Der Zufall kennt die bessere Strecke

Franz Xaver Gernstls „Glück gehabt!“ erzählt von vier Jahrzehnten Filmemachen, von drei Freunden im roten Bus und von einer journalistischen Kunst, die dem Ungeplanten vertraut. Zugleich liest sich das Buch als Nachruf auf ein Fernsehen, das seine schönsten Geschichten fand, bevor Redaktionen sie in Ablaufpläne pressten.

Ein Segelboot gleitet über den Dammschen See. Die Abendsonne liegt auf dem Wasser, der Erste Geiger der Stettiner Philharmoniker sitzt an Bord und fasst das menschliche Dasein in zwei Bewegungen: geboren werden, sterben. Dazwischen bleibt eine offene Strecke. Franz Xaver Gernstl hört zu, denkt an den alten Dreisatz vom Baum, vom Sohn und vom Haus und stellt fest, dass Ameisen seinen Baum gefressen haben, die Söhne gelungen sind und ihm das Häuserbauen fernliegt. Also schreibt er ein Buch.

So beginnt „Glück gehabt! Über das Unterwegssein, das Filmemachen und das Leben an sich“. Seit dem 13. Mai 2026 liegt der Band im Kösel-Verlag vor; 272 Seiten, zahlreiche Fotografien, inzwischen in zweiter Auflage und als SPIEGEL-Bestseller ausgewiesen. Der Erfolg passt zu einem Autor, der sein Berufsleben lang den Erfolg misstrauisch betrachtete und lieber prüfte, ob an der nächsten Tankstelle jemand stand, der etwas zu erzählen hatte.

Ein Erinnerungsbuch mit geöffnetem Seitenfenster

Gernstl nennt den Band keine Autobiografie. Der Einwand stimmt formal und täuscht literarisch. Auf diesen Seiten entsteht ein Selbstbild, nur eben ohne das steinerne Portal der klassischen Lebensbeichte. Die Erinnerung fährt im Bus. Sie hält bei einer verschneiten Wohngemeinschaft, in den Schneideräumen des Bayerischen Rundfunks, bei Paul Breitner, Doris Dörrie, japanischen Mönchen, Metzgern, Aussteigern, Kneipenwirten und einer alten Bergbäuerin. Hans Peter Fischer sitzt an der Kamera, Stefan Ravasz wacht über den Ton. Freundschaften, Liebschaften, Filmproduktionen und missratene Einfälle steigen zu, fahren eine Weile mit und verschwinden hinter der nächsten Kurve.

Die Kapitel folgen der Chronologie, doch ihr innerer Takt stammt aus dem mündlichen Erzählen. Ein Name ruft einen anderen hervor, eine Speise öffnet eine Erinnerung, ein technischer Defekt führt zu einer Lebensgeschichte. Gernstl schreibt, wie er spricht: anschaulich, selbstironisch, mit einem sicheren Gespür für jene Einzelheit, an der eine Szene zu leben beginnt. Der Leser riecht den Jägermeister in Braunschweig, hört das Eis unter den Schuhen knirschen und sieht eine Flasche edlen Balsamico auf einem Münchner Tisch stehen wie eine Reliquie aus einer unbekannten Genussreligion. Das Inhaltsverzeichnis kündigt keine Heldengeschichte an. Es versammelt Arbeitsunfälle, Fernsehjobs, Reisen, Freundschaften, Familiengeschichten und den langen Versuch, aus Zufällen eine erkennbare Lebenslinie zu lesen.

Klaus Lemke hatte einen frühen Buchversuch Gernstls einst mit dem Vorwurf des ewigen „und dann“ abgeräumt. Der Einwand begleitet den fertigen Band wie ein freundlicher Heckenschütze. Manche Passage nimmt eine weitere Abfahrt, obwohl die Hauptstraße längst sichtbar wäre. Kulinarische Erinnerungen, amouröse Verwicklungen und Sendergeschichten beanspruchen ihren Platz mit bayerischer Beharrlichkeit. Doch das „und dann“ bildet die angemessene Grammatik dieses Lebens. Gernstls Biografie gehorcht keiner Aufstiegsdramaturgie. Sie wächst durch Anschlüsse. Einer kennt einen, der eine Idee hat, die scheitert und Jahre später in anderer Gestalt wiederkehrt. Aus Abschweifung wird Struktur.

