Koksende Banker, Kirchhoffs Roman zur Krise und die Staatspolitik des billigen Geldes

Die ZDF-Sendung Aspekte hatte am Freitag mal wieder einen guten Unterhaltungswert. Schwerpunkt war die Katerstimmung in London und die literarische Aufarbeitung der Finanzkrise.

Investmentbanker packen aus
Investmentbanker packen aus

Banker im Koksrausch
Banker im Koksrausch
Geraint Anderson ist ein Insider. Er kennt das Finanzsystem und er hat darüber geschrieben. Er arbeitete zwölf Jahre als Analyst in Europas Finanzmetropole London und wurde in seinem Fachgebiet mehrmals zum besten Analysten aller Banken der Stadt gewählt. Was keiner wusste: Während der letzten beiden Jahre seiner beruflichen Tätigkeit ging er einem brisanten Nebenjob nach. 22 Monate war seine Identität eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Londoner City. Unter dem Pseudonym City Boy veröffentlichte er in der Gratiszeitung The London Paper schmutzige Details aus der Londoner Finanzwelt. 500.000 Leser verfolgten jeden Freitag seine Geschichten von ausufernden Hummer- und Champagner-Abenden auf Spesenrechnung, Drogenexzessen, Prostitution und illegalem Aktienhandel. Mittlerweile ist er komplett ausgestiegen und hat ein Enthüllungsbuch geschrieben: City Boy. Beer and Loathing in the Square Mile.

Roman über die Krise
Roman über die Krise
Bodo Kirchhoffs „Erinnerungen an meinen Porsche“: Eine Satire auf deutsche Bestsellerlisten, Expromis oder die Praktiken der Investmentbanker macht ihm so schnell keiner nach. Sein Sprachwitz, seine originellen Worterfindungen sind oft zum Schreien komisch. […]. Satire funktioniert immer dann am besten, wenn sie mit heißem Herzen geschrieben ist und ein Stückchen Liebe zum Gegenstand dennoch hindurchflimmert. Genau das beherrscht Bodo Kirchhoff. (Sächsische Zeitung)

Die Rolle des Staates als Krisenverursacher
Die Rolle des Staates als Krisenverursacher
Wer etwas über die Ursachen der gierigen und koksenden Banker erfahren will, sollte zum Buch von John B. Taylor greifen. Getting off Track heißt das Werk. Der Makroökonom wendet seinen Blick auf das Jahr 2002. Damals hätte die amerikanische Zentralbank mit Zinserhöhungen beginnen müssen. Die zu niedrigen Zinsen ließen in Amerika, und in den wichtigsten Finanzzentren, einen Immobilienboom entstehen, begünstigt durch eine Politik, die den Hauserwerb begünstigte. Die Schleusen wurden schon unter dem US-Präsidenten Bill Clinton geöffnet mit einem Gesetz, dass amerikanischen Banken verbot, Arme bei der Kreditfinanzierung fürs Eigenheim zu diskriminieren. In der aktuellen Diskussion spielen diese Informationen leider keine Rolle, sind aber wichtig, um die richtigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung einzuleiten.

Schirmacher und die manisch-depressive Krisenfixierung: Spiegelredakteur Mohr empfiehlt Zimtsterne statt Finanzcrash-Literatur

Panikstimmung in Deutschland. „Wir sollen plötzlich alle zu Hause bleiben, Billigfutter essen und das Geld zusammenhalten. Was für ein Quatsch“, kontert Spiegelredakteur Reinhard Mohr http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,592628,00.html in seinem Krisenknigge. Nichts sei schlimmer in diesen Tagen als das Starren auf Zahlen und Kurven, die bange Erwartung der Katastrophenmeldungen, die von Organisationen wie OECD, Ifo-Institut und Co. kommen. Schon Hölderlin wusste: „In der Gefahr wächst das Rettende auch“, und tatsächlich: „Gerade in diesen Zeiten einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die manifest und virtuell ist, materiell greifbar, aber dennoch merkwürdig diffus, hilft der praktische Lebenssinn. Wir sind, trotz Globalisierung und Börsenwahn, freie Menschen aus Fleisch und Blut, mögen die Billionen noch so heiß laufen in den Luftblasen der geplatzten Spekulation. Wir können uns, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten, entscheiden, das heißt: Wir können handeln“, so Mohr.

Wir seien keine Lehmann Brothers und müssten nicht wie gebannt vor Laptop und Fernsehapparat hocken und auf den nächsten Schlag warten, der unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Doch leider tun wir genau das allzu oft“, moniert Mohr. Als Epizentrum der manisch-depressiven Krisenfixierung hat er den FAZ-Mitherausgeber Frank Schirmacher ausgemacht, der im Feuilleton-Aufmacher der Zeitung schon in der Überschrift empfiehlt: „Gehen Sie jetzt nach Hause!“ Was man dort tun soll, werde allerdings nicht verraten. „Der Apokalypse-Aficionado aus Frankfurt am Main hat sich den luziden Krisen-Tipp bei seinem amerikanischen Lieblingsautor Thomas Friedman (‚Die Welt ist flach’) http://www.thomaslfriedman.com besorgt, viel gelesener Blogger bei der ‚New York Times’. Der hat in einer spektakulären Vor-Ort-Recherche in Manhattans Gaststätten einen dramatischen Befund erhoben: Die Leute gehen einfach weiter essen, so, als wäre nichts geschehen! Unglaublich. Sie verspeisen Thunfisch, Hummer und Steaks, als ginge nicht gerade die Welt unter. Wahrscheinlich kaufen die ‚Sex and the City’-süchtigen Frauen auch noch weiter zehn Zentimeter hohe Pumps, und selbst entlassene Investmentbanker holen sich heimlich den einen oder anderen Hotdog an der Wall Street“, schreibt Mohr.

Ein wenig fühle man sich an Blaise Pascals Wort erinnert, das ganze Unglück der Welt rühre daher, dass die Menschen einfach nicht ruhig zu Hause sitzen bleiben könnten. „Frank Schirrmacher aber sieht hier schon den Sartreschen ‚poète engagé’ am Werke, der sich längst zum ‚économiste engagé’ gewandelt hat und die geistig-moralische Revolution vorbereitet, die offenbar – historisch eine echte Sensation – zu Hause stattfinden soll. Andernfalls, bitte sehr, ‚starren wir in ein tiefes Loch, in das die ganze Welt hineinstürzen könnte’, wie Friedmans Untergangs-Kollege Jeffrey Garten dunkel prophezeit. Dann freilich wäre alles zu spät, und Barack Obama, der neue Heilsbringer, könnte gleich wieder einpacken. Auch sein Thunfischsandwich. Das alles sei natürlich Mumpitz. Spökenkiekerei. Voodoo. Manichäismus pur, Schwarzweißdenken wie im Mittelalter. Himmel oder Hölle. Was eben noch die Apotheose der Shareholder Value war, die Vergöttlichung des schnellen Profits, werde nun zur Religion der Umkehr: vom Turbokapitalismus ins Kapuzinerkloster. ‚Büßer aller Länder, vereinigt euch und macht die letzte Thunfischdose auf’“, frotzelt Mohr.

Die weltweit kolportierte Endzeitstimmung setzt auch nach