
Mit Büchern in 16 Sprachen gehört Harro von Senger zu den global erfolgreichsten China-Autoren. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Aspekten des Riesenreiches, die von der gängigen China-Berichterstattung übersehen werden. Sein Alleinstellungsmerkmal ist, dass er als Sinologe über eine vollständige theoretische und praktische juristische Ausbildung verfügt. Daher hat er seit jeher das amtliche chinesische Planungsdenken studiert, das von Nicht-Juristen als langweiliges Propaganda- und Lügengeschwätz abgetan und daher nicht zur Kenntnis genommen wird, und hat immer wieder in der Presse darüber berichtet. So dürfte er der einzige westliche Mensch sein, der 1985 unter dem Titel „China im Jahr 2049“ in einer westlichen Zeitung – und zwar in der Neuen Zürcher Zeitung – berichtete, dass der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Hu Yaobang, im Januar 1985 in einer Rede die Hoffnung geäußert habe, dass China bis 2049 die höchst entwickelten kapitalistischen Länder in ökonomischer Hinsicht einholen werde. Die chinesische Führung hat seither ununterbrochen darauf hingearbeitet, diese Hoffnung zu erfüllen, die von Senger zeitnah am 10. April 1985 publik gemacht hat, die aber ansonsten im Westen von niemandem wahrgenommen wurde.
Die ignorierte Erkenntnislinie
Von Senger hat in seinem jüngsten Werk „Moulüe – Supraplanung“ einen zentralen Mangel in der westlichen Auseinandersetzung mit China aufgedeckt, nämlich dass man nicht über die erkenntnistheoretischen Grundlagen der China-Wahrnehmung nachdenkt. Demgegenüber spielt die Erkenntnistheorie im amtlichen chinesischen Denken eine zentrale Rolle. Man spricht dort von der sogenannten „Erkenntnislinie“ (认识路线 Rènshí lùxiàn). Es ist ein Konzept, das im Sinomarxismus verankert ist und von dem man im Westen keine Ahnung hat. „Der Sinomarxismus ist die grundlegende Ideologie der Volksrepublik China. Es ist ein Marxismus chinesischer Prägung, daher Sino-Marxismus.“
Grundlegend ist der von zwei Deutschen und einem Russen entwickelte Marxismus-Leninismus, also ein europäisches Geistesprodukt, ergänzt durch einige chinesische Beiträge von Mao Zedong über Deng Xiaoping bis Xi Jinping. Man will es im Westen nicht wahrhaben, dass die Volksrepublik China in ihrem Kern verwestlicht ist, und zwar insofern, als sie von einem sinomarxistischen Verfassungs-, Staats- und Politikverständnis beherrscht wird.
Während in China die sinomarxistische Erkenntnistheorie, also die Frage, wie man die Welt möglichst durchdringend zu erkennen vermag, ein wichtiges Thema ist, wird Erkenntnistheorie in der Politik hierzulande kaum beachtet. Unsere epistemologische Blindheit führt dazu, dass wir nicht wissen, wie das amtliche chinesische Denken die Welt wahrnimmt und gestützt auf welche Deutungen der Realität die chinesische Führung welche Ziele setzt und Maßnahmen beschließt.
Die Methodik der Morphologie
Von Senger hat seit seiner Studentenzeit – in den 1968er Jahren, als er studentenpolitisch tätig war – eine Methodik angewandt, die auf den Schweizer Astrophysiker Fritz Zwicky (1898–1974) zurückgeht: die Morphologie. Diese Methode, die Zwicky für die Naturwissenschaften entwickelt hat, hat von Senger auf die Geisteswissenschaften übertragen. Mit dieser Methode lassen sich Sachverhalte erkennen, die außerhalb des gängigen westlichen Gesichtsfeldes liegen.
Morphologie bedeutet allseitige Offenheit oder, wie man in China sagt, „眼观六路,耳听八方 Yǎn guān liù lù, ěr tīng bā fāng: Die Augen rundum schweifen lassen, die Ohren nach allen Richtungen hin offen halten.“ Das westliche gängige Denken lässt sich umschreiben mit „Die Augen durch einen, allenfalls zwei, drei Tunnel schweifen lassen, die Ohren nach einer, allenfalls zwei, drei Richtungen hin offen halten.“
So starrt man im Westen einseitig auf Xi Jinping; das wirkliche Machtorgan, die Kommunistische Partei Chinas (KP China), wird kaum unter die Lupe genommen. Man interessiert sich für das chinesische Recht und hält darüber immer wieder Vorträge und widmet ihm gar Symposien. Die viel grundlegenderen amtlichen Normen, mittels derer die Kommunistische Partei Chinas dem Gesetzesrecht die Richtung weist, waren noch nie Gegenstand einer westlichen China-Tagung. Die Morphologie ist eine Methode, die es erlaubt, die Mehrdimensionalität der Wirklichkeit, insbesondere der chinesischen, wahrzunehmen.
