
Der alte Traum hieß „access to tools“
Der Bruch im Silicon Valley kam früher als Elon Musk, Peter Thiel, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos. Er begann, als der Computer vom Werkzeug der Befreiung zum Geschäftsmodell der Kontrolle wurde. Am Anfang stand ein Versprechen, das auf dem Cover des „Whole Earth Catalog“ stand: „access to tools“. Zugang zu Werkzeugen. Menschen sollten ihre Bildung selbst steuern, ihre Umwelt selbst gestalten, ihre Inspiration selbst finden. Technik erschien als Freund des Individuums.
Stewart Brand, der „Whole Earth Catalog“, die People’s Computer Company und der Homebrew Computer Club verbanden Gegenkultur und Elektronik. Der Computer verlor den Geruch der Großrechnerbürokratie. Er wurde zum persönlichen Instrument. Timothy Leary konnte daraus später seine Cyber-Formel machen: „Turn on, boot up, jack in“. Das war keine bloße Werbesprache. Es war eine kulturelle Verschiebung. Der Rechner sollte den einzelnen Menschen aus Abhängigkeit lösen.
Steve Jobs stand mitten in dieser Mischung aus Zen, LSD, Kalligrafie, Bastlerethik und Produktinstinkt. Er kam vom Reed College, brach das Studium ab, blieb als Gasthörer, besuchte den Kalligrafiekurs, las spirituelle Literatur, ging in Hare-Krishna-Tempel, suchte ästhetische und körperliche Intensität. Aus dieser Welt kam später die grafische Oberfläche des Macintosh mit ihrem Sinn für Typografie, Proportion, Berührung, Blick und Einfachheit.
Der alte Geist der Technik war deshalb kein reines Ingenieurprogramm. Er war eine Lebensform. Er verband Rechner mit Selbstbildung, Werkzeuge mit Emanzipation, Ästhetik mit Gebrauch.
Jobs und Gates trennten früh zwei Tech-Kulturen
Die Entwicklung lief schon bei Steve Jobs und Bill Gates auseinander. Beide wollten Technik kommerziell verwerten. Beide konnten hart, rücksichtslos und besitzergreifend auftreten. Doch ihre Sozialisation trennte sie.
Gates kam aus der institutionellen Sicherheit. Sein Vater war Rechtsanwalt in Seattle, seine Mutter bewegte sich in Boards wichtiger Organisationen. Gates besuchte die Lakeside High School, eine Eliteschule. Er ging nach Harvard und brach das Studium ab, um Microsoft aufzubauen. Er war Programmierer, Analytiker, Vertragsmensch. Er verstand Software als Eigentum, Lizenz, Standard, Skalierung.
Jobs kam aus der Gegenkultur. Reed, Zen, Kalligrafie, LSD, vegetarische Experimente, die All One Farm, die Sonntagsessen im Hare-Krishna-Tempel: Diese Welt war chaotisch, manchmal lächerlich, manchmal destruktiv, aber sie öffnete ihn für eine Verbindung von Technik, Kunst und Lebensgefühl. Jobs konnte brutal sein. Er war kein Heiliger der Befreiung. Doch er glaubte an Form, Geschmack, Material, Oberfläche, Geste, Magie des Produkts.
Gates dachte Plattform in Verträgen. Jobs dachte Produkt als geschlossenes Erlebnis. Gates verbreitete Software über Lizenzen. Jobs wollte Hardware, Software und Oberfläche zu einem fertigen Gegenstand verschmelzen. Diese Differenz prägt die digitale Welt bis heute: offene Verbreitung durch Kompatibilität auf der einen Seite, kuratierte Kontrolle durch Gestaltung auf der anderen.
Der erste Riss im Homebrew Computer Club
Der erste ideologische Riss verlief mitten durch die frühe Bastlerkultur. Steve Wozniak wollte den Apple I ursprünglich anderen Menschen kostenlos zur Verfügung stellen. Im Homebrew Computer Club galt das Helfen als Ethos. Informationen sollten zirkulieren. Autoritäten verdienten Misstrauen. Der Club war eine Werkstatt der technischen Öffentlichkeit.
Bill Gates sah dieselbe Szene aus anderer Perspektive. Als seine BASIC-Version für den Altair im Club kopiert wurde, schrieb er seinen berühmten Brief an die Hobbyisten. Für Gates war das Diebstahl. Gute Software brauche Bezahlung, professionelle Arbeit brauche Eigentumsschutz. Damit trat eine neue Ordnung auf: Code als Ware.