Das Ziel versperrt den Blick auf die Blumen

Der geistige Mittelpunkt des Buches trägt den Titel „Das Ziel ist im Weg“. Gernstl erzählt von Alois Blüml, einem Koch, Taucher, Weltreisenden, Cafébetreiber und Drehorgelbauer. Vor dessen Bauernhof lag eine Kachel mit jenem Satz, der wie eine kleine Sprengladung unter dem deutschen Karrierebegriff wirkt. Blüml wollte sich daran erinnern, die Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. Seine Laufbahn bestand aus Wechseln, Neuanfängen, Irrwegen und einem gescheiterten Perpetuum mobile. Gerade die Beweglichkeit hielt ihn lebendig.

Gernstl nennt dafür das englische Wort Serendipity: einen Fund, den niemand bestellt hat und den ein wacher Kopf dennoch erkennt. Ein fester Plan kann den Blick verengen. Wer die Welt ausschließlich nach Zielerreichung sortiert, hält jede Abweichung für Verlust. Gernstls Filme behandelten die Abweichung als Rohstoff. Eine verpasste Abfahrt, eine Imbissbude, ein Vogelhaus an einer Bauernhofwand oder ein schweigsames Ehepaar vor Brathering konnten den ganzen Drehtag retten. Glück erscheint in diesem Kapitel als Wahrnehmungsleistung. Der Zufall liefert. Der Filmemacher muss merken, dass geliefert wurde.

Diese Vorstellung berührt das Credo von Sohn@Sohn. Serendipität meint keine romantische Passivität. Sie verlangt Vorbereitung ohne Verbohrtheit, Wissen ohne Vorführung, Geduld ohne Ergebnispanik. Eine Idee taucht auf, weil jemand am Rand des geplanten Weges hinsieht. Sie überlebt, weil jemand sie festhält, verknüpft und weitererzählt. Gernstls roter Bus war ein fahrender Zettelkasten. Jede Begegnung legte einen neuen Zettel an. Erst Jahre später zeigte sich, welche Linien zwischen einem Drehorgelbauer im Chiemgau, einem Sammler im Engadin, einer Aussteigerin im Allgäu und einem Bonsai-Züchter in Kärnten verliefen.

Der Fragende räumt die Bühne frei

Die schönsten Seiten des Buches handeln vom Interview, obwohl Gernstl das Wort beinahe zu groß für seine Arbeitsweise findet. Er unterhalte sich mit Menschen wie ohne Kamera; die Kamera liefere lediglich die Erlaubnis, Fremde anzusprechen. An anderer Stelle erklärt er den Interviewer zum Dienstleister. Die Bühne gehöre dem Befragten. Komplexe Fragen verraten für ihn oft die Eitelkeit des Fragenden. Das Publikum will Antworten hören.

Darin steckt eine ganze Schule des Journalismus. Gernstl kommt ohne Teleprompter, Fragenkatalog und vorgefertigte Dramaturgie aus. Er stellt kurze Fragen, nickt, wartet und lässt den Satz des Gegenübers die Richtung bestimmen. Sein Talent zeigt sich im Zurücktreten. Der Gesprächspartner spürt weder Prüfung noch Verhör. Bald erzählt er, statt Auskunft zu geben.

Fischer und Ravasz schaffen die technischen Bedingungen dieses Vertrauens. Fischers Kamera sitzt auf der Schulter und bleibt dort, auch über lange Strecken. Ravasz hält die Tonangel in einer Geduld, die jeder spontanen Szene ihre akustische Tiefe gibt. Das Team arbeitete nach Jahrzehnten mit einer gemeinsamen Wahrnehmung. Fischer begann zu drehen, sobald Gernstl den Funken bemerkte. Ein Wink war überflüssig. Die Technik verschwand aus der Situation, und damit sank der Druck zur Selbstdarstellung. Die Menschen durften in ihrem eigenen Tempo vorkommen.

