Das Volk als letzte Ausrede @Puettmann_Bonn

Andreas Püttmann prüft den Aufstieg des Rechtspopulismus an der moralischen Verfassung seiner Anhänger. Seine demoskopischen Befunde führen aus der üblichen Debatte über Staatsversagen heraus und zurück zur alten Frage nach dem Bürgerethos.

Nach jeder Wahl, bei der die AfD gewinnt, beginnt die Selbstanklage der demokratischen Parteien. Die Regierung habe die Sorgen der Menschen übergangen, die Opposition habe keinen überzeugenden Gegenentwurf geliefert, die Kommunikation sei misslungen. Migration, Heizungsgesetz, Inflation, Infrastruktur und Bürgergeld treten als Erklärungsgrößen auf. Der Wähler erscheint in diesem Verfahren als Geschädigter. Seine Entscheidung gilt als Reaktion, sein Ressentiment als Rechnung, sein Stimmzettel als Quittung.

Diese Erzählung schmeichelt allen Beteiligten. Die Parteien dürfen auf bessere Politik hoffen. Die Wähler erhalten moralischen Dispens. Kommentatoren empfehlen mehr Zuhören und bessere Vermittlung. Selbst die Wahlsieger können sich als Vollstrecker eines verkannten Volkswillens ausgeben. Verantwortung wandert durch das politische System, bis sie bei niemandem mehr liegt.

Andreas Püttmann durchkreuzt dieses Entlastungsritual. In der Juni-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ untersucht er unter der Überschrift „Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten“ den Anteil der Bürger am Zustand der Republik. Sein Essay beginnt mit der vertrauten These vom Versagen der demokratischen Parteien und führt dann zu einer verdrängten Möglichkeit: Ein Teil des Rechtsrucks könnte mit den Wählern selbst zu tun haben, mit ihren Ansprüchen, ihren Kränkungen, ihrer Bindung an die Verfassung und ihrer Bereitschaft, politische Verantwortung außerhalb der eigenen Person zu suchen.

Die Entlastung des Wählers

Püttmann beschreibt eine demokratische Variante jener Fremdattribution, die der Philosoph Odo Marquard als neuzeitliches Entlastungsmotiv untersucht hat. Der Bürger spricht sich frei, indem er die Politik anklagt. Seine Wahlentscheidung erscheint als verständliche Antwort auf fremdes Fehlverhalten. Der Populist liefert die passende Übersetzung: Ihr habt euch aus Enttäuschung verirrt; wir geben euch das Land zurück.

Diese Rede erzeugt eine eigentümliche Rollenverteilung. Die demokratischen Parteien müssen sich bessern. Der Wähler darf bleiben, wie er ist. Seine Vorurteile gelten als Warnsignal, seine Aggression als Kommunikationsproblem, seine Verachtung für Institutionen als Ausdruck mangelnder Repräsentation. Der Bürger erhält den Status eines Kunden, der Recht behält, selbst falls er die Geschäftsordnung zerreißt.

Natürlich tragen Regierungen Verantwortung für ihre Entscheidungen. Verschleppte Sozialreformen, verfallene Infrastruktur, Kontrollverluste in der Migration und politische Skandale gehören zur Lage. Püttmann verzeichnet diese Punkte ausdrücklich. Er prüft jedoch, ob sie den Rechtsruck hinreichend erklären. Seine Antwort fällt skeptisch aus. Demokratische Regierungen arbeiten in vielen Ländern langsam, fehlerhaft und unter widersprüchlichen Erwartungen. Trotzdem verlaufen Radikalisierung und Wahlerfolge der äußersten Rechten höchst unterschiedlich. Auch in Deutschland ergibt die soziale Zusammensetzung des AfD-Elektorats kein Bild einer Partei der ökonomisch Verstoßenen. Viele ihrer Wähler liegen beim Haushaltsnettoeinkommen im mittleren, zuweilen im oberen Bereich. Zugleich nahm der Migrationsdruck zuletzt ab, während die AfD weiter zulegte. Die Erklärung durch schlechte Politik behält ihren Anteil. Sie verliert ihren Alleinvertretungsanspruch.

