
Bei meiner Europa-Tour hatte ich in schöner Regelmäßigkeit witzige Diskussion, wie viel eine Akku-Ladung für mein damaliges eBike kostet. Hier überschätzten meine Ansprechpartner regelmäßig den Aufwand.
Das Interview mit EnBW-Chef Georg Nikolaus Stamatelopoulos in der FAZ liefert den Aufhänger für ein Energiewende-Lexikon. Im Gespräch geht es um Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, um abgeregelte Windparks, verstopfte Netzknoten, neue Gaskraftwerke, Offshore-Wind, dynamische Stromtarife und einen Stromverbrauch, der weniger stark wächst als lange erwartet.
All das klingt nach Fachdebatte. In Wahrheit geht es um eine Frage, die jeder Haushalt kennt: Was passiert eigentlich, bevor Strom aus der Steckdose kommt? Man sollte die Energiewende einmal so erklären, wie Jean Pütz im WDR technische Dinge erklärt hat: mit Geräten auf dem Tisch, mit Wasserkocher, Fahrradlampe, Modellauto, Ventilator, Solarmodul, Batterie und einem Stück Kabel. Also so, dass man die Sache sieht. Dann wird klar: Strom ist kein Zaubersaft. Strom ist Bewegung, Spannung, Leitung, Gleichgewicht. Und das Netz ist kein Kellerregal, in dem man elektrische Vorräte stapelt.
Die großen Zahlen der Energiewende erschlagen eher, als dass sie erklären. 500 Terawattstunden Stromverbrauch. 80 Gigawatt Spitzenlast. 80 Prozent erneuerbarer Strom bis 2030. 70 Gigawatt Offshore-Wind bis 2045. Solche Werte klingen nach TU-München oder Ministerium. Verständlich werden sie erst, wenn man sie in Alltag übersetzt.
Die Kilowattstunde auf dem Küchentisch
Eine Kilowattstunde ist die kleinste große Zahl der Energiewende. Sie steht auf der Stromrechnung. Sie entscheidet über Kosten. Sie hilft, Geräte zu vergleichen. Trotzdem bleibt sie für viele ein blasser Begriff.
Fangen wir im Physikunterricht an. Watt beschreibt Leistung. Es sagt, wie viel elektrische Kraft ein Gerät in diesem Augenblick zieht. Eine kleine LED-Lampe kommt mit etwa 8 Watt aus. Ein Fernseher liegt je nach Größe bei 80 bis 150 Watt. Ein Föhn zieht rund 1.800 Watt, ein Wasserkocher etwa 2.000 Watt, eine Herdplatte ebenfalls ungefähr 2.000 Watt. Ein Elektroauto lädt an einer Wallbox zu Hause oft mit 11.000 Watt, also 11 Kilowatt.
Das ist noch kein Tagesverbrauch. Es ist der Momentwert. Der Verbrauch entsteht erst durch die Zeit. Läuft die LED-Lampe mit 8 Watt zehn Stunden, verbraucht sie 80 Wattstunden, also 0,08 Kilowattstunden. Läuft der Wasserkocher mit 2.000 Watt drei Minuten, verbraucht er etwa 0,1 Kilowattstunden. Lädt ein Elektroauto eine Stunde lang mit 11 Kilowatt, fließen 11 Kilowattstunden in die Batterie.
Man kann sich das wie einen Wasserhahn vorstellen. Watt ist die Stärke des Wasserstrahls. Kilowattstunde ist die Menge Wasser, die am Ende im Eimer steht. Der Wasserkocher ist ein weit aufgedrehter Hahn für kurze Zeit. Die LED-Lampe ist ein dünnes Rinnsal über viele Stunden.
Eine Kilowattstunde reicht ungefähr für hundert Stunden Licht mit einer sparsamen LED-Lampe. Sie reicht für eine Waschmaschinenladung, abhängig vom Programm. Sie reicht, um einen Wasserkocher mit 2.000 Watt etwa zehnmal für drei Minuten laufen zu lassen. Sie bringt ein modernes Elektroauto ungefähr fünf bis sieben Kilometer weit. Für ein schlecht gedämmtes Haus im Winter ist sie rasch verschwunden. Wärme verschlingt Energie wie ein offenes Fenster die Heizluft. So wird aus einer abstrakten Einheit ein Bild: Eine Kilowattstunde ist kein großer Brocken. Sie ist eine Portion Energie. Für Licht reicht diese Portion lange. Für Wärme und Bewegung schmilzt sie schnell.
