investieren, sichern Arbeitsplätze, reduzieren Risiken und stärken ihre Resilienz.
Damit diese Vorreiter keine Einzelfälle bleiben, braucht es jetzt: eine entschlossene Neuausrichtung des politischen Rahmens.
Der nächste Green Monday findet am 15. September bei der GLS-Bank in Bochum statt. Wer hat Lust, mitzumachen? Session-Vorschläge willkommen.