
Das Zeit-Streitgespräch zwischen Clemens Fuest und Jens Südekum markiert einen seltenen Moment ökonomischer Selbstaufklärung in der Öffentlichkeit. Zwei renommierte Ökonomen, die einst gemeinsam für ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro warben, debattieren nun über dessen Anwendung – oder, je nach Lesart, seine Entwertung. Das Gespräch ist kein Schlagabtausch zwischen monetären Hardlinern und fiskalischen Pragmatikern, sondern eine Auseinandersetzung über die moralische Grammatik der Ökonomie selbst: Wie viel politische Zweckmäßigkeit verträgt ökonomische Rationalität?
Clemens Fuest hält an einem klassischen Kriterium fest: Schulden dürfen nur dann aufgenommen werden, wenn sie der Zukunft dienen – also in produktive Investitionen fließen, die die gesamtwirtschaftliche Produktivität erhöhen. Jens Südekum dagegen argumentiert mit der Realität der politischen Ökonomie: Entscheidend sei nicht die Reinheit der Kategorie, sondern die Machbarkeit in einem von Zwängen geprägten Haushaltssystem.
Die zwei Rationalitäten des Staates
Diese Gegenüberstellung ist so alt wie die Finanzwissenschaft selbst. Schon Carl Dietzel formulierte 1855 den Grundsatz, der den theoretischen Kern der Debatte ausmacht: Der Staat soll Kapital nur dort aufnehmen, wo der volkswirtschaftliche Ertrag öffentlicher Investitionen den privaten übertrifft. In meiner eigenen Untersuchung zur „optimalen Staatsverschuldung“ (1984) war dies der Ausgangspunkt: Staatsverschuldung ist kein moralisches, sondern ein allokatives Problem – ein Problem der intertemporalen Gerechtigkeit. Sie ist dann gerechtfertigt, wenn heutige Schulden morgen höhere Konsummöglichkeiten schaffen.
Diese Idee einer „produktiven Verschuldung“ setzt voraus, dass der Staat nicht als Nachfrager, sondern als Produzent auftritt – als Akteur, der Kapital in das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial einspeist. Die Frage ist daher nicht, wie hoch die Schulden sind, sondern wofür sie aufgenommen werden. Werden sie für Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung oder Verteidigung eingesetzt, können sie produktiv wirken. Werden sie hingegen für konsumtive Leistungen oder politische Kompromisse genutzt, kehrt sich die Logik der intertemporalen Wohlfahrt um: Der heutige Nutzen wird zum künftigen Nachteil.
Die Ökonomie als Sprachspiel
Rudi Bachmann hat in seiner Analyse auf X treffend darauf hingewiesen, dass Fuest und Südekum hier unterschiedliche Rollen einnehmen – und damit unterschiedliche Sprachspiele. Fuest agiert als Volksberater, der die Prinzipien ökonomischer Vernunft gegen politische Zweckmäßigkeit verteidigt. Südekum spricht als Politikberater, der die normative Reinheit ökonomischer Modelle durch die Realität parlamentarischer Mehrheiten gebrochen sieht.
Diese Unterscheidung ist mehr als semantisch. Sie zeigt, dass der Diskurs über Staatsverschuldung in Deutschland immer noch zwischen zwei Rationalitäten oszilliert: der ökonomischen, die nach intertemporaler Konsistenz fragt, und der politischen, die den Handlungsspielraum der Gegenwart absichert. In dieser Spannung entsteht jene Doppelmoral, die Fuest als „Zweckentfremdung“ bezeichnet – und die Südekum als notwendige Pragmatik verteidigt.
Der Verlust des produktiven Schuldenbegriffs
Dass der Staat zur Schuldentilgung künftig immer größere Haushaltslücken mit Sondervermögen kaschiert, zeigt die Erosion dieses produktiven Verständnisses von Verschuldung. Die Latte der „Zusätzlichkeit“ wurde bewusst niedrig gehängt, um politische Spielräume zu erhalten. Damit hat die Regierung das Instrument der Kreditaufnahme von einem Wachstumsvehikel in ein Konsolidierungsinstrument verwandelt – ein Paradigmenwechsel, der im ökonomischen Sinne regressiv ist.
Im Modell der optimalen Staatsverschuldung, das auf langfristige Wohlfahrtsmaximierung zielt, gilt: Öffentliche Investitionen sollen durch Kredite, öffentlicher Konsum durch Steuern finanziert werden. Diese einfache Regel – seit Koetz, Wittmann und Kromphardt theoretisch abgesichert – ist das ökonomische Äquivalent zur goldenen Regel der Haushaltspolitik. Wird sie verletzt, verschiebt sich die Lastenverteilung zwischen Generationen zugunsten der Gegenwart. Das ist keine Frage der Ideologie, sondern der intertemporalen Konsistenz.
Ökonomen als Machtkritiker
Bachmanns Schlussfolgerung verdient Beachtung: Er plädiert für eine Rückkehr der Ökonomen in die Rolle der Machtkritiker – jenseits von Politikberatung und institutioneller Gefolgschaft. Wenn der Diskurs über die Staatsverschuldung zu einem rhetorischen Spiel zwischen Rechtfertigung und Realpolitik verflacht, verliert die Ökonomik ihre epistemische Autorität.
Fuest erinnert an das, was die klassische Finanzwissenschaft seit Dietzel, Smith und den Neoklassikern lehrte: Staatliche Kreditaufnahme ist dann legitim, wenn sie die Produktivität des gesellschaftlichen Kapitals erhöht. Südekum erinnert an das, was die moderne Demokratie erzwingt: Kompromisse.
Zwischen beiden Positionen liegt die eigentliche Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft – nicht als moralische Instanz, sondern als Hüterin intertemporaler Rationalität.
Denn die Frage, ob es eine optimale Staatsverschuldung gibt, ist heute nicht minder aktuell als 1984. Nur lautet sie anders: Haben wir den Begriff der produktiven Verschuldung so weit ausgehöhlt, dass wir gar nicht mehr merken, wann wir sie vergeuden?