Zalando und die Heizdeckenverkäufer des Social Web

Auf der Versandhandelstagung NEOCOM waren sich die Experten nach Beobachtungen von Smart Service-Blogger Bernhard Steimel einig: Social Media taugt nicht als Verkaufsinstrument. Und selbst Zalando, der aktuelle Star des Online-Handels, stellt klar, dass Social Media im Marketing-Mix keine tragende Rolle spielt.

„Auf Social Commerce will derzeit niemand eine Zukunftswette abschließen. Nachdem einige Misserfolgsmeldungen die Runde machen, scheint die erste Euphorie-Welle verpufft und man will zur Tagesordnung übergehen“, so Steimel.

Es handelt sich wohl um ein großes Missverständnis im Umgang mit sozialen Netzwerken. Die liebwertesten Gichtlinge der Heizdecken-Verkaufsabteilung sollten mehr über die Worte „Social“, „Partizipation“, „Kultur der Beteiligung“, „Offenheit“, „Liquid Democracy“ und „Open Data“ nachdenken, bevor sie ihre Couponing-Orgien im Social Web fortsetzen und sich über die kollektive Nichtbeachtung im Netz wundern. Das Couponing-Syndrom brachte ja Acquisa-Chefredateur Christoph Pause bei der Netzintelligenz-Runde des Blogger Camps ins Spiel.

Die aalglatten Verkaufsmanager hängen immer noch an der Marketing-Ideologie des 19. Jahrhunderts, wie Steimel in seinem Blog ausführt:

„Das von Elmo Lewis im Jahre 1898 entwickelte AIDA-Modell bildet noch heute die Basis der meisten Marketing-Programme und Kampagnen. Es basiert auf der Idee, durch gezielte Information Konsumenten Schritt für Schritt zum eigenen Produkt zu führen. Jedoch spiegelt das Modell immer weniger den tatsächlichen Kaufentscheidungsprozess wider.“

Laut einer McKinsey-Studie aus dem Jahre 2009 werden zwei Drittel der Informationen im Kaufprozess durch Empfehlungs-Kommunikation bestimmt und nur noch ein Drittel durch die Hersteller-Kommunikation.

Und das wird sich weiter verschieben zugunsten der Kunden verschieben. Beispiel E-Plus-Base…..

„Unsere Untersuchungen bestätigen den Trend und untermauern die Bedeutung des sozialen Filters bei Kaufentscheidung. Damit verlieren die Marken die Kontrolle über die Kundeninteraktion und damit über die Marken-Wahrnehmung und die Kaufentscheidung“, erläutert Unternehmensberater Steimel.

Wie social beispielsweise der „Star des Online-Handels“ wirklich ist, der fast auf keiner Folie bei Tagungen über Trends der digitalen Wirtschaft fehlt, kann man an der ZDF-Zoom-Reportage betrachten:

Es werden zwar Millionen für die Suchmaschinen-Optimierung, für Adwords-Kampagnen und Fernsehwerbung ausgegeben. Wer hinter die Kulissen der bunten frauenkreischenden Zalando-Welt blickt, entdeckt Arbeitsverhältnisse, die ich nicht als sozial werten kann. Man braucht sich nur die Container in dem Logistik-Zentrum und den Kommandoton der Vorarbeiterin anschauen, um sich einen Eindruck von der „Unternehmenskultur“ zu verschaffen.

Wie offen hat denn das Zalando-Management auf die ZDF-Undercover-Reportage reagiert? Diese Frage habe ich Zalando kurzerhand auf Facebook gestellt und darum gebeten, die Antwort im Lichte der Netzöffentlichkeit zu posten – also schön social.

Eigentlich wollen die Unternehmen weiter in Ruhe ihr Ding machen und nicht von Konsumenten gestört werden.

Man merkt das auf Konferenzen bei kritischen Zwischenfragen oder eben auch bei öffentlichen Diskursen, die nicht nach den Regeln der Schönwetter-Propaganda des Marketings ablaufen. So wird das nichts im Social Web.

