
Online-Geschäft und stationärer Handel greifen angeblich immer besser ineinander. Immer mehr Anbieter würden die unterschiedlichen Vertriebskanäle miteinander verknüfen, um den Kunden ein durchgängiges Einkaufserlebnis zu ermöglichen. Wie im vergangenen Jahr auch, wird der IBM Omnichannel Maturity Index 2013 vom Elektronik-Fachhandel mit Conrad auf dem ersten Platz angeführt, doch die Abstände werden enger: Warenhäuser und Mode schließen auf, allerdings bietet das Fashion-Segment immer noch ein eher uneinheitliches Bild. Der Lebensmittelhandel hinkt aufgrund der geringen Brutto-Margen und der hohen Logistikanforderungen nach wie vor hinterher.
„Die Kunden differenzieren immer weniger zwischen Online und Filiale“, sagt Roland Scheffler, Partner in der Strategieberatung bei IBM Global Business Services.
Stationäres Geschäft und Online-Handel müssten sich deshalb ergänzen und können sich im besten Fall auch gegenseitig beflügeln. Ein nahtloses, durchgängiges Kundenerlebnis sei dabei wichtig für den Erfolg. Kanalübergreifende Kundenbindungsprogramme gehörten dazu. Sie werden derzeit jedoch von weniger als der Hälfte (47 Prozent) der untersuchten Unternehmen eingesetzt.
Auch in diesem Jahr schnitten die großen Elektronik-Händler am besten ab, mit Abstand führend bleibt Conrad. Das Unternehmen erreichte mit 82 Prozentpunkten (Saturn: 66 Prozent, Media Markt: 64 Prozent) die höchste Punktzahl. Insgesamt fünf der besten zehn Unternehmen kommen aus diesem Segment.
Generell trägt der Handel auch dem Trend zum Mobile Business Rechnung: Über eine mobile App verfügen 56 Prozent (Vorjahr 41 Prozent) der untersuchten Unternehmen, eine mobile Website bieten 63 Prozent (Vorjahr 47 Prozent). Mobile Bestellungen sind bei 32 (App) beziehungsweise 54 Prozent (mobile Website) möglich.
Insgesamt kommen die Autoren der Untersuchung zu dem Schluss, dass es bei der Entwicklung integrierter Handelskonzepte nicht den einen „Königsweg“ gibt:
„Wir beobachten, dass die klassischen Filialisten ihre Online-Kompetenz rasch erweitern und die ehemaligen reinen Online-Händler zum Teil sehr erfolgreich ein Filialnetz aufbauen“, behauptet IBM-Mann Scheffler.
Ich sehe das nicht so – zumindest beim stationären Handel sehe ich den Wandel nicht. Auch nicht bei den zitierten Elektronikketten.
„Wenn sie Flügel an ein Auto montieren, wird es trotzdem kein Düsenjet werden. Es geht eben nicht um den Wettbewerb der Vertriebswege, um Omni-Channel. Am Markt entscheidet das Businessmodell. Der Kampf verläuft zwischen Product Centricity gegen Consumer Centricity. Die von IBM ausgelobten Branchensieger, wie Conrad, Saturn und Mediamarkt kämpfen nicht miteinander um ein Omni-Channel-Maturity-Ranking,
sondern um Konsumenten. Ihre Herausforderer halten sich nicht an traditionelle Branchen- und Landesgrenzen um Kunden zu gewinnen, sie organisieren und optimieren Beziehungen und verkaufen nebenbei Produkte. Es handelt sich um die Unternehmen der Netzwerkökonomie, wie Amazon, Ebay, Google und vielleicht auch einmal Zalando“, kommentiert Trendforscher Professor Peter Wippermann.
Ähnlich kritisch kommentiert Smart Service-Blogger Bernhard Steimel den Befund von IBM:
„Omnichannel ist hier nur eine weitere Worthülse. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen bereit sind, konsequent ihre Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und auf Einfachheit, Durchgängigkeit und Konsistenz zu trimmen.“
Multichannel, Cross Channel und jetzt Omnichannel kaum ein Kraut ist gegen die Vergesslichkeit der meisten Unternehmen gefeit.
Die Unternehmen seien zwar auf vielen Kanälen auf Sendung gegangen, ohne die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass man die Kunden entlang dieser Kontaktpunkte wiedererkennt und ihnen ein konsistentes Service-Erlebnis vermittelt.
„Diese Digitale Demenz wird meines Erachtens bis 2020 zum strategischen Wettbewerbsnachteil, wenn der Typus des digital vernetzten Kundens nicht die Ausnahme, sondern der Regel sein wird“, so Steimel.
Wie seht Ihr das? Hat der stationäre Handel in Deutschland wirklich den Amazon-Gong schon gehört und die richtigen Konsequenzen gezogen?
Würde gerne zu dieser Frage ein paar Hangout-Interviews machen. Wer interessiert ist, sollte sich bei mir melden.