Der Haushalt denkt in Geräten, das Netz denkt in Gleichzeitigkeit
Ein einzelner Haushalt schaut auf seine Geräte. Der Mensch sieht den Wasserkocher, den Backofen, die Waschmaschine, das Ladegerät, den Fernseher, die Wärmepumpe. Das Stromsystem sieht alle Geräte gleichzeitig.
Das ist der entscheidende Perspektivwechsel. Ein Wasserkocher ist kein Problem. Vierzig Millionen Wasserkocher zur gleichen Zeit wären ein Ereignis. Bei 2.000 Watt pro Gerät läge die Leistung bei 80 Gigawatt. Genau in dieser Größenordnung bewegt sich die deutsche Spitzenlast.
Man kann sich Deutschland in einer Winterstunde vorstellen. In Wohnungen leuchten Lampen. Menschen kochen. Wärmepumpen arbeiten. Züge fahren. Server rechnen. Fabriken produzieren. Krankenhäuser laufen. Kühlhäuser kühlen. Pumpen bewegen Wasser. Aufzüge fahren. Tausende kleine und große Stromhunger addieren sich zu einer einzigen Kurve.
Diese Kurve ist die Last. Sie steigt morgens, verändert sich über den Tag, zieht abends oft wieder an und fällt nachts. Das Stromsystem muss dieser Kurve folgen. Es reicht nicht, im Jahr genügend Strom zu erzeugen. Der Strom muss in der richtigen Sekunde am richtigen Ort verfügbar sein.
Das ist wie in einer Schulkantine. Über den Tag essen vielleicht 800 Schüler. Diese Menge lässt sich planen. Schwierig wird die große Pause, wenn alle gleichzeitig am Tresen stehen. Dann entscheidet nicht die Tagesmenge, sondern die Schlange vor der Ausgabe. Beim Strom heißt diese Schlange Spitzenlast.
Die Badewanne ohne Stöpsel
Viele stellen sich das Stromnetz wie eine Badewanne vor. Oben kippt man Strom hinein, später lässt man ihn unten heraus. Dieses Bild verführt. Es macht das Netz zu einem Speicher. Genau das ist es im normalen Betrieb nicht.
Besser ist die Badewanne ohne Stöpsel. Der Wasserstand muss jede Sekunde stimmen. Fließt zu viel hinein, läuft sie über. Fließt zu wenig hinein, sinkt der Pegel. Im Stromsystem heißt dieser Pegel Frequenz. In Europa schlägt das elektrische Herz mit 50 Hertz.
Diese 50 Hertz sind der Takt der Steckdose. Gerät der Takt aus dem Rhythmus, wird es gefährlich. Zu viel Erzeugung drückt das System in die eine Richtung. Zu viel Verbrauch zieht es in die andere. Kraftwerke, Windparks, Solaranlagen, Speicher, Netzbetreiber und Verbraucher müssen laufend ausgleichen.
Früher war das einfacher zu erklären. Große Kraftwerke wurden nach Bedarf hoch- und runtergefahren. Heute liefert ein wachsender Teil der Erzeugung, was das Wetter gerade hergibt. Die Sonne produziert mittags, auch wenn der Haushalt leer ist. Der Wind bläst nachts, auch wenn Fabriken stillstehen. Eine Dunkelflaute liefert wenig, obwohl Menschen heizen, kochen und arbeiten.
Die Energiewende bringt also nicht nur neue Stromquellen. Sie verändert den Takt.
Stromstau auf der Leitung
„Zu viel Strom“ klingt zunächst absurd. Saubere Energie gilt als Ziel. Weshalb sollte ein Windrad stillstehen, während Wind weht?
Die Antwort liegt im Transport. Strom muss nicht nur entstehen. Er muss durch Leitungen zum Verbraucher. Das Netz ist die Straße der Elektronen. Auf dieser Straße können Staus entstehen.
Viel Windstrom entsteht im Norden und auf See. Große Verbrauchszentren liegen in Städten, Industriegebieten, im Süden und Westen. Reichen die Leitungen nicht aus, entsteht ein Netzengpass. Dann ist es wie auf einer Landstraße, auf der schon alles steht. Noch mehr Autos lösen den Stau nicht. Auch elektrische Autos bleiben im Stau.