Sieben Prozent für das Grundgesetz

Püttmann rückt die Demoskopie an die Stelle jener politischen Psychologie, die den Wähler aus seinen eigenen Äußerungen herausinterpretiert. Die Zahlen fallen hart aus. Zum siebzigsten Geburtstag der Bundesrepublik fragte Infratest dimap 2019, wie sich das Grundgesetz bewährt habe. Dreißig Prozent aller Befragten antworteten mit „sehr gut“, weitere 58 Prozent mit „eher gut“. Unter den Anhängern der FDP wählten 48 Prozent die beste Bewertung, bei den Grünen waren es 45 Prozent, bei Union und SPD jeweils 38 Prozent, bei der Linken 22 Prozent. Unter AfD-Anhängern blieben sieben Prozent.

Fünf Jahre später verlangten 39 Prozent der AfD-Anhänger, das Grundgesetz durch eine neue Verfassung zu ersetzen. Bei Anhängern der Linken lag der Wert bei neun Prozent, bei Grünen und FDP bei jeweils zehn, bei der SPD bei zwölf und bei der Union bei dreizehn Prozent.

Solche Befunde lassen sich schwer als bloße Unzufriedenheit mit einer Regierung lesen. Eine Verfassung ist kein Kabinettsprogramm. Ihre Bewertung betrifft die Ordnung, in der Regierungen wechseln, Mehrheiten sich bilden und Niederlagen ertragen werden. Wer das Grundgesetz gering schätzt, beanstandet eine tiefere Schicht des Gemeinwesens.

Der Rechtspopulismus lebt gern von der Behauptung, er verteidige den eigentlichen Verfassungsstaat gegen dessen gegenwärtige Verwalter. Die Umfragen legen für einen großen Teil seiner Anhängerschaft eine andere Beziehung zur Verfassung nahe. Das Grundgesetz genießt dort wenig Dankbarkeit. Seine Freiheitsgarantien erscheinen selbstverständlich, seine Bindungen lästig, seine Institutionen verdächtig. Aus dem Pathos des Verfassungspatriotismus wird die Bereitschaft zur Verfassungsauswechslung.

Der Staat als Schuldner

Noch deutlicher tritt Püttmanns Diagnose in einem Fragenpaar von Infratest dimap hervor. Der Aussage „Ich tue genug für den Staat“ stimmten 89 Prozent der AfD-Anhänger zu. Bei der Aussage „Der Staat tut genug für mich“ sank der Wert auf 38 Prozent. Zwischen Selbstbewertung und Staatsbewertung liegen 51 Prozentpunkte.

Keine andere Wählergruppe erreicht eine vergleichbare Differenz. Bei den Nichtwählern beträgt sie 37 Punkte, bei der FDP 24, bei der Linken 13, bei der SPD 12, bei den Grünen 10 und bei der Union 9 Punkte. Auf die allgemeine Aussage, der Staat müsse mehr für sie tun, kamen 35 Prozent aller Bürger. Im AfD-Milieu waren es 56 Prozent.

Diese Asymmetrie verdient Aufmerksamkeit. Der eigene Beitrag erscheint vollbracht, die Gegenleistung des Gemeinwesens ungenügend. Der Bürger führt ein moralisches Konto, auf dem seine Leistungen großzügig verbucht und die Leistungen anderer abgezinst werden. Politik wird zur Verwaltung einer dauernden Unterdeckung.

Püttmann spricht von Anspruchsegozentrik. Der Ausdruck bezeichnet eine Erwartungsordnung: Der Einzelne schreibt sich Verdienste zu, die ihm besondere Rücksicht sichern sollen. Bleibt diese Anerkennung aus, entsteht Kränkung. Das Ressentiment erhält dann den Anschein einer Forderung nach Gerechtigkeit.

Der populistische Politiker versteht diese Buchführung. Er verspricht keine komplizierte Reform, er bestätigt eine Lebensbilanz. Du hast genug geleistet. Andere haben genommen. Der Staat hat dich vergessen. Die Botschaft wirkt, weil sie den Adressaten zugleich erhöht und verletzt. Aus dem gekränkten Bürger wird ein moralischer Gläubiger der Nation.

