
Man konnte ahnen, dass dieser Samstagabend kein braves Finale werden würde. Zu viel Ironie, zu viel Charme, zu viel Groove lag in der Luft. Der dritte Abend des WDR Rockpalast in der Bonner Harmonie war ein Beweis dafür, dass Coolness nicht aus Perfektion, sondern aus Selbstironie entsteht. Und niemand beherrscht diese Kunst so lässig wie Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.
Das Leben ist ein Tanztee mit Störgeräuschen
Carsten Friedrichs steht auf der Bühne, als würde er sich selbst zitieren.
Diese Mischung aus hanseatischer Gelassenheit, britischem Witz und dadaistischem Soul macht seine Band zu einer der letzten echten Exzentrikertruppen dieses Landes.
Hier wird nicht gelitten, hier wird beobachtet – mit einem Augenzwinkern, das nie zynisch wird.
Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sind das Gegenteil von glatt.
Ihr Sound: Northern Soul trifft Garagenrock, Pop trifft Punk, Tanzfläche trifft Tagesform.
Ein Song klingt nach Duracell-Beat, der nächste nach Chanson auf Speed.
Friedrichs und seine Mitstreiter – darunter Tapete-Records-Chef Gunther Buskies und Tim Jürgens – setzen sich seit Jahren beherzt zwischen alle Stühle, ohne je den Takt zu verlieren.
Texte über den Alltag, Popkultur, Melancholie und Bud Spencer, alles leichtfüßig, aber nie belanglos.
Ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Nihilismus, alles in dieser typischen Mischung aus Witz und Wehmut, die irgendwo zwischen Hamburg-St. Pauli und Camden Town geboren wurde.
Kein Pathos, kein Jammern – nur das befreiende Schulterzucken einer Band, die weiß, dass man mit einem Bläsersatz und einer guten Zeile manchmal mehr bewegen kann als mit jedem Pathos-Gitarrenbrett.
An diesem Abend tanzte das Publikum, lachte, sang, prostete sich zu.
Und irgendwo dazwischen entstand dieser magische Moment, in dem Pop nicht mehr Pose, sondern Haltung ist – pardon, nennen wir es lieber Stil.

Endless Wellness – Wiener Wucht mit Wehmut
Davor spielten Endless Wellness – jung, wild, charmant verschroben.
Ein Quartett aus Wien, das klingt, als hätte man The Cranberries in einen verrauchten Proberaum am Gürtel geschickt und ihnen gesagt: „Macht mal, aber lauter.“
Ihr Sound: fuzzy, warm, verliebt in den Krach.
Zwischen Orgel, Synthie und Westerngitarre wuchsen Songs, die sich trauten, groß zu fühlen – Liebeslieder, die nicht flüstern, sondern schreien.
Sänger Philipp wirkt, als wolle er das Publikum umarmen und gleichzeitig aufwecken.
Adele, Hjörtur und Milena halten den Klang zusammen, mit jener spielerischen Sicherheit, die nur aus Freundschaft kommt.
„Fuzz Folk“ nennen sie das, was sie tun – eine Mischung aus Zärtlichkeit und Aufruhr.
Und es funktioniert: Statt müdem Indie-Geklimper gab’s echte Emotion, getrieben von jugendlicher Unbedingtheit.
Im März 2026 geht es weiter mit dem Rockpalast in der Harmonie.
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