Jobs zog Wozniak auf seine Seite. Schaltbilder sollten nicht länger frei weitergegeben werden. Platinen sollten gebaut und verkauft werden. Wozniak sah ein technisches Geschenk. Jobs sah ein Produkt. Gates sah eine Lizenz. Schon hier kippte der alte Befreiungsgeist. Aus dem offenen Werkzeug wurde ein Eigentumsobjekt. Aus der geteilten Schaltung wurde ein Markt.
Der Bruch war also nicht plötzlich rechts. Er war zuerst ökonomisch. Der Markt trat in eine Szene ein, die sich als Gegenwelt zur Bürokratie verstand. Aus Bastlern wurden Gründer. Aus Werkzeugen wurden Assets. Aus Clubs wurden Firmen.
Robert Friedland als frühe Warnung
Jobs hatte diese Verwandlung sogar im eigenen Umfeld gesehen. Am Reed College faszinierte ihn Robert Friedland, ein charismatischer Student mit spirituellem Gestus, indischer Kleidung, Guru-Aura und enormem Willen zur Wirkung. Jobs lernte von Friedland, wie man Aufmerksamkeit bindet, wie man einen Raum beherrscht, wie man eine Wirklichkeit durch Ausstrahlung verbiegt.
Später sah Jobs Friedland mit anderen Augen. Friedland wurde Manager von Kupfer- und Goldminen und Milliardär. Jobs nannte ihn einen Hochstapler und Goldgräber. Die Szene wirkt wie ein Vorzeichen: Aus der spirituellen Geste kann Rohstoffgeschäft werden. Aus Erleuchtung kann Ausbeutung werden. Aus Charisma kann Herrschaftstechnik werden.
Diese Linie führt direkt in die Gegenwart der Tech-Eliten. Auch dort klebt an der Macht gern ein Rest von Selbsterlösung: Welt verbessern, Menschheit retten, Bewusstsein erweitern, Mars besiedeln, Freiheit ermöglichen. Doch unter der glänzenden Sprache arbeitet oft ein alter Antrieb: Kontrolle über Märkte, Daten, Aufmerksamkeit, Infrastruktur und Regeln.
Die Bubblegum-Hippie-Fassade bekam Zähne
Vor rund zehn Jahren ließ sich diese Entwicklung bereits beschreiben: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade des Silicon Valley. Der damalige Sound hieß Digitale Transformation, Disruption, Innovation, Digitaler Darwinismus. Doch hinter den Begriffen stand selten eine ausgearbeitete Wertordnung. Die Keynote-Sprache verdeckte die Programmatik.
Donald Trumps Weltbild beruht auf Gewinnern und Verlierern, auf kontrollierter Paranoia, auf der Pflicht zum Sieg. Norman Vincent Peales „Power of Positive Thinking“ lieferte dazu eine religiös aufgeladene Erfolgspsychologie. In der Tech-Szene tauchte eine verwandte Grammatik auf: wachsen, dominieren, skalieren, verdrängen, gewinnen. Der Begriff Disruption wurde zum höflichen Wort für Zerstörung ohne demokratische Legitimation.
Der „brogrammer“ der frühen 2010er Jahre war kein Betriebsunfall. Er war Symptom. Studentenverbindungsgehabe, Machokultur, Frauenfeindlichkeit, Risiko-Kult, jugendliche Rücksichtslosigkeit und leichtes Risikokapital bildeten eine neue Kultur der Gründung. Die alte Hippie-Parole von Freiheit verwandelte sich in das Recht der Lauten, Schnellen und Kapitalisierten.
Die Medienutopie wurde von Gatekeepern ersetzt
Bertolt Brecht und Hans Magnus Enzensberger träumten von Medien, die Empfänger zu Sendern machen. Aus Distributionsapparaten sollten Kommunikationsapparate werden. Das Social Web schien diese Utopie einzulösen. Jeder konnte senden. Jeder konnte veröffentlichen. Jeder konnte Öffentlichkeit erzeugen.
