
Man sagt, ein Wirtschaftssystem erkenne man daran, was es wegwirft. Am sechsten Green Monday der GLS Bank in Bochum – ein Abend zwischen Denkwerkstatt, politischem Appell und industrieller Selbsterneuerung – war davon wenig zu spüren. Nicht etwa, weil nichts entsorgt wurde. Sondern weil das Entsorgen selbst in Frage stand.
Was hier zur Sprache kam, war nichts weniger als der Versuch, ein neues Betriebssystem für eine Wirtschaft zu formulieren, die mit ihren Ressourcen nicht bricht, sondern sie begleitet. Das zweite Leben der Dinge – so lautete der stille Untertitel des Abends. Und wer genau hinhörte, verstand: Es geht längst nicht mehr um Müllvermeidung. Es geht um Rohstoffsouveränität, um Industriepolitik, um Systemdesign.
Kreislaufwirtschaft als Gesamtaufgabe
Der Ökonom Prof. Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut machte den Auftakt. Was trocken begann, entfaltete sich rasch zur politischen Kampfansage. Deutschland, so seine Diagnose, „kann Entsorgung – aber keine Kreislaufwirtschaft“. Warum? Weil Politik, Verwaltung und viele Unternehmen noch immer linearen Wertschöpfungsketten anhängen, in denen Rückführung nur als „nachgelagerte Optimierung“ mitgedacht wird. Wilts nennt das eine „institutionelle Blindstelle“.
„Kreislaufwirtschaft darf nicht in einer kleinen Fachabteilung des Bundesumweltministeriums versauern“, so Wilts.
„Wir brauchen einen ressortübergreifenden Schulterschluss – zwischen Umweltministerium, Finanzministerium, Wirtschaftsministerium, Arbeitsministerium und dem Kanzleramt.“
Was in den Niederlanden längst als nationale Strategie mit zirkulären Leitmärkten, eigenem Rohstoffmonitoring und klaren Zielpfaden strukturiert sei, bleibe in Deutschland Stückwerk. Wilts plädiert für eine Neuorganisation der Wertschöpfung – technologisch, kulturell, politisch. Kreislaufwirtschaft müsse strategische Rohstoffsicherheit gewährleisten und dürfe nicht länger als ökologische Folklore behandelt werden.
Siegesmund: Kreislaufwirtschaft ist Versorgungssicherheit
Anja Siegesmund, geschäftsführende Präsidentin des BDE, formulierte es unmissverständlich:
„Rezyklate haben keinen Lobbyismus – sie haben Widerstände. Dabei könnten sie helfen, unsere Rohstoffabhängigkeit zu reduzieren, das Klima zu schützen und die Volkswirtschaft zu entlasten.“
Die von ihr vorgestellte Roadmap des „Sofortprogramms Kreislaufwirtschaft“ adressiert neun prioritäre Handlungsfelder – vom Brandschutz bei Lithium-Batterien über die digitale Infrastruktur bis hin zu neuen Beihilferegelungen und Rohstoffpartnerschaften. Ihr Befund ist deutlich:
„Zirkuläres Wirtschaften braucht politische Partnerschaften – jenseits von Schönwetterzeiten. Wer Kreislauf will, muss auch Beschaffung können.“
Öffentliche Auftragsvergaben, so ihr Vorschlag, müssten systematisch auf den Einsatz von Rezyklaten und langlebigen Produkten verpflichten. Ökologische Beschaffung müsse das „neue Normal“ werden – gesetzlich verankert, haushaltswirksam umgesetzt.
„Unser Sofortprogramm macht Kreislaufwirtschaft zum Standortfaktor: weniger Bürokratie, klare Spielregeln für Rezyklate und ökologische Beschaffung als Norm. Wer jetzt handelt, stärkt Rohstoffsicherheit, senkt Emissionen – und macht Deutschland resilienter.“
Baumgürtel: ETS 3 – Ein Preis für Zirkularität
Lars Baumgürtel, Geschäftsführer des Mittelständlers ZinQ, denkt zirkulär in ökonomischen Kategorien. Seine These: Die Kreislaufwirtschaft wird scheitern, solange ihre Produkte keinen Preisvorteil genießen.