Oder nehmen wir einen Bauern. Er hat seine Tomaten geerntet. Die Kunden warten auf dem Markt. Doch die Brücke ist gesperrt. Die Ware ist da. Die Nachfrage ist da. Der Weg fehlt. Im Stromsystem verderben keine Tomaten. Es gehen Kilowattstunden verloren, die hätten genutzt werden können.
Das ist Abregelung. Ein Windrad könnte Strom erzeugen. Der Netzbetreiber sagt: Heute geht es hier nicht. Die Leitung ist voll. Die Anlage muss herunterfahren.
Das Windrad mit angezogener Handbremse
Abregelung schützt das Netz. Sie ist wie eine Handbremse am Berg. Man zieht sie, damit nichts ins Rutschen kommt. Doch eine Handbremse ist kein Fortbewegungskonzept. Wenn sie ständig gezogen wird, stimmt etwas an der Strecke nicht.
Häufige Abregelung zeigt: Erzeugung, Netz und Verbrauch passen räumlich oder zeitlich nicht zusammen. Der Windpark steht am falschen Knoten, die Leitung ist zu schwach, der Verbrauch liegt zu weit entfernt, Speicher fehlen, flexible Abnehmer fehlen.
Für Betreiber wird daraus ein Finanzierungsproblem. Ein Windpark ist kein Gartenzaun. Er kostet Millionen oder Milliarden. Eine Bank fragt vor dem Kredit: Wie viel Strom wird die Anlage verkaufen? Welche Erlöse sind wahrscheinlich? Wie oft steht sie still? Wer trägt das Risiko?
Stamatelopoulos kritisiert im FAZ-Interview eine Regelidee, nach der Betreiber bei bestimmten Abregelungswerten über Jahre Entschädigungen verlieren könnten. Für die Bank ist das kein Kleingedrucktes. Es ist der Unterschied zwischen finanzierbar und nicht finanzierbar.
Sein Gegenvorschlag arbeitet mit kalkulierbaren Abschlägen. Das klingt trocken, hat aber eine einfache Logik: Ein Risiko, das man messen kann, passt in eine Rechnung. Ein Risiko, das plötzlich zehn Jahre Erlöse beschädigt, schreckt Kapital ab. Dann wird weniger gebaut, obwohl politisch Ausbau gewünscht ist.
Redispatch als Fahrdienstleiter
Redispatch klingt wie ein Wort aus einer Netzleitstelle. Man kann es trotzdem einfach erklären. Stellen wir uns einen Bahnhof vor. Ein Gleis ist blockiert. Der Fahrdienstleiter lässt Züge warten, schickt andere über eine Ausweichstrecke, verändert Reihenfolgen und verhindert Chaos. Niemand sieht von außen den ganzen Plan. Ohne diese Eingriffe stünde der Bahnhof schnell still.
Im Stromnetz passiert Ähnliches. Vor einem Engpass wird Erzeugung gesenkt. Hinter dem Engpass wird Erzeugung erhöht, ein Speicher liefert Strom, ein Verbraucher verschiebt Last. Das Netz bleibt stabil.
Redispatch gehört zu einem komplexen Stromsystem. Als Dauerzustand wird er teuer. Dann bezahlt das System ständig für Umwege, Wartezeiten und Korrekturen. Der Strommarkt kann günstigen Windstrom anzeigen. Die Leitung kann antworten: Dieser Weg ist voll. Die Physik ist in dieser Lage der Schiedsrichter. Sie lässt sich nicht überstimmen.
Die teuerste Stunde des Jahres
Stamatelopoulos nennt im Interview rund 500 Terawattstunden deutschen Stromverbrauch. Das ist die Jahresmenge. Man kann sie sich als riesigen Jahresvorrat elektrischer Portionen vorstellen: 500 Milliarden Kilowattstunden.
Doch für das Netz ist die kritischste Stunde wichtiger als der Durchschnitt. Eine einzige hohe Spitze kann Ausbauentscheidungen treiben. Leitungen, Speicher, Kraftwerke und Reserven müssen für den Moment bereitstehen, in dem viele Verbraucher gleichzeitig Strom ziehen.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Eine Familie kann mit einem kleinen Auto gut leben. Einmal im Jahr will sie mit sechs Personen, Gepäck, Fahrrädern und Hund in Urlaub fahren. Soll sie dafür das ganze Jahr einen großen Bus besitzen? Oder mietet sie den Bus für diese eine Woche? Das Stromsystem stellt eine ähnliche Frage. Baut man alles für Extremspitzen aus? Oder verschiebt man Verbrauch, nutzt Speicher und Reserve gezielt?