Das Märchen von den Abgehängten

Die populäre Sozialdiagnose macht aus dem Rechtswähler gern einen Verlierer der Globalisierung. Püttmann bestreitet soziale Belastungen keineswegs. Er verweist jedoch auf die Mitte-Studie, die vor einer ökonomischen Kurzformel warnt. Einkommen steht in enger Beziehung zum Bildungsgrad. Dieser kann für politische Einstellungen größere Bedeutung besitzen. Noch gewichtiger wirkt häufig die subjektive Einschätzung der eigenen Lage, etwa das Gefühl ungerechter Behandlung. Bauchgefühl und Lebensunzufriedenheit liefern einen schwankenden Boden für die Behauptung tatsächlicher Benachteiligung.

Hier berührt die Demoskopie eine alte Einsicht der Revolutionsforschung. Politische Erregung folgt keinem verlässlichen Armutsindex. Menschen vergleichen ihre Lage mit Erwartungen, Nachbarn, früheren Zeiten und vorgestellten Ansprüchen. Wohlstand schützt vor Ressentiment ebenso wenig wie Bildung vor Eitelkeit.

Die Mitte-Studie von 2023 fragte nach Aussagen wie „Menschen wie mir steht mehr zu als anderen“ und „Menschen wie ich verdienen eine bessere Behandlung als andere“. Etwa drei Viertel der Bevölkerung wiesen beide Sätze zurück. Rund jeder Zehnte eignete sie sich ganz oder teilweise an. Überdurchschnittliche Zustimmung fand sich bei Jüngeren, Ostdeutschen und Menschen mit Berufsausbildung. Die subjektiv empfundene Schichtzugehörigkeit zeigte keinen statistisch bedeutsamen Zusammenhang mit diesem Anspruchsdenken.

Die Parteipräferenz brachte dagegen klare Unterschiede. Anhänger von Grünen und Linken lagen unter dem Durchschnitt. AfD-Anhänger belegten den ersten Platz, gefolgt von FDP-Anhängern, die ihre wirtschaftliche Lage vergleichsweise günstig einschätzten. Püttmann folgt der Studie bei der Vermutung, dass wirtschaftlicher Mangel als Erklärung zu kurz greift. Formen des Anspruchsdenkens, die den eigenen Erfolg als persönliches Verdienst und gesellschaftliche Pflichten als Eingriff deuten, können den Befund besser erschließen. Die Studie fand zudem Verbindungen zwischen diesem Denken und rassistischen, klassistischen, sexistischen sowie antisemitischen Einstellungen.

Der Befund erschwert die romantische Vorstellung vom Populismus als Aufstand der Erniedrigten. Ein politisches Milieu kann materiell gesichert und kulturell gekränkt sein. Es kann vom Staat profitieren und sich zugleich als dessen Opfer erleben. Es kann Privilegien besitzen und aus der Möglichkeit fremder Gleichberechtigung einen eigenen Verlust errechnen.

Narzissmus als politische Grammatik

Püttmann verwendet den Narzissmusbegriff als kulturdiagnostische Kategorie, fern jeder psychiatrischen Ferndiagnose. Gemeint ist eine soziale Grammatik aus Selbstüberhöhung, Anerkennungsbedarf, geringer Frustrationstoleranz und chronischer Kränkbarkeit.

Christopher Lasch beschrieb bereits 1979 das „Zeitalter des Narzissmus“. Seine Diagnose zielte auf eine Gesellschaft, in der traditionelle Bindungen schwinden und das Individuum seine Identität im Spiegel öffentlicher Zustimmung sucht. Püttmann führt diesen Gedanken in die digitale Gegenwart. Soziale Medien verwandeln Aufmerksamkeit in eine ständig messbare Ressource. Zustimmung kommt als Zahl zurück. Empörung schafft Publikum. Das eigene Bild tritt an die Stelle einer gemeinsam geprüften Wirklichkeit.

