Cybersicherheit als neue Staatsräson @bundeskanzler

Die Bilder aus Halle und die Worte aus Würzburg erzählen zwei Seiten derselben Geschichte. In Halle feierte die Cyberagentur ihr fünfjähriges Bestehen, in Würzburg beschlossen CDU/CSU und SPD eine sicherheitspolitische Agenda, die Deutschland aufrüsten soll wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.

Der Gegensatz liegt in einem Wort. Die Koalition schreibt in ihr Papier, sie wolle „gesamtstaatliche Resilienz und Verteidigungsfähigkeit“ ausbauen. Forschungsdirektor Christian Hummert aber spricht von Vigilanz. Resilienz ist für ihn ein Konzept des 20. Jahrhunderts: Standhalten, aushalten, den Angriff ertragen. Vigilanz bedeutet etwas anderes: proaktive Wachsamkeit, das Antizipieren von Angriffen, bevor sie geschehen.

Die politische Klasse denkt noch in Kategorien von Material, Infrastruktur, Personal. Hummert dagegen rechnet schon in den Asymmetrien des 21. Jahrhunderts. Russland stellt seinen letzten Flugzeugträger außer Dienst und investiert in Drohnenschwärme. Deutschland beschafft Patriot-Systeme und verschießt Raketen im Millionenwert gegen Drohnen, die zwanzigtausend Euro kosten. Wer hier Resilienz predigt, verwechselt Kosten mit Sicherheit.

Die Cyberagentur arbeitet an Technologien, die genau diese Lücke adressieren: mobiles Quantencomputing, neuroadaptive Interfaces, autonome Systeme im Schwarm. Die Preisträger des Wettbewerbs HAL2025 deuteten an, wohin die Reise geht: robuste Kommunikation im Schwarm, autonome Perimeteraufklärung, schwarmintelligente Sensorik für Großveranstaltungen. Das ist nicht mehr Resilienz, das ist Vigilanz – angewandt auf die operative Ebene.

Auch politisch ist der Anschluss zwingend. Der Nationale Sicherheitsrat, den die Koalition gerade eingesetzt hat, könnte die Cyberagentur als Ratgeber institutionalisieren. Denn die strategische Frage lautet nicht nur, wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts wir für Verteidigung ausgeben. Sie lautet, wie wir verhindern, dass Drohnen und Desinformation den politischen Prozess selbst untergraben.

Bettina Bubnys, die neue kaufmännische Geschäftsführerin, betonte in Halle, die Cyberagentur sei „mitten in der Forschungslandschaft angekommen“. Haseloff sprach vom Standortfaktor, Vetter von der langen Leine. Doch der eigentliche Punkt ist größer: Mit dem Fokus auf das „digitale Ich“ – die Sicherheit individueller Identitäten – verschiebt die Cyberagentur die Debatte. Es geht nicht nur um die Wehrhaftigkeit des Staates, sondern um das Vertrauen der Bürger in die digitale Ordnung.

Die Koalition plant 3,5 Prozent für Verteidigung, neue Wehrdienste und ein Beschaffungsbeschleunigungsgesetz. Die Cyberagentur zeigt, dass keine Zahl der Welt etwas nützt, wenn die Logik der Bedrohung nicht verstanden wird. Fünf Jahre nach ihrer Gründung ist sie nicht nur Forschungsagentur – sie ist ein Prüfstein dafür, ob Politik bereit ist, die Grammatik der Souveränität neu zu lernen.

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