Die Mehrdimensionalität Chinas kann man erkennen, wenn man sich auf den Sinomarxismus einlässt und dessen Denksystem zur Kenntnis nimmt. Der Sinomarxismus sieht die Welt in einer Art und Weise, wie sie die liberale Weltwahrnehmung nicht sieht. Zentral ist zum Beispiel die sinomarxistische Annahme, dass die Welt ein Konglomerat von nicht logischen, sondern sachlichen Widersprüchen sei (zum Beispiel innerchinesisch „Landwirtschaft-Industrie“, außenpolitisch „China-USA“), dass die Politik die Aufgabe habe, alle für China relevanten Widersprüche zu sichten, zu analysieren und nach ihrer Wichtigkeit zu hierarchisieren und – das ist das Zentralanliegen – aus all den Widersprüchen einer gerade laufenden Zeitspanne einen einzigen „Hauptwiderspruch“ zu erkennen und festzulegen, dessen Lösung in der betreffenden, womöglich Jahrzehnte dauernden Zeitspanne die Hauptaufgabe sei, auf deren Bewältigung alle Energien des Milliardenvolkes zu fokussieren seien, wobei die KP China natürlich auch für die „Nebenwidersprüche“ ihre Anordnungen trifft.
Ein Blick auf China von einem liberalen Standpunkt aus ermöglicht einen solchen Einblick in das chinesische politische Planen nicht. So beschäftigt man sich im Westen überhaupt nicht mit dem derzeitigen, von der KP China festgelegten, „Hauptwiderspruch“. Man weiß im Westen gar nicht, dass die gesamte Innen- und Außenpolitik auf die Lösung dieses Hauptwiderspruchs ausgerichtet ist. Die dem sinomarxistischen Denken sowie auch dem antiken chinesischen Militärdenken entspringenden langfristigen Denk- und Planungsprozesse bezeichnet von Senger als „Supraplanung“. Sie ist das genaue Gegenteil des oft auf schnelle Erfolge ausgerichteten westlichen liberalen Denkens.
Die deutsche China-Strategie: Ein blinder Fleck
Die deutsche China-Strategie, die im Juli 2023 veröffentlicht wurde, erwähnt den Sinomarxismus nicht. Sie zieht nicht in Betracht, dass gemäß Sinomarxismus der Wirtschaftsaufbau absolut zentral ist, dass daher für China die wirtschaftlichen Menschenrechte Vorrang vor den politischen Menschenrechten haben und dass die langfristigen Ziele Chinas nicht in erster Linie auf Geopolitik, sondern auf innerchinesischen Wirtschaftsaufbau ausgerichtet sind.
Was von Senger fordert, ist, China aufgrund des chinaeigenen amtlichen Denkens wahrzunehmen. Wir sollten China nicht nur betrachten, wie es wirklich ist – darauf versteht man sich im Westen in Bezug auf Einzelaspekte ganz leidlich – sondern vor allem, wie China gemäß amtlichen Zielsetzungen sein soll. Dazu gehört auch, die erkenntnistheoretischen Grundlagen der chinesischen Politik zu verstehen. Nur so können wir verhindern, dass wir in Zukunft wieder und wieder von der chinesischen Supraplanung überrascht werden.
Die deutsche China-Strategie, so von Senger, sei in ihrer jetzigen Form unzureichend. Sie gehe nicht tief genug und bleibe an der Oberfläche. Sie werde den Herausforderungen, die China uns stellt, aber auch den Chancen, die uns China bietet, nicht gerecht.
So könnten wir uns überlegen, ob wir das Seidenstraßen-Projekt, statt immer nur von dessen angeblichen geopolitischen Auswirkungen zu sprechen, nicht auch als gigantisches Menschenrechtsprojekt betrachten könnten, das dabei hilft, im globalen Süden die Wirtschaft voranzubringen, also wirtschaftliche Menschenrechte wie das Recht auf Arbeit und das Recht auf Nahrung zu verwirklichen?
Natürlich betreibt China dieses Projekt in erster Linie im Eigeninteresse, zur nachhaltigen Ankurbelung der eigenen Wirtschaft, aber zeitigt es nicht positive wirtschaftliche Kollateralfolgen vor Ort, die Europa insofern nützen könnten, als unter der dortigen Bevölkerung gar nicht mehr der Wunsch aufkommt, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen, um hier wirtschaftlich voranzukommen? Könnte man also China beim Seidenstraßen-Projekt nach einer sorgfältigen Analyse seiner Auswirkungen auf den Wirtschaftsaufschwung der südlichen Länder, wenn diese Analyse positiv ausfällt, nicht im europäischen Eigeninteresse beistehen, anstatt ihm – wegen geopolitischer Bedenken – die kalte Schulter zu zeigen? Wenn es um Rohstofflieferungen geht, kooperieren Robert Habeck und Co. ja auch schnell mit autoritären Staaten wie Katar oder Saudi-Arabien.
Seine Erkenntnisse hat Harro von Senger in folgendem Buch zusammengefasst: Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte, 3. Auflage, Hanser Verlag, München 2024, http://www.36strategeme.ch/supraplanung.htm
Siehe auch:
Ist das eigentliche Problem Europas und der USA mit China unerkannt? http://www.supraplanung.ch/pdf/us-fehleinschaetzungen-dervrch.pdf
Y-Magazin Kanton Schwyz (Nr. 49, Juni 2024), S. 42 ff. Das Magazin wird von Urs Durrer, Vorsteher Amt für Wirtschaft, Kanton Schwyz, herausgegeben. Vollständiger Text https://www.sz.ch/public/upload/assets/76347/Y-Mag_49_Sommer_2024.pdf?fp=5
China Bücher in 16 Sprachen: https://www.china-outofthebox.ch/
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