
Ich gehe durch Bonn und spüre eine Kälte, die nichts mit dem Wetter zu tun hat. Veranstaltungen der jüdischen Gemeinde werden nicht mehr öffentlich angekündigt. Sie finden im Verborgenen statt, an Orten, die man nur erfährt, wenn man auf verschlüsselten Kanälen in letzter Minute die Nachricht erhält. Man schützt sich, indem man unsichtbar wird. In Deutschland, im Jahr 2025.
Und während ich das aufschreibe, höre ich die Rede von Thore Schäck in der Bremer Bürgerschaft nach. Eine Rede, die Mut macht – und zugleich schmerzt.
Er begann mit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas Israel angriff: „Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas wehrlose Zivilisten regelrecht abgeschlachtet. Und ich sage das mal ganz deutlich, es war das größte Vernichtungsmassaker an jüdischem Leben nach dem Holocaust.“
Das ist kein rhetorischer Überschwang. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Geschichte nicht vergangen ist, sondern wiederkehrt.
„Ja, aber“ reicht nicht
Schäck fuhr fort: „Viele Stimmen in Deutschland sagten: Das war ja nicht das palästinensische Volk, das war ja nur die Hamas. Ich weiß nicht, ob wir mit Blick in unsere eigene Geschichte auch so argumentieren würden, dass es nur ein paar Nationalsozialisten waren, nicht Deutschland. Wahrscheinlich nicht.“
Dieser Satz hat mich getroffen. Denn er entlarvt das bequemste aller Argumente: das „Ja, aber“. Dieses Wegducken, das wir Deutschen so gut beherrschen. Damals wie heute.
Schäck erinnerte auch an die Bilder: entführte israelische Geiseln, misshandelt, verspottet, gequält, während Teile der Bevölkerung zusahen oder sogar Beifall spendeten. „Ja, aber ist damals zu wenig gewesen – und ja, aber ist auch heute ausdrücklich zu wenig.“
Deutschland 2025
Es sind nicht nur Bilder aus Gaza. Es sind Bilder aus unserem Land. Schäck sagte: „Der Antisemitismus grassiert wieder in diesem Land. Seit 2015 steigt er an. Menschen trauen sich nicht mehr, mit Kippa durch die Straße zu gehen. Jüdische Geschäfte werden wieder demoliert. Und all das erinnert an dunkelste Zeiten, was wir alles schon einmal hatten in diesem Land.“
Und er fügte hinzu: „Es hilft auch nicht, dieses Problem einfach zu leugnen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“
Wenn ich diese Worte höre, denke ich an meine eigene Familie.
Der lange Schatten meiner Familie
1932 zogen meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn nach Kuschkow im Spreewald. Dort begannen sie ein neues Leben mit einer Gast- und Landwirtschaft. Drei Jahre später, 1935, begann die Schulzeit meines Vaters. Doch weil mein Großvater Jude war, zwang man die Familie durch Boykott und Schikanen zum Verkauf.
1936 flüchteten sie nach Österreich, auf den Danielsberg in Kärnten, wo sie den Herkuleshof eröffneten. Ein Ort der Hoffnung, der ihnen 1939 durch Arisierung genommen wurde. Mein Großvater kam ins KZ Dachau, später nach Bendorf-Sayn, in eine Einrichtung, die Teil der „Aktion T4“ war – dem Krankenmord.
Am 23. Mai 1942 starb er unter ungeklärten Umständen, kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz. In der Sterbeurkunde nannte man ihn „Wilhelm Alfons Israel Sohn – ohne Beruf, israelitisch“. Man raubte ihm nicht nur das Leben, sondern auch seinen Beruf, seine Identität, seine Würde.
Der Auftrag
Wenn ich heute sehe, dass jüdische Gemeinden iwieder im Verborgenen leben müssen, dann spüre ich, wie die Schatten meiner Familie sich verlängern.
Und dann höre ich Schäck: „Was unsere Aufgabe ist, ist der Schutz jüdischen Lebens – insbesondere auf unseren Straßen. Der Schutz jüdischen Lebens ist deutsche Staatsräson. Und das muss es auch immer bleiben.“
Das ist richtig. Aber es darf nicht nur in Parlamenten gesagt werden. Es muss auf unseren Straßen gelten – hier, in Bonn, vor meiner Haustür.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft habe, gegenzuhalten, so wie mein Vater und mein Großvater es getan hätten. Aber ich weiß: Schweigen ist Verrat. Und wer „Ja, aber“ sagt, der hat schon verloren.