Bonn im digitalen Schneckentempo – Bitkom-Rangliste verortet uns im Mittelmaß #OBStichwahl

Bonn ist die Stadt der großen Namen: Beethoven, Bundesstadt, UNO. Auf den Broschüren glänzt das. Doch im Bitkom-Digitalranking sieht es eher nach Provinzposse aus. Platz 31 im Vorjahr, nun noch einmal sieben Plätze verloren. Bonn, die Beethovenstadt, spielt digital nicht in Dur, sondern in Moll.

Es ist ein Trauerspiel mit bekannten Motiven. „Wer stehenbleibt, steigt ab“, sagte SPD-Politiker Jochen Reeh-Schall im Kommunalwahlkampf. Er hat recht. Doch Bonn bleibt nicht nur stehen – es hockt auf der digitalen Parkbank und wartet darauf, dass jemand anders die Arbeit macht. Am besten die Telekom oder die Post, die hier ihre Hauptquartiere haben. Aber die Konzerne winken müde ab. Lokale Verantwortung? Fehlanzeige. Die Bundesbehörden? Mit sich selbst beschäftigt. Die Stadtverwaltung? Vergräbt sich lieber in Papierakten als im Glasfaserkabel.

Dabei war die Erkenntnis nicht neu. Schon bei der Next Economy Open 2016 saß man im Bonner Coworking-Space bei Käsekuchen und diskutierte, wie sich die Stadt vernetzen könnte. Die Diagnose: Es fehlt an einer Strategie, an einer Kultur, an Mut. Die Szene wusste schon damals, dass Köln viel offensiver unterwegs war. Heute, knapp zehn Jahre später, ist die Lücke ein Abgrund. Köln auf Platz 4, Bonn auf Platz 38.

Das Muster wiederholt sich: Bonn hat Talente, Initiativen, Startups. Aber sie werden nicht ernst genommen. Coworking-Spaces? Nett, aber nur, solange sie nicht nach städtischer Unterstützung fragen. Kreative, Blogger, Gründer? Sie existieren, doch die Stadtgesellschaft schaut lieber auf ihre DAX-Konzerne. „Da ist der Arbeitsplatz sicher“, heißt es. Nur: Digitalisierung wächst nicht in den Betonburgen der Konzerne. Sie wächst in den Nischen, wo Menschen etwas ausprobieren dürfen.

Stattdessen setzt die Stadt auf ihre Klassiker: Beethoven und Bußgelder. Der eine als Leuchtturm für Kultur, die anderen als Haushaltsinstrument. Digitalisierung dagegen wird behandelt wie ein Nebenschauplatz, den man irgendwann auch mal abräumen könnte, wenn Zeit ist.

Doch die Zeit läuft. Städte konkurrieren heute nicht mehr nur um Touristen, sondern um Startups, um Talente, um Köpfe. Köln hat das verstanden und eine digitale Agenda entwickelt. Bonn dagegen vertraut auf den Charme vergangener Bundesglorie. Das Ergebnis: junge Entwickler zieht es nach Berlin, Investoren nach München, und selbst Düsseldorf wirkt aufregender.

Das Absurde: Bonn könnte eine digitale Vorzeigestadt sein. Forschung an KI und Robotik, internationale Organisationen, eine Universität mit enormem Potenzial, dazu die Nähe zu den Ministerien. Aber ohne Vision bleibt all das Stückwerk. Man kann keine digitale Zukunft dirigieren, wenn der Dirigent fehlt.

Im Wahlkampf tönt es nun von allen Seiten: Digitalisierung muss Chefsache sein. Schön. Nur: Chefsache heißt nicht, dass die Oberbürgermeisterin oder der Oberbürgermeister bei der nächsten Digitalkonferenz ein Grußwort spricht und dann verschwindet. Chefsache heißt, Strukturen schaffen, Investitionen lenken, Startups fördern, Räume öffnen, Menschen zusammenbringen. Es heißt, aus Bonn einen Ort zu machen, an dem digitale Kultur selbstverständlich ist – und nicht ein exotisches Nischenthema zwischen Beethovenhalle und UN-Campus.

Bis dahin bleibt Bonn, was es digital längst ist: eine Stadt, die die Zukunft verschläft. In der die Verwaltung glaubt, Glasfaser sei ein Dessert. In der man stolz auf Beethoven verweist, während Köln längst die digitale Sinfonie probt. Wie schaffen es ja nicht einmal, einen politisch klugen Hackathon auf die Beine zu stellen, gelle. Die Vorschläge lagen auf dem Tisch.

Die Pointe? Wer digital stehenbleibt, stolpert – und Bonn stolpert gerade vom Mittelmaß in die Bedeutungslosigkeit. Wer nicht aufpasst, landet im Ranking bald hinter Bielefeld. Und das soll bekanntlich nicht einmal existieren.

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