Fernsehinterviews folgen heute häufig einer entgegengesetzten Logik. Der Gast bringt Bekanntheit mit, die Redaktion liefert den Gesprächskorridor, der Moderator setzt vorbereitete Marken, die Regie zählt die verbleibenden Sekunden. Alles glänzt, kaum etwas haftet. Gernstl suchte keinen Glanz. Ihn interessierte die kleine Unordnung, in der ein Mensch plötzlich unverwechselbar wird: ein Zögern, ein schräger Vergleich, ein Lachen über das eigene Scheitern, ein Satz, den kein Autor in ein Skript geschrieben hätte.

Der Rand rückt ins Zentrum

Die Kultserie lebte von Menschen, die das Fernsehen gewöhnlich als Kulisse behandelt. Eigenbrötler, Bastler, Aussteigerinnen, Kleinunternehmer, Rentner, Suchende, Gestrandete und Lebenskünstler bekamen Zeit. Gernstl betrachtete sie weder als Sozialfälle noch als Kuriositäten. Er suchte nach der inneren Konstruktion ihres Lebens. Was trägt diesen Menschen? Welche Niederlage hat eine neue Richtung eröffnet? Welche kleine Idee hält den Alltag zusammen?

Das Buch erinnert an viele solcher Begegnungen. Der Sammler Giuliano Pedretti rettet Plakate, Briefe und Fundstücke aus Nachlässen, nachdem ihn als Jugendlichen eine Lawine verschüttet hatte. Das vermeintliche Unglück schärfte seinen Drang, Dinge vor dem Verschwinden zu bewahren. Eine alte Bäuerin im Ötztal nimmt gute und schlechte Zeiten mit ruhiger Gelassenheit an und wundert sich über Gernstls Frage nach der Angst vor dem Tod. Der Drehorgelbauer Blüml lacht über sein misslungenes Perpetuum mobile. Solche Porträts gewinnen ihre Würde aus der Zeit, die ihnen eingeräumt wird. Gernstl sucht hinter dem Was und dem Wie nach der biografischen Triebkraft einer Geschichte.

Seine Auswahl bevorzugt Menschen, die Widrigkeiten in eine eigene Form verwandeln. Jammernde Figuren interessierten das Team wenig. Lebensfreude erscheint als Arbeit am Vorgefundenen. Darin liegt der leise Humanismus dieser Filme und dieses Buches. Gernstl will seine Protagonisten weder erlösen noch erklären. Er hört ihnen lange genug zu, bis ihre eigene Ordnung sichtbar wird.

Ein Fernsehzeitalter im Rückspiegel

„Glück gehabt!“ erzählt nebenbei eine Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Früher genügte für eine Alpenreihe ein Schulatlas, ein grüner Filzstift und das Vertrauen einer Redakteurin. Die eingezeichnete Route bildete Auftrag und Drehbuch. Ein neues Kinderformat entstand aus einem Probedreh in der BR-Kantine. Heute, schreibt Gernstl, würden Konzepte, Gremien und Castings einen solchen Vorgang umstellen. Am Ende könnte sogar der falsche Kandidat gewählt werden.

Die Veränderung betrifft weit mehr als Bürokratie. Der Rundfunk hat das Risiko aus vielen Programmen herausgerechnet. Sendungen werden getestet, getaktet, markiert und auf erwartbare Publikumsreaktionen zugeschnitten. Obwohl die Einschaltquote statistischer Mumpitz ist.

Prominenz verspricht Reichweite. Ein bekannter Name gilt als Versicherung gegen die Unberechenbarkeit einer unbekannten Person. Der Bildschirm füllt sich mit Gesichtern, die bereits durch andere Bildschirme bekannt wurden.

Gernstls Verfahren kehrt diese Ökonomie um. Die unbekannte Person bildet den Anlass. Ihr Leben liefert die Dramaturgie erst während der Begegnung. Ein solches Arbeiten verlangt Vertrauen in das Team, Zeit für ergebnislose Fahrten und die Bereitschaft, einen Drehtag ohne verwertbare Szene auszuhalten. Diese Voraussetzungen passen schlecht zu einem Produktionsdenken, das jeden Kilometer, jede Minute und jede Aussage vorab rechtfertigen will.

Das Kapitel „Verdeckte Ermittlungen“ beschreibt, wie schwer die Suche im Lauf der Jahre wurde. Gernstl beobachtet eine Gesellschaft, die ihr Leben ins Internet verlegt, Risiken entfernt und Überraschungen meidet. Das Wilde und Schräge verschwindet aus den Straßen. Auch das Fernsehen hat seine öffentlichen Räume geglättet. Studios, Einspieler und vorbereitete Aussagen erzeugen eine aseptische Gegenwart, in der der Zufall nur noch als Panne vorkommt.