Dann entstand eine neue Knappheit: Sichtbarkeit. Der Zugang zum Senden wurde leichter, der Zugang zur Aufmerksamkeit wurde konzentrierter. Die alten massenmedialen Gatekeeper verloren Macht. Neue Gatekeeper traten auf: Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Empfehlungsalgorithmen, App-Stores, Plattformregeln, Werbesysteme.
Damit änderte sich die politische Ökonomie der Öffentlichkeit. Die Zeitung entscheidet nicht mehr allein, was sichtbar wird. Plattformen sortieren, verstärken, drosseln, empfehlen, monetarisieren. Elon Musk kaufte Twitter, heute X, als meinungsbildende Infrastruktur. Jeff Bezos besitzt die „Washington Post“. Mark Zuckerberg kontrolliert über Meta zentrale Räume persönlicher Öffentlichkeit. YouTube, Instagram, TikTok, X und Google bestimmen, welche Inhalte eine Chance auf Reichweite erhalten.
Das Werkzeug der Befreiung wurde zur Herrschaft über Zugänge.
Aya Jaffs Diagnose der Broligarchie
Im Interview auf der Zukunft Personal Europe, Halle 4.2, Stand G59, beschreibt Aya Jaff diese neue Machtordnung mit dem Begriff „Broligarchie“. Sie meint damit nicht einfach eine rechte Szene. Sie beschreibt eine Tech-Elite, deren Ideologie dem Kapital folgt. Die politische Farbe wechselt, sobald Interessen wechseln. Entscheidend bleibt die Frage: Welche Regel stört Wachstum, Vermögen, Zugriff, Reichweite, Steuerflucht, Staatsferne?
Jaff trifft damit den Kern. Der Freiheitsbegriff der Tech-Elite wurde gekapert. Freiheit meint dort oft Freiheit von Regierung, Freiheit vom Staat, Freiheit von Regulierung, Freiheit von Regeln, die für andere gelten. Peter Thiels Nähe zu staatsfernen Fantasien, Tim Drapers Idee eines separat regierten Silicon Valley, die Krypto-Idee einer Geldordnung an den Zentralbanken vorbei: All das gehört in denselben Denkraum.
Diese Freiheit ist keine republikanische Freiheit. Sie baut keine gemeinsame Ordnung. Sie sucht den Ausgang aus ihr. Der Staat erscheint als Hindernis, Demokratie als Verzögerung, Regulierung als Fehler im System. Der Bürger wird zum Nutzer. Der Nutzer wird zur Datenquelle. Die Öffentlichkeit wird zum Markt.
Heidegger, Schmitt und der neue dunkle Kanon
Die alten Ikonen der linken und linksliberalen Medienutopie hießen Brecht, Enzensberger, Stewart Brand, vielleicht noch Buckminster Fuller. Sie wollten Werkzeuge öffnen, Hierarchien abbauen, Sender und Empfänger verbinden. Heute tritt daneben ein anderer Kanon: Martin Heidegger, Carl Schmitt, René Girard, Friedrich Nietzsche. Diese Namen wirken verschieden. Ihre politische Verwendung entscheidet über ihre Wirkung.
Heidegger kann, wie im Fall Sam Ginn, technische Sprachverarbeitung schärfen. Sein Begriff des „Zuhanden-Seins“ hilft, Bedeutung aus Gebrauch, Situation und Weltbezug zu denken. Das ist produktiv. Gefährlich wird Heidegger dort, wo Technik als Schicksal erscheint und demokratische Gestaltung aus dem Blick gerät.
Carl Schmitt liefert eine andere Versuchung: Entscheidung, Ausnahmezustand, Souveränität, Freund-Feind-Schema. Für eine Tech-Elite, die Plattformen wie private Ordnungen betreibt, besitzt diese Denkform offenkundige Anziehung. Wer die Infrastruktur kontrolliert, möchte auch über die Ausnahme entscheiden. Wer die Regeln des Zugangs schreibt, möchte keine demokratische Langsamkeit.
Girard erklärt die Plattformen besser als viele Tech-Analysen. Soziale Medien sind Maschinen mimetischen Begehrens. Menschen begehren, was andere begehren. Sie kopieren, vergleichen, rivalisieren, eskalieren. Peter Thiel verstand diese Theorie früh genug, um Facebook als Investment zu begreifen. Nietzsche ergänzt dazu die Frage der Diskontinuität: Echter Bruch entsteht durch Setzung, Risiko, neue Form. In der Tech-Welt wurde daraus oft ein Mythos der rücksichtslosen Zäsur.