Darum bekommt Flexibilität so viel Gewicht. Ein Elektroauto muss nicht um 18 Uhr laden, nur weil es um 18 Uhr in der Einfahrt steht. Eine Wärmepumpe kann früher Wärme erzeugen und im Speicher halten. Manche Industrieprozesse können warten. Andere brauchen sofort Energie. Das System muss diese Unterschiede kennen.
Flexibilität als Gleitzeit der Kilowattstunden
Flexibilität ist die Gleitzeit der Energiewende. Die Arbeit bleibt dieselbe, der Zeitpunkt ändert sich. Ein Auto braucht für eine bestimmte Strecke eine bestimmte Energiemenge. Ob es diese Energie um 18 Uhr, um Mitternacht oder um 13 Uhr bei viel Solarstrom lädt, verändert die Fahrt nicht. Für das Netz macht es einen gewaltigen Unterschied.
Das kennt jeder aus dem Verkehr. Fahren alle um 8 Uhr durch dieselbe Kreuzung, entsteht Stau. Verteilt sich der Verkehr über den Vormittag, reichen die Straßen besser aus. Gleitzeit baut keine neue Brücke, sie entlastet die vorhandene.
Stamatelopoulos nennt ein Potenzial von bis zu 15 Gigawatt weniger Spitzenlast. Diese Zahl klingt abstrakt. Bildlicher gesprochen: Millionen Geräte treten einen Schritt aus der Rushhour heraus. Elektroautos laden später. Wärmepumpen arbeiten früher. Batterien geben Strom ab. Fabriken verschieben geeignete Prozesse. Das Land atmet im Stromnetz etwas freier.
Flexibilität erzeugt keine Kilowattstunde. Sie kann den Bau teurer Spitzenkapazitäten vermeiden. In dieser Wirkung ähnelt sie einem Kraftwerk, das auf dem Bauplan verschwindet.
Dynamische Tarife als Wetterbericht für die Steckdose
Ein dynamischer Stromtarif gibt dem Strom ein Preisschild, das sich mit Wetter und Last bewegt. Viel Wind, viel Sonne, geringe Nachfrage: der Preis sinkt. Flaute, Dunkelheit, hohe Nachfrage: der Preis steigt.
Man kann sich das wie Marktpreise für Erdbeeren vorstellen. In der Saison sind sie günstiger. Im Winter kosten sie mehr. Strom aus Wind und Sonne hat ebenfalls Saisonzeiten, nur wechseln sie schneller: Stunde für Stunde.
Für Haushalte heißt das: Das Elektroauto lädt, wenn der Preis niedrig ist. Die Wärmepumpe nutzt günstige Stunden. Ein Batteriespeicher füllt sich bei Sonne und gibt später Strom ab. Geschirrspüler und Waschmaschine laufen zu passenden Zeiten. Niemand soll sein Leben nach der Steckdose takten. Die Technik soll helfen.
Bisher bleiben viele Menschen bei alten Tarifen. Das hat Gründe: Tarifmodelle verwirren. Apps schrecken ab. Messsysteme wirken fremd. Viele wollen Strom nicht managen. Sie wollen einschalten und fertig. Das ist verständlich. Doch ohne Millionen kleiner Anpassungen wird das Gesamtsystem teurer. Der intelligente Stromzähler ist wie ein Tacho. Er zeigt etwas an. Sparsamer fährt das Auto erst, wenn Mensch oder Automatik anders reagieren.
Gaskraftwerke als Feuerwehrhaus
Neue Gaskraftwerke lösen politischen Streit aus. Viele hören Gas und denken an fossile Rückkehr. Entscheidend ist ihre Rolle im System.
Ein Reservekraftwerk ähnelt einem Feuerwehrhaus. Eine Stadt baut es nicht, weil sie Brände liebt. Sie baut es, weil im Ernstfall jemand ausrücken muss. Idealerweise steht die Feuerwehr oft bereit und fährt selten. Trotzdem braucht man sie.
In der Stromversorgung heißt der Ernstfall Dunkelflaute. Kein Wind, wenig Sonne, hoher Verbrauch, leere Speicher, teure Importe. Dann braucht das System gesicherte Leistung. Gaskraftwerke können diese Rolle übernehmen, falls sie selten laufen und Erneuerbare absichern.
