
„Wahrheit ist das, was sich durchsetzt – aber was sich durchsetzt, ist nicht immer wahr.“
Das Versäumnis
Es ist mir unangenehm. Ich habe den 100. Geburtstag von Paul Feyerabend im vergangenen Jahr schlichtweg vergessen. Keine Würdigung, kein Essay, keine Erinnerung. Dabei verdanke ich ihm eine der wichtigsten Befreiungen meines Denkens: die Einsicht, dass auch in der Wissenschaft – gerade dort – oft nicht das bessere Argument siegt, sondern das bessere Schauspiel. Die wissenschaftliche Bühne ist kein Tribunal der Wahrheit, sondern ein Theater der Gewissheiten – mit Experten in der Hauptrolle, flankiert von der Bühnenmaschinerie ihrer Institutionen. Zeit also, das Versäumte nachzuholen.
Die Maske des Experten
„Der Professor“, schreibt Feyerabend sinngemäß, „ist nicht der, der weiß, sondern der, dem geglaubt wird, dass er weiß.“ Und wie sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass „die Wissenschaft“ spricht. In Talkshows, Expertengremien, Ethikräten, Regierungspapieren – stets im Gewand der Gewissheit. Wer widerspricht, ist entweder Dilettant oder Demagoge. Der epistemische Totalitarismus funktioniert heute nicht mehr mit inquisitorischem Eifer, sondern mit Akkreditierung und Drittmittelvergabe. Die Maske des Experten ersetzt das Denken.
Doch hinter dieser Maske, das zeigt Feyerabend, lauert ein doppelter Verrat: an der Idee der Wahrheit und an der Freiheit des Denkens. Der Rationalismus, so seine These, sei längst zur Konvention geworden, zur Ideologie unter wissenschaftlicher Flagge. Wer von außerhalb kommt – der Künstler, der Laie, der Narr –, wird nicht etwa widerlegt, sondern ausgesondert.
Wahrheit oder Wahrheitsritual?
Feyerabends wohl radikalste Einsicht ist nicht, dass „Anything goes“ als Rezept gelten sollte, sondern als Befund. Wo mit Wahrheit geworfen wird, findet meist nur ein Wettkampf der Rituale statt. „Die Wahrheit“ – wie gern stellen sich Professoren mit PowerPoint an ihre Pulte, um sie zu verkünden. Doch ist nicht jede Wahrheit, die sich in die Formeln der Autorität kleidet, schon kontaminiert durch den Wunsch nach Macht?
Feyerabend spricht von der „Sucht nach geistiger Sicherheit“ – eine Sucht, die im akademischen Betrieb mit Auszeichnungen, Rankings und Förderlinien belohnt wird. Was aber, wenn diese Sicherheit gar nicht existiert? Wenn sie ein Symptom der Angst ist – Angst vor der Vieldeutigkeit, vor dem Absurden, vor dem Einbruch des Sinnlosen in ein System, das Sinn um jeden Preis verkaufen will?
Werturteile als Fakten – Die neue Sophistik
In vielen öffentlichen Debatten erleben wir heute eine subtile Verwandlung: Werturteile erscheinen als Fakten, Meinungen als wissenschaftliche Evidenz. Es reicht, wenn jemand „ausgewiesener Experte“ genannt wird – schon wird die These zur Wahrheit geadelt. Ein epidemiologischer Satz, ein psychologisches Konstrukt, ein ökonomisches Szenario – stets begleitet vom Nimbus des Unbestreitbaren.
Doch der erkenntnistheoretische Anarchist Feyerabend würde lachen. Für ihn war jede Theorie ein Werkzeugkasten – nicht mehr, nicht weniger. Die Wahrheit ergibt sich nicht aus der Theorie, sondern aus ihrer Fruchtbarkeit. Und Fruchtbarkeit bemisst sich nicht an Zitationsraten, sondern an Wirkung, an Störung, an Befreiung.
Galilei und der Trick mit dem Turm
Feyerabends berühmtes Beispiel: Galileis Widerlegung des ptolemäischen Turmarguments. Nicht mit Beweisen, sondern mit einem Perspektivwechsel, einem semantischen Trick, einem Akt der Imagination. Galilei siegte, weil er erzählte, nicht weil er bewies. Feyerabend sagt: Das war keine Wissenschaft im strengen Sinn – sondern ein Kunststück.
Auch heute werden Meinungen nicht durch Belege verteidigt, sondern durch institutionelle Glaubwürdigkeit. Die logische Form mag makellos sein – aber sie schützt nicht vor ideologischer Erstarrung. Denn auch deduktiv kann man Dummheiten systematisch ableiten.
Die Lust am Absurden
Es ist kein Zufall, dass Feyerabend den Dadaismus liebte. Die Lust am Spiel, die Verweigerung des Ernstfalls von Hosenscheißern wie Carl Schmitt und Co., das Jonglieren mit Unsinn als Strategie gegen die Tyrannei der Bedeutung – das alles war ihm näher als der akademische Staub in den Methodenlehrbüchern. Er war – und das ist ein Ehrentitel – ein Voodoo-Priester der Erkenntnis. Er wusste: Die Wahrheit kommt nicht durch Klarheit allein, sondern oft durch Verwirrung.
So erzählt Feyerabend in einem Brief, wie er sich von Carl Friedrich von Weizsäcker zum erkenntnistheoretischen Anarchismus provozieren ließ – und wie dieser, als Urheber, die Konsequenzen entsetzt von sich wies. Auch das: ein schöner ironischer Triumph.
Die Idee der Trennung – Staat und Wissenschaft
Feyerabends Forderung: Nicht nur Kirche und Staat, sondern auch Wissenschaft und Staat müssen getrennt werden. Denn nur so bleibt das Denken frei. Was aber tun wir? Wir koppeln Forschung und Finanzierung enger denn je. Wer zahlt, bestimmt den Diskurs. Ein kritischer Gedanke, der sich nicht monetarisieren lässt, ist kaum noch öffentlich sichtbar.
Doch das Netz – jenes ungezähmte, regellose Biotop – könnte das Cabaret Voltaire unserer Zeit werden. Kathrin Passig schreibt: „Nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet.“ Vielleicht ist das auch Feyerabends Vermächtnis: Räume zu schaffen, in denen Theorie nicht zur Doktrin wird und Wahrheit nicht zur Uniform.
Was bleibt?
Ein Denker, der nie systematisch war, aber systematisch irritierte. Ein Professor, der seine Studierenden zum Tanzen aufforderte, nicht zum Zitieren. Ein Philosoph, der Geschichten erzählte, statt Gewissheiten zu verteilen. Und vielleicht der letzte große Anarchist der Wissenschaft, der die Freiheit des Denkens nie einer Methode unterordnete.
Zum 101. Geburtstag wieder ein spätes (13. Januar), aber umso herzlicheres Dankeschön. Paul Feyerabend – du hast uns nicht beigebracht, wie man denkt, sondern dass man anders denken darf.
P.S.: Vielleicht hätte dir dieser Beitrag gefallen, lieber Paul. Oder du hättest ihn in der Luft zerrissen. Beides wäre mir recht.
Feyerabend ist gegenüber den orthodoxen Predigern strikter Methodenlehren und der Beschränkung des Denkens auf die Verteidigung oder allenfalls schrittweisen Verbesserung dessen was ist, eine angenehm und wirklich liberale Erscheinung: „Anything Goes“,