Der Kanon verschob sich. Aus Befreiungstheorie wurde Entscheidungstheorie. Aus Zugang zu Werkzeugen wurde Herrschaft über Plattformen. Aus Gegenkultur wurde Exit-Kultur.
Der Tea-Party-Code im Tech-Kapitalismus
Nach der Finanzkrise verstärkte sich ein anti-staatlicher Reflex, der in der Tea-Party-Bewegung seine politische Sprache fand. Steuern, Regulierung, Zentralbanken, Behörden und öffentliche Kontrolle galten als Feinde individueller Freiheit. Im Silicon Valley traf dieser Reflex auf Risikokapital, Plattformmacht und den Glauben an technische Überlegenheit.
So entstand ein seltsamer Hybrid: kalifornische Kreativsprache, libertärer Anti-Staats-Impuls, finanzkapitalistische Skalierung, männliche Dominanzkultur, evangelikaler Erfolgsdruck, Krypto-Souveränität und Trump-kompatibler Gewinnerkult. Die Fassade blieb bunt. Der Kern wurde härter.
Darum greifen die Begriffe Tech-Oligarchen und Broligarchen. Sie beschreiben keine bloß reichen Gründer. Sie beschreiben Akteure, die politische Infrastruktur besitzen oder beeinflussen: soziale Netzwerke, Cloud-Dienste, Zahlungswege, Satellitenkommunikation, Suchmaschinen, künstliche Intelligenz, Medienmarken, Datenströme. Geld allein erklärt diese Macht nicht. Entscheidend ist die Verbindung von Kapital, Infrastruktur, Ideologie und öffentlicher Reichweite.
Künstliche Intelligenz als Kontrolle im Alltag
Aya Jaffs ZP-Gespräch zeigt, dass diese Frage längst im Arbeitsleben angekommen ist. Künstliche Intelligenz im Recruiting kann alte Vorurteile fortschreiben, sobald sie aus historischen Daten lernt. Wer bisher vor allem Männer eingestellt hat, erzeugt Datensätze, die wieder Männer bevorzugen. Das System wirkt modern, reproduziert aber alte Muster.
Im Personalmanagement kommt eine zweite Gefahr hinzu: Überwachung. KI kann Gespräche mitlaufen lassen, Leistung vorhersagen, Verhalten auswerten, Bewegung kontrollieren. Der digitale Nasenring ist keine Science-Fiction. In Logistik und Plattformarbeit existieren solche Formen der Kontrolle bereits. Die Verheißung lautet Effizienz. Die Wirkung kann Entmündigung sein.
Genau hier zeigt sich der ideologische Kern. Technik ist kein Schicksal. Sie wird gestaltet. Unternehmen entscheiden, ob KI Fairness, Autonomie und Transparenz fördert oder Kontrolle perfektioniert. Jede technische Architektur enthält Wertentscheidungen. Wer sie als neutral verkauft, versteckt Politik im Code.
Der Bruch hat keine Uhrzeit
Wann starb der Geist der Emanzipation in der Tech-Szene? Er starb nie an einem einzigen Tag. Er verlor in mehreren Schüben seine Kraft.
Der erste Schub kam 1975 und 1976, im Übergang vom Homebrew-Ethos zum Produkt. Wozniak wollte teilen, Gates wollte bezahlt werden, Jobs wollte verkaufen. Aus dem Werkzeug wurde Eigentum. Dieser Schritt war legitim, aber folgenreich.
Der zweite Schub kam mit der Plattformisierung des Netzes. Die Jedermann-Medien erfüllten Brechts und Enzensbergers Traum nur halb. Menschen konnten senden, aber Algorithmen kontrollierten Sichtbarkeit. Aus Öffentlichkeit wurde Reichweitenökonomie.
Der dritte Schub kam mit der politischen Radikalisierung des Tech-Kapitals nach Finanzkrise, Tea Party und Trump. Freiheit wurde zur Freiheit von Regeln. Innovation wurde zur Lizenz, bestehende Ordnungen zu umgehen. Disruption wurde zur ästhetisierten Form des Machtgewinns.