Dauerbetrieb wäre eine andere Geschichte. Dann würden sie CO₂ ausstoßen, Brennstoffimporte verlängern und die Klimabilanz belasten. Reservebetrieb folgt einer anderen Logik: Bereithalten, einspringen, wieder abfahren.
Die wichtigen Fragen lauten: Wie oft laufen diese Anlagen? Wer bezahlt ihre Bereitschaft? Können sie künftig klimafreundlichere Gase nutzen? Halten sie das Netz stabil, ohne Wind und Sonne aus dem Markt zu drücken?
Offshore-Wind als Ernte weit draußen
Offshore-Wind klingt einfach: Auf See weht viel Wind, also baut man dort Windräder. Das Bild stimmt, greift aber zu kurz. Ein Offshore-Windpark ist wie ein riesiges Erntefeld weit draußen auf einer Insel. Die Ernte ist gut. Doch sie muss zum Festland. Dafür braucht man Häfen, Schiffe, Brücken, Lager, Straßen und Händler. Beim Windstrom heißen diese Dinge Plattformen, Spezialschiffe, Seekabel, Konverter, Umspannwerke, Netzanschlüsse, Wartungsteams und Abnehmer.
Jede Turbine zieht eine Lieferkette hinter sich her. Stahl. Kupfer. Rotorblätter. Fundamente. Schiffe. Fachkräfte. Genehmigungen. Versicherungen. Finanzierung. Steigen diese Kosten, steigt der Strompreis oder das Projekt gerät ins Wanken.
Stamatelopoulos wirbt deshalb für eine Überprüfung der Offshore-Ziele. Der Ausbau von rund zehn Gigawatt auf 55 Gigawatt bis 2045 wäre enorm. Doch jedes weitere Gigawatt braucht Anschluss, Transport und Integration. An einem Punkt kann eine zusätzliche Leitung teurer werden als der zusätzliche Nutzen.
Auch hier hilft das Bild vom Acker. Mehr Felder bringen wenig, wenn die Brücke zum Markt fehlt oder die Transportkosten die Ernte auffressen.
Finanzierung als Fundament unter dem Windrad
Ein Windrad beginnt nicht am Himmel. Es beginnt in einer Excel-Tabelle, in Kreditverträgen, Stromlieferverträgen, Zinssätzen und Risikoannahmen. Erst danach dreht sich der Rotor.
Ein PPA, ein direkter Stromliefervertrag, lässt sich mit einer Kantine vergleichen. Der Bäcker verspricht, über Jahre Brot zu liefern. Die Kantine verspricht, dieses Brot abzunehmen. Beide kennen Preis und Menge. Der Bäcker kann einen neuen Ofen kaufen. Die Kantine sichert ihre Versorgung.
Beim Windpark kauft ein Unternehmen über Jahre Strom. Der Betreiber erhält planbare Erlöse. Der Kunde erhält Preissicherheit und erneuerbaren Strom.
Ein CfD, ein zweiseitiger Differenzvertrag, funktioniert wie ein Geländer an einer Brücke. Fällt der Marktpreis zu tief, schützt der Vertrag den Betreiber. Steigt er hoch, fließt Geld zurück. So sinkt das Finanzierungsrisiko, und der Staat verhindert reine Einbahnstraßen bei Gewinnen.
Diese Vertragsfragen wirken trocken. Tatsächlich entscheiden sie über Baukräne, Turbinen und Kabel. Regulierung verändert Kapitalkosten. Kapitalkosten verändern Stromkosten. Eine unklare Regel kann einen Windpark stoppen, bevor ein Fundament gegossen wurde.
Leistung sprintet, Energie wandert
Im Physikunterricht trennt man Leistung und Energie. Diese Trennung hilft gegen viele Missverständnisse. Leistung ist der Sprint. Energie ist die Strecke. Ein Sprinter bringt für wenige Sekunden enorme Kraft auf die Bahn. Ein Wanderer bewegt sich langsamer, legt über den Tag viele Kilometer zurück.
Eine Solaranlage kann mittags viel Leistung liefern. Nachts liefert sie nichts. Ein Windrad kann bei Sturm viel leisten. Bei Flaute steht es fast still. Ein Batteriespeicher kann blitzschnell Strom geben. Nach einiger Zeit ist er leer. Ein Gaskraftwerk kann gesicherte Leistung bereitstellen. Vielleicht läuft es nur wenige Stunden.
