Die Republik der Aufpasser

Man geht los, voller Vorfreude: Konzertabend. Musik, endlich mal raus, Kultur tanken. Doch schon im Foyer wird klar: Hier herrscht nicht die Kunst, hier herrscht die Vorschrift.

Ordner eins: „Jacke abgeben, Vorschrift!“ – „Aber die ist dünn.“ – „Brandschutz.“
Ordner zwei: „Jacke nicht über den Stuhl hängen.“ – „Aber die Reihe vor mir—“ – „Regeln gelten für alle.“ Für alle? Offenbar nicht, wenn man mal genauer hinschaut.

Im Saal dann: eine Flasche Wasser abgestellt. „Stolpergefahr!“
Das Bonbonpapier der Sitznachbarin: „Bitte nicht knistern, stört die Akustik.“
Der Herr zwei Sitze weiter blättert im Programmheft – schon rauscht die Aufsicht: „Papier bitte leiser bewegen.“

Die Musik läuft, aber das eigentliche Konzert spielt sich nebenbei ab: ein Duett aus Mahnung und Rechtfertigung, ständige Unterbrechung, Vorschriften über Vorschriften.

Ein paar Wochen später: Messe. Hightech, Zukunft, alles digital. Nur das Hallen-WLAN ist so lahm, dass selbst Rauchzeichen schneller wären. Man denkt: Kein Problem, LTE-Router auspacken, eigenes Netz aufziehen. Da stürmt sie auf: die WLAN-Polizei.

In grellen Westen, mit Funkgeräten am Gürtel. „Router sofort abschalten, sonst Bußgeld!“ – „Aber ich komme sonst gar nicht online.“ – „Egal, das Netz gehört uns. Funkmonopol.“
Und schon wedeln sie mit Formularen, Drohgebärden, Gebührenkatalogen. Dreistellige Summen, gerne auch vierstellig. Nur weil man versucht, das Internet zu nutzen – auf einer Digitalmesse.

Da merkt man: Es geht nie um Musik, nie um Arbeit, nie um Freude. Es geht immer ums Kontrollieren. Ob Jacke, Bonbonpapier oder Bits im Äther – alles wird zum Fall für die Aufpasser.

Später, im Rathaus, läuft’s nicht anders. „Falsches Formular.“ – „Aber es steht so auf Ihrer Website—“ – „Website ist irrelevant.“ Im Stadion: „Bitte Fahne kleiner halten, Sichtbehinderung.“ Im Kino: „Handy ausschalten.“ – „Ist längst aus.“ – „Bitte trotzdem ausschalten.“

Die Orte wechseln, die Lieder, die Themen. Doch das Drehbuch bleibt gleich: Deutschland als pädagogische Republik, ein endloses Theater der Zurechtweisung.

Man verlässt solche Abende nicht inspiriert, sondern dressiert.
Und summt heimlich den neuen deutschen Kanon:
„Das dürfen Sie nicht, das dürfen Sie nicht, das dürfen Sie nicht…“ Und dann natürlich noch der Klassiker: „Draußen nur Kännchen.“

Siehe auch:

https://www.ruhrbarone.de/handy-weg-jacke-an-das-konzert-von-graham-nash-in-der-duesseldorfer-tonhalle/251358

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.