Der Rechtspopulismus passt sich dieser Ordnung mit besonderer Geschmeidigkeit an. Seine Sprache kennt klare Schuldige, unmittelbare Affekte und den kurzen Weg von der persönlichen Kränkung zur nationalen Anklage. Der Algorithmus belohnt die Erregung, der Nutzer erlebt seine Erregung als Beweis ihrer Berechtigung. Eine Anhängerschaft, die jeden Einwand als Angriff versteht, produziert ihre Bestätigung selbst.

Püttmann verweist auf psychologische und kriminologische Forschungen, die Narzissmus, geringe Selbstkontrolle, Identitätskrisen, Ängstlichkeit und Aggressivität als Risikofaktoren für Radikalisierung behandeln. Solche Faktoren besitzen oft größere Vorhersagekraft als reine Sozialdaten. Der Siegeszug der sozialen Medien habe narzisstische Neigungen womöglich weniger erzeugt als vergrößert, gesammelt und politisch organisiert.

Donald Trump bildet für diese Entwicklung den sichtbaren Prototyp. Seine öffentliche Person kennt jede Niederlage als Betrug, jede Kritik als Verfolgung, jede Institution als Werkzeug persönlicher Feinde. Millionen Anhänger erkennen darin keine Charakterschwäche. Sie erkennen den Stil eines Mannes, der ihre eigene Kränkung ohne Hemmung aufführt.

Gleichgültigkeit gegenüber dem Extremismus

Im Mai 2025 erklärten 82 Prozent der AfD-Anhänger im ARD-Deutschlandtrend, es sei ihnen egal, dass die Partei als rechtsextrem gelte. Püttmann liest diese Zahl als Hinweis auf einen moralischen Mitläufereffekt. Ein Teil der Anhänger teilt rechtsextreme Überzeugungen. Ein anderer Teil ordnet das Risiko einer rechtsautoritären Entwicklung dem vermeintlichen Versagen der übrigen Parteien unter. Die behauptete Katastrophe der Gegenwart rechtfertigt jedes Bündnis gegen ihre angeblichen Urheber.

Der Satz „Es ist mir egal“ markiert mehr als Parteitreue. Er suspendiert den eigenen Urteilssinn. Die Einstufung als extremistisch wird weder geprüft noch widerlegt; sie verliert schlicht ihren Rang. Andere Übel gelten als größer. Migration, Klimapolitik, Genderdebatten, Medien oder Brüssel treten als Gefahren auf, gegen die selbst eine autoritäre Partei als vertretbares Mittel erscheint.

Hier wirkt die narzisstische Logik politisch zerstörerisch. Wer die eigene Verletzung zum höchsten Maßstab erhebt, verliert den Blick für mögliche Opfer seiner Gegenwehr. Die Folgen einer rechtsautoritären Politik betreffen dann andere: Migranten, Minderheiten, politische Gegner, Journalisten, Richter. Ihre Freiheit wird zur Nebensache im Drama der eigenen Rückgewinnung.

Die Gleichgültigkeit öffnet auch den Opportunisten den Weg. Püttmann beschreibt den Typus, der sich als Vermittler oder „Rechten-Versteher“ präsentiert, in der Kritik an demokratischen Kräften aber zuverlässig den Ton des radikalen Lagers übernimmt. Eine Bewegung mit Aussicht auf Macht zieht Persönlichkeiten an, die Anerkennung bei der kommenden Mehrheit suchen. Das narzisstische Selbst will auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, besonders am Tag nach dem Sieg.

Der Kirchgang als demoskopische Trennlinie

Püttmann führt seine Kulturdiagnose bis zur Religion. Das geschieht ohne kirchliche Selbstidealisierung. Er erinnert an die von Papst Franziskus kritisierte „narzisstische Kirche“ und an religiöse Milieus, die dem Rechtspopulismus nahestehen. Dennoch zeigen die Daten einen Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und geringer AfD-Neigung.

Eine von Püttmann ausgewertete Allensbach-Umfrage vom September 2025 ergab bei der Zweitstimmenabsicht für die AfD zehn Prozent unter katholischen Kirchgängern und 10,7 Prozent unter protestantischen Kirchgängern. Bei kirchenfernen Katholiken stieg der Wert auf 22,1 Prozent, bei kirchenfernen Protestanten auf 23,3 Prozent. Konfessionslose und Angehörige anderer Gruppen kamen auf 31,3 Prozent.