Darum sagt die installierte Leistung allein wenig. Viele Gigawatt auf dem Papier ergeben noch kein sicheres System. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Wer liefert wann? Wer speichert? Wer transportiert? Wer verbraucht? Wer springt ein? Ein Orchester mit hundert Instrumenten klingt nur gut, wenn sie zur richtigen Zeit den richtigen Ton spielen. Sonst entsteht Lärm. Das Stromsystem braucht denselben Takt.
Das Lernspiel zur Energiewende
Ein Energiewende-Lexikon sollte nicht nur erklären. Es sollte spielbar werden, wie ein Kosmos-Lernkasten für Strom, Wetter und Netze. Auf dem Tisch liegt Deutschland als Stromkarte. Im Norden stehen Windparks. Auf See drehen Offshore-Turbinen. Im Süden sitzen Fabriken, Städte und Rechenzentren. Auf Dächern liegen Solarmodule. Dazwischen verlaufen Leitungen, Umspannwerke, Bahntrassen, Speicher, Ladepunkte, Wärmepumpen und Grenzkuppelstellen zu Nachbarländern.
Dann kommen Wetterkarten: Winterabend, Sommersonntag, Flaute, Sturm, Hochnebel, Hitzewelle, Frostwoche. Ereigniskarten verändern das Spiel: Kabelschaden, neue Batteriefabrik, Rechenzentrum, verzögerter Netzausbau, sinkende Speicherpreise, teure Spezialschiffe, Bürgerprotest, neue Gaskraftwerke, dynamische Tarife.
Die Spieler müssen entscheiden. Bauen sie Wind im Norden, obwohl die Leitung voll ist? Setzen sie Solar aufs Dach, obwohl mittags schon Überschuss droht? Verstärken sie eine Leitung? Fördern sie Speicher? Verschieben sie Ladevorgänge? Halten sie Gaskraftwerke bereit? Schließen sie einen Windpark trotz Engpass an? Zahlen sie Entschädigung bei Abregelung? Riskieren sie steigende Strompreise?
Nach wenigen Runden versteht jeder die eigentliche Schwierigkeit. Die Energiewende ist kein Wunschbild vom sauberen Strom aus Sonne und Wind. Sie ist ein Echtzeitspiel. Wetter, Leitung, Verbrauch, Speicher, Geld und Verhalten müssen zusammenpassen.
Das kleine Wörterbuch der Steckdose
Kilowattstunde heißt: eine Portion Energie über Zeit. Ein Kilowatt eine Stunde lang ergibt eine Kilowattstunde. Für Licht reicht sie lange, für Wärme deutlich kürzer.
Leistung heißt: Kraft im Augenblick. Der Wasserkocher zieht viel Leistung, aber nur kurz. Die LED-Lampe zieht wenig Leistung, aber oft lange.
Last heißt: aktueller Stromhunger. Sie steigt, wenn viele Geräte gleichzeitig laufen.
Spitzenlast heißt: die Rushhour der Steckdose. Sie bestimmt, wie viel Reserve das System braucht.
Einspeisung heißt: Strom kommt ins Netz. Windräder, Solaranlagen, Kraftwerke und Speicher können einspeisen.
Netzengpass heißt: Die elektrische Straße ist voll. Der Strom kann nicht dorthin, wo er gebraucht wird.
Abregelung heißt: Eine Anlage könnte liefern, muss aber bremsen. Das Netz braucht Schutz.
Redispatch heißt: Der Fahrdienstleiter ordnet den Stromverkehr neu.
Flexibilität heißt: Stromverbrauch zieht aus der Rushhour aus. Das spart Stress im Netz.
Gesicherte Leistung heißt: Jemand steht bereit, wenn Wind und Sonne wenig liefern.
Die erwachsene Energiewende
Das FAZ-Interview öffnet den Blick auf die nächste Etappe. Die erste Etappe machte erneuerbare Energien groß. Die nächste Etappe muss sie alltagstauglich, netztauglich und bezahlbar machen.
Dafür braucht es weniger Schlagwortkampf und mehr Physikunterricht. Wer über Strom spricht, muss Wasserkocher, Leitung, Wetter, Speicher, Lastkurve, Bankkredit und Feuerwehrhaus zusammendenken.
Dann erscheint die Steckdose anders. Hinter ihr arbeitet ein Land im Echtzeitbetrieb. Jede Kilowattstunde braucht Erzeugung. Jede Leitung hat Grenzen. Jede Spitzenstunde kostet Geld. Jede verschobene Last hilft. Und jedes Windrad braucht mehr als Wind.