Der BR stellt den roten Bus ab

Ende 2024 bestellte die Redaktion keine weiteren Filme. Gernstl erzählt davon ohne Anklagegestus. Zweiundvierzig Jahre seien länger als manche Ehe; nun sollten die Jüngeren ran. Der frei gewordene Raum half ihm, das Buch fertigzustellen. Diese gelassene Deutung ehrt den Autor. Sie entlastet den Sender keineswegs.

Der Bayerische Rundfunk strahlt die alten Filme weiterhin aus und würdigte Gernstl im Februar 2026 zu seinem 75. Geburtstag mit Wiederholungen. Das Archiv bleibt gefragt, während die Gegenwart auf neue Begegnungen verzichtet.

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk fehlt kein weiterer glatter Moderator. Ihm fehlt Gernstls Art, Unbekannte sichtbar zu machen. Gerade ein beitragsfinanziertes System sollte Räume schützen, in denen Quote, Prominenz und vorgefertigte Milieubilder ihre Herrschaft verlieren. Der gesellschaftliche Auftrag erfüllt sich auch an einer Imbissbude, in einer Werkstatt oder auf einer Bank vor einem Bauernhof. Dort sprechen Bürger ohne Medientraining. Dort zeigt sich ein Land jenseits seiner Pressesprecher, Funktionäre und routinierten Gäste.

Ein Platz für Gernstl wäre daher kein nostalgisches Gnadenbrot. Er könnte als reisender Chronist, als Gesprächspartner der Unbekannten und als Lehrer einer unaufdringlichen Interviewkunst weiterarbeiten. Alter erweitert in diesem Beruf das Repertoire. Wer tausend Gespräche geführt hat, erkennt schneller, wann ein Satz eine Tür öffnet. Eine Redaktion, die diesen Erfahrungsschatz abstellt, verwechselt Verjüngung mit Erneuerung.

Das Glück arbeitet mit

Der Titel „Glück gehabt!“ klingt wie die bescheidene Ausrede eines Mannes, der seinen Anteil am Gelingen klein hält. Das Buch selbst widerlegt diese Bescheidenheit auf fast jeder Seite. Gernstl hatte Glück, gewiss. Er traf Fischer, Ravasz, fördernde Redakteure, eigensinnige Regisseure und Menschen, die ihre Türen öffneten. Doch Glück braucht eine Empfangsstation. Gernstl brachte Neugier, Ausdauer, Geschmack, Selbstzweifel und die Fähigkeit mit, eine vorbereitete Idee fallen zu lassen.

Die Prosa trägt diese Eigenschaften. Sie ist heiter, gelegentlich derb, oft zärtlich und frei von Altersweisheit im Sonntagsanzug. Gernstl präsentiert sich als Mann mit Irrtümern, Eitelkeiten, Liebschaften, Fehlinvestitionen und einem guten Appetit. Einige Passagen bewahren den männlichen Ton der siebziger Jahre, samt Blicken und Bemerkungen, die heute Reibung erzeugen. Der Autor glättet seine Vergangenheit nicht. Seine Selbstironie verhindert die Verwandlung des Erlebten in eine Heldensage.

Am Ende steht keine Lebensformel, die sich auf ein Küchenbrett drucken ließe. Glück meint bei Gernstl die Freude, am Spiel teilnehmen zu dürfen: mit genug Essen, frischem Wasser und ohne Bombe über dem Kopf. Der Satz wirkt klein und trägt weit. Nach all den Kilometern, Filmen, Preisen und Begegnungen landet das Buch bei den elementaren Gütern.

Der rote Bus fährt nun durch die Erinnerung. Auf dem Beifahrersitz liegt kein Produktionsplan. Fischer schaut aus dem Fenster, Ravasz streitet vermutlich über das Navi, Gernstl wartet auf eine Person, die noch niemand auf einer Gästeliste vermerkt hat. Die nächste Geschichte steht irgendwo am Straßenrand. Man erkennt sie anfangs kaum. Genau deshalb lohnt das Anhalten.

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