Aus diesen Zahlen folgt kein religiöser Automatismus. Kirchgänger sind keine besseren Menschen kraft Anwesenheit. Püttmann fragt nach den kulturellen Wirkungen einer Praxis, die den Einzelnen in Rituale, Gemeinschaften, Gebote und überlieferte Erzählungen einbindet. Christliche Begriffe wie Demut, Empathie, Vergebung und Schuld begrenzen die Vorstellung eigener Makellosigkeit. Die Theologie kennt den in sich verkrümmten Menschen, den „homo incurvatus in se“, als Gestalt einer Selbstbezogenheit, die Beziehung zerstört.

Diese anthropologische Skepsis steht quer zur populistischen Selbstgerechtigkeit. Der Populist kennt ein unschuldiges Volk und schuldige Eliten. Die christliche Tradition kennt die Irrtums- und Schuldfähigkeit jedes Menschen. Ihre gesellschaftliche Wirkung kann schwinden, während politische Ersatzreligionen wachsen. Die Nation übernimmt dann das Amt der Erlösungsgemeinschaft, der Führer das Amt des Heilsbringers, der Gegner das Amt des Sündenbocks.

Püttmanns Argument zielt daher auf den Verlust moralischer Dezentrierung. Eine freiheitliche Gesellschaft braucht Bürger, die ihre Wünsche aus der Perspektive anderer betrachten können. Sie braucht Menschen, die Grenzen ertragen, Niederlagen anerkennen und eigene Irrtümer für möglich halten. Keine Verfassung erzeugt solche Fähigkeiten durch Artikel und Absatz.

Die Bürgerfrage kehrt zurück

Seit Tocqueville gehört die Einsicht zum Bestand der Demokratietheorie, dass politische Ordnungen auf Sitten beruhen. Der freiheitliche Staat kann Loyalität, Selbstbegrenzung und Gemeinsinn schützen. Er kann sie kaum befehlen. Ernst-Wolfgang Böckenfördes berühmte Formel über die Voraussetzungen, von denen der freiheitliche Staat lebt, beschreibt diese Abhängigkeit.

Püttmann übersetzt sie in die Gegenwart des Rechtspopulismus. Eltern, Lehrer, Intellektuelle, Künstler und Seelsorger erscheinen bei ihm als Akteure einer Kultur, die Affekte formt und Ansprüche begrenzt. Auch eine Regulierung sozialer Medien kann psychologische Radikalisierungseffekte mildern. Der Staat darf zivilgesellschaftliche Institutionen fördern, gerade weil demokratischer Pluralismus aus erkennbaren Überzeugungen lebt. Eine Gesellschaft aus weltanschaulichen Nullen wäre weder neutral noch widerstandsfähig.

Politiker bleiben für ihre Fehler verantwortlich. Püttmann erweitert den Kreis der Verantwortlichen. Bürger tragen das Gemeinwesen mit, auch durch ihre Urteile, ihre Selbstbilder und ihre Bereitschaft zur Verachtung. Wer jede radikale Wahl als Botschaft an die Regierenden verklärt, macht den Wähler zum unmündigen Boten seiner Lebensumstände. Demokratie verlangt mehr. Sie traut ihm Urteilskraft zu und rechnet ihm seine Urteile zu.

Darin liegt die politische Bedeutung dieses Essays. Püttmann widerspricht einer Epoche, die Verantwortung gern nach oben delegiert und Ansprüche nach unten verteilt. Der Staat soll liefern, die Gesellschaft soll verstehen, die Parteien sollen lernen. Der Bürger verlangt Anerkennung für seinen Beitrag und betrachtet jede Begrenzung als Treuebruch.

Eine Republik kann schlechte Regierungen überstehen. Sie wählt sie ab. Schwieriger wird es, sobald ein wachsender Teil ihrer Bürger die Verfassung gering schätzt, den eigenen Beitrag überschätzt, die Leistungen des Gemeinwesens abwertet und vor dem Extremismus der bevorzugten Partei die Augen schließt. Dann steht keine Kommunikationspanne zur Debatte. Dann prüft die Demokratie den Charakter ihrer Bürger.

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