„Wenn CO₂ einen Preis hat – warum nicht auch Ressourcenerhalt?“
Sein Vorschlag: Ein drittes Emissionshandelssystem (ETS 3) – nicht für Ausstoß, sondern für Wiederverwendung. Solange der Markt zirkuläres Wirtschaften strukturell benachteilige, brauche es politische Korrekturen.
„Recyclingstoffe haben oft die bessere Ökobilanz – aber keine Chance im Markt. Wir haben ein zirkuläres Marktversagen – das gehört politisch adressiert.“
Baumgürtel fordert eine fiskalische Architektur, die Ressourcenerhalt incentiviert und Primärrohstoffe belastet – nicht als Strafe, sondern als Ausgleich.
Osmanoglu: Kapitalströme umlenken
Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank, erinnerte daran, dass auch die Kapitalmärkte den zirkulären Umbau bislang blockieren. Wer heute investiere, setze auf Wachstum durch Abrieb – nicht durch Wiederverwendung.
„Unser Finanzsystem fördert Kauf, Abrieb und Verwertung – aber nicht Reparatur, Teilung und Zweitnutzung.“
Ihr Vorschlag: Ein neues Scoring-System für Investitionen, das nicht nur CO₂-Bilanzen, sondern auch Zyklen, Reparierbarkeit und Materialbindung abbildet. Sie fragt: Was wäre, wenn die längere Nutzung eines Gegenstands als Wert begriffen würde – nicht als Hindernis?
Circular Valley: Vom Scrollen zum Schließen
Ein zivilgesellschaftlich-industrieller Leuchtturm ist die Circular Valley Stiftung. Ihr Modell: Ein internationaler Accelerator, ein intersektoraler Politikdialog, eine radikale Bildungsarbeit – von Schulen bis zu Kunstprojekten. Vorgestellt von Andreas Mucke: „Wenn das Silicon Valley der Welt das Scrollen beigebracht hat, dann will das Circular Valley lehren, wie man schließt, was man geöffnet hat.“
Das Bergische Land – früher Strukturwandelgebiet, heute Industriestandort mit Erfindergeist – wird zum Labor für einen industriellen Mentalitätswandel. Die Region zwischen Ruhr und Rhein zeigt, dass Tradition, Mittelstand und Transformation keine Gegensätze sein müssen.
Von Kellern, Kennzahlen und Kartons: Drei Startups fürs zweite Leben
Der zweite Veranstaltungsteil wurde zur Fallstudie lebendiger Kreislaufwirtschaft. Drei Startups präsentierten funktionierende Modelle:
- Michael Lehnert von seventhings: Digitale Inventarisierung von über 16 Millionen Objekten – als Grundlage für Teilen, Reparieren, Zweitnutzung.
„Unwissenheit erzeugt Verschwendung.“ - Dieter Kramps von cobago: Mit EcoFlex bringt er ein Daten-Cockpit für Nachhaltigkeit auf den Markt – CO₂, Lieferkettenrisiken, Materialflüsse, alles in Echtzeit steuerbar.
„Die Kreislaufwirtschaft ist datengetrieben – aber bislang fehlen die Daten. Wir liefern Orientierung.“ - Marc Diefenbach von rhinopaq: Mehrwegversandboxen für B2B, mit Rückverfolgung, Standardisierung und hoher Umlaufquote.
„Bis zu 40 Umläufe pro Box – das ist kein Pilot, das ist Alltag.“
Die zahlreichen Publikumsfragen zu Material, CO₂-Bilanz, Rückführungskosten und Systemintegration belegten: Es geht nicht mehr ums Ob – es geht ums Wie.
„Wir haben drei Pflanzen gesehen – jetzt müssen wir sie begleiten, bis sie Bäume werden“
Zum Abschluss brachte Frank Barz von TechBoost den Abend auf den Punkt:
„Wir haben drei Pflanzen gesehen – jetzt müssen wir sie begleiten, bis sie Bäume werden.“
Der Green Monday war kein PR-Event, keine Märchenstunde. Er war ein realpolitisches Labor für ein neues Wirtschaftsverständnis. Kreislaufwirtschaft ist kein ESG-Addon. Sie ist eine strategische Notwendigkeit, ein ökonomisches Update – und eine politische Aufgabe.
Wenn Deutschland nicht nur „Entsorgung“, sondern „Zirkularität“ können will, dann braucht es endlich: eine Strategie, ein Mandat, ein gemeinsames Zielbild – und einen Platz im Kanzleramt.
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