Die alte Frage der Ökonomie kehrt zurück
In der Wirtschaft geht es immer um Wertentscheidungen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie folgt keiner Naturgewalt. Wer von Transformation spricht, muss sagen, welche Gesellschaft dabei entsteht. Wer Disruption fordert, muss sagen, wer die Kosten trägt. Wer Plattformfreiheit predigt, muss erklären, wer die Regeln schreibt. Wer künstliche Intelligenz einführt, muss Verantwortung für Daten, Bias, Kontrolle und Folgen übernehmen.
Die Ökonomik müsste hier wieder Möglichkeitswissenschaft werden. Sie müsste fragen, welche Produktivitätsgewinne der Informationswirtschaft vielen Menschen dienen können. Sie müsste Szenarien entwerfen, in denen Technik Wohlstand, Bildung, Autonomie und ökologische Grenzen zusammendenkt. Die Tech-Szene hat diese Fragen lange an Marketing, Venture Capital und Gründerpathos delegiert.
Der Preis ist sichtbar. Die Utopie der Werkzeuge hat Oligarchen hervorgebracht. Die Rhetorik der Befreiung dient heute oft der Befreiung der Mächtigen von Kontrolle. Das Tal der Zukunft wurde zu einem Raum, in dem einige wenige über die Zugänge der Gegenwart verfügen.
Steve Jobs bleibt kein Gegenheiliger
Steve Jobs eignet sich dabei kaum als unschuldige Gegenfigur. Er konnte manipulieren, kränken, kontrollieren, ausbeuten, dominieren. Sein geschlossenes Apple-Modell war kein basisdemokratischer Traum. Dennoch bewahrte Jobs einen Wertkompass, der sich von der späteren Broligarchie unterscheidet: Technik musste schön, berührbar, verständlich, kulturell aufgeladen sein. Der Kalligrafiekurs war keine Randnotiz. Er ging in die Schriftarten des Macintosh ein. Zen war kein Dekor. Es prägte Reduktion, Fokus, Oberfläche, Geste.
Jobs wollte Geld verdienen. Doch Geld blieb in seinen besten Phasen an Werk, Form und Erfahrung gebunden. Bei vielen heutigen Tech-Oligarchen wirkt das Verhältnis umgekehrt. Das Werk dient dem Zugriff. Die Plattform dient der Macht. Die Öffentlichkeit dient der Reichweite. Die Freiheit dient den Eigentümern der Infrastruktur.
Bill Gates verkörperte früh den professionellen Softwarekapitalismus. Jobs verkörperte die ästhetische Verschmelzung von Gegenkultur und Produkt. Thiel, Musk, Zuckerberg und Bezos stehen für die nächste Stufe: Kontrolle über die Bedingungen digitaler Öffentlichkeit.
Das Tal braucht wieder Wertentscheidungen
Der ideologische Bruch des Silicon Valley lag also nie allein im Geld. Geld beschleunigte ihn. Die tiefere Ursache liegt in der Sozialisation, in den Lektüren, in den Institutionen, in den Bildern von Freiheit, in den Vorstellungen von Staat, Mensch und Öffentlichkeit.
Die frühe Tech-Kultur las Kataloge, Zen-Texte, Science-Fiction, Medientheorie, Gegenkultur. Die neue Machtkultur liest Entscheidung, Souveränität, Exit, Mimesis, Wettbewerb, Sieg. Aus dem Hacker wurde der Plattformherr. Aus dem Werkzeugmacher wurde der Gatekeeper. Aus dem Hippie-Pathos wurde Bubblegum-Oligarchie.
Der kritische Rationalismus im Umgang mit den Helden der Digitalisierung beginnt mit einer einfachen Frage: Welche Werte stecken im Produkt? Danach wird vieles klarer. Ein soziales Netzwerk ist keine neutrale Bühne. Ein KI-Recruiting-System ist keine neutrale Entscheidungshilfe. Eine Kryptowährung ist keine neutrale Technik. Ein App-Store ist keine neutrale Ordnung. Eine Plattform ist Politik mit privatem Eigentümer.
Das Silicon Valley versprach einst Zugang zu Werkzeugen. Heute entscheidet es über Zugänge. Darin liegt der Bruch. Wer ihn verstehen will, muss die bunte Fassade nicht abkratzen. Man muss nur lange genug hinsehen, bis darunter die alte Frage erscheint: Wer gewinnt, wer zahlt, wer spricht, wer schweigt — und wer schreibt die Regeln?