Vielleicht brauchen die Heizdeckenverkäufer in den Top-Etagen auch eine „Industrialisierung der Fantasie“, wie es Thomas Sedlaczek in einem Beitrag für die erste Printausgabe des Online-Debattenmagazins „The European“ zum Ausdruck brachte: Gehandelt werde nicht mehr mit Gegenständen, sondern mit Gefühlen.

Wie sich die Unternehmenskultur ändern sollte, ist auch Thema meiner morgigen Service Insiders-Kolumne. Über Meinungsäußerungen würde ich mich wieder sehr freuen. Per Mail (gunnareriksohn@gmail.com), über Blogkommentare oder vielleicht auch spontan über einen Live-Hangout. Das würde morgen so gegen 10 Uhr gehen.

Wie Schein und Sein in der Wirtschaftswelt auseinander fallen, kann man übrigens sehr schön an den neuen Ergo-Skandalen ablesen. 

Facebook, Google Plus und das Wechselspiel der Social Web-Nerds

Die Karrierebibel führt drei Gründe an, warum man nicht ausschließlich auf Facebook setzen sollte:

Fehlende Kontrolle und unerwartete Veränderungen werden als Argumente ins Feld geführt.

Die Ankündigung des neuen Timeline-Designs zeigt es eindrücklich: Änderungen im Aufbau und der Funktionsweise von Facebook können jederzeit statt finden. Die neuen Entwickler-Schnittstellen werden beispielsweise viele bestehende Facebook-Apps ausschließen. Und nicht alle Neuerungen werden so rechtzeitig und öffentlich angekündigt wie Timeline.

Nicht ganz so nachvollziehbar ist die eingeschränkte Reichweite:

Auch wenn Facebook gerne mit seinen 800 Millionen Nutzern – davon mehr als 20 Millionen in Deutschland – wirbt: Die Reichweite ist eingeschränkt. Gerade netzaffine Nutzer die auf Twitter und Google+ aktiv sind, meiden Facebook teilweise bewusst. Die Kommunikation rein über Facebook schließt daher einen wichtigen Nutzerkreis mit großer Multiplikator-Wirkung aus.

Mal abgesehen, dass es ziemlich dumm wäre, auf maximale Netzwerk-Effekte zu setzen, ist die bewusste Vermeidung kein Argument, Facebook zu meiden und deshalb beispielsweise auf Google Plus zu setzen. Das von Mark Zuckerberg vorgestellte Re-Design von Facebook hat so eine Art Kulturschock in der deutschen Netz-Elite ausgelöst. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking ist die Rede. Da mutet es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündet. Für den Marketingexperten Felix Holzapfel bewegt sich der kritische Diskurs im Kreis.

Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des Web-Imperiums. Holzapfel muss schon etwas Schmunzeln, wenn jemand sagt, dass er bei Facebook aussteigt, weil es datenschutztechnisch zu heikel wird und fortan seine Postings beim Suchmaschinen-Giganten unter die Leute bringt. Das sei nicht ernst zu nehmen. Da springt man von einem Übel ins andere. Auch der Vergleich mit AOL würde hinken. „Da war es für mich egal, ob meine Freunde Compuserve benutzen. Es war kein Mehrwert und auch kein Nachteil. Facebook hingegen ist so eine Art Schwarzes Loch im Social Web. Es saugt alles an. Je mehr Leute mitmachen, umso interessanter wird das Ganze. Google Plus ist spannend und gut gemacht. Da sind allerdings nur die Social Web-Nerds unterwegs. Lieschen Müller marschiert dort nicht hin“, so Holzapfel in einem Interview, das ich am Freitag mit ihm führte.

Weiteres heute in meiner The European-Montagskolumne nachzulesen: FACEBOOK UND DIE VERFÜHRBARKEIT: 80 Millionen Vollidioten.