Eine Antwort auf „Von Gewinnmaximierung zu Treuhänderschaft“ von Christoph Berdi und Bettina Dornberg

Zwischen Ethik und Ökonomie

Der Essay von Christoph Berdi und Bettina Dornberg ist ein anregendes Plädoyer: weg von der kalten Rationalität der Betriebswirtschaft, hin zu einem „holistischen“ Unternehmertum (mir geht das Wort der Ganzheitlichkeit ziemlich auf die Nerven….), das Verantwortung, Sinn und Nachhaltigkeit ins Zentrum rückt. Doch bei allem Pathos über Treuhänderschaft und Beziehungsökonomie bleibt die entscheidende Frage offen: Wie entsteht in der Realität jene Dynamik, die solche Wertordnungen überhaupt finanzierbar macht?

Hier hilft kein moralischer Appell, sondern ein nüchterner Blick auf das ökonomische Getriebe selbst. Denn wer über Verantwortung spricht, muss auch über Produktivität reden.

Die blinde Stelle des Holismus

Bachmann hat in seinem Podcast Makro am Mikro das Solow-Modell neu zum Klingen gebracht – eine Theorie, die so unmodisch ist, dass sie gerade deshalb wieder aktuell wird. Robert Solow zeigte in den 1950er Jahren, dass Wachstum nicht von guten Absichten oder sozialer Kohäsion abhängt, sondern von Kapital, Arbeit und – entscheidend – von technologischem Fortschritt.

Wenn dieser Fortschritt stockt, fällt die Wirtschaft in den sogenannten Steady State, den stationären Zustand: Der Kapitalstock wächst, die Bevölkerung stagniert, und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf tritt auf der Stelle.

Das mag effizient sein, aber es ist nicht lebendig.

Berdi und Dornberg sprechen vom „Ausbruch aus dem Korsett des Rationalismus“. Bachmann würde erwidern: Der eigentliche Engpass liegt nicht in der Ratio, sondern in der Routine – in der Unfähigkeit, Wissen und Innovation in reale Produktivität zu verwandeln.

Deutschland illustriert das perfekt: hohe Sparquote, solide Unternehmensbilanzen, aber ein schleichender Rückgang der Totalen Faktorproduktivität (TFP) – also jener Teil des Wachstums, der aus Ideen, Bildung, Organisation und Technologie entsteht.

Schumpeter reloaded

Hier treffen sich Solow und Schumpeter auf überraschende Weise.
Schumpeter beschrieb keine „schöpferische Zerstörung“ als romantischen Donner der Innovation, sondern ein psychologisches Phänomen: Gesellschaften verlieren den Mut zur Neuerung, sobald sie sich an Wohlstand gewöhnen. Der Kapitalismus erstickt nicht an Profitgier, sondern an Sicherheit.

Das ist die eigentliche Wachstumsbremse – nicht die Gewinnmaximierung, wie Berdi und Dornberg meinen, sondern die Entkoppelung von Unternehmertum und Erneuerung.
Denn wer sich nur noch als Treuhänder versteht, verwaltet Werte, er schafft keine neuen.

https://twitter.com/olk_julian/status/1975173729916178523/photo/1

Bachmanns nüchterner Befund

Bachmann zeigt im Solow-Modell, dass eine höhere Sparquote – also mehr Investitionen in bestehende Strukturen – kurzfristig den Wohlstand hebt, aber langfristig wirkungslos bleibt. Wachstum entsteht nicht durch mehr Kapital, sondern durch mehr Ideen.

Das ist der blinde Fleck der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte: Sie moralisiert, wo sie modernisieren müsste. Sie spricht über Verantwortung, aber nicht über Produktivitätspolitik.

Wer also von einer „Ökonomie des Guten“ träumt, muss erklären, woher die Produktivitätsgewinne kommen, die sie tragen. Nachhaltigkeit ist keine Tugend, sondern eine Folge von Innovation – von Technologien, Prozessen und Bildungsniveaus, die das Solow-Residuum, also den unerklärten Teil des Wachstums, heben.

Vom Predigen zum Produzieren

Das Ideal des „holistischen Unternehmers“, wie Berdi und Dornberg es zeichnen, hat Charme. Es integriert Ethik, Beziehung und Sinn. Doch ohne ökonomische Fundierung bleibt es Rhetorik.
Ein unternehmerischer Akteur, der seine Gewinne „treuhänderisch“ verwaltet, braucht zuerst Gewinne, die er verwalten kann.

Bachmanns Analyse erinnert daran, dass moralische Ökonomie und makroökonomische Realität zwei Seiten derselben Medaille sind. Eine Volkswirtschaft, die ihre Innovationsbasis vernachlässigt, wird bald weder soziale Verantwortung noch ökologische Transformation finanzieren können.

Die Rückkehr des Realismus

Vielleicht ist das die Pointe dieser Debatte:
Das 21. Jahrhundert braucht keine Flucht aus der Vernunft – sondern eine Erweiterung derselben.
Nicht weniger Ökonomie, sondern bessere. Nicht moralische Überhöhung, sondern intellektuelle Präzision.

Solow lehrt, dass Wachstum nur aus technologischem Fortschritt entsteht.
Bachmann ergänzt, dass dieser Fortschritt politisch und institutionell ermöglicht werden muss – durch Bildung, Forschung, Migration und offene Märkte.
Schumpeter mahnt, dass Routinen tödlich sind, wenn sie Innovation ersetzen.

Wer also über „Treuhänderschaft“ spricht, sollte zuerst fragen: Treuhänder wessen Zukunft?
Denn Verantwortung ohne Fortschritt bleibt gut gemeint – aber ökonomisch leer.

Die neue Moral der Wirtschaft darf nicht den Fehler der alten Effizienzreligion wiederholen: Sie darf sich nicht für vollständig halten. Weder Gewinnmaximierung noch Treuhänderschaft sichern Wachstum – sondern die Fähigkeit, Neues zu schaffen.

Oder, um Bachmanns nüchternen Satz in deutsche Realität zu übersetzen:
Nur wenn die Produktivität wächst, kann auch die Moral bezahlt werden.

Siehe auch:

Die Industrieproduktion fällt auf das Niveau von 2005. Ökonomen mahnen nun dringend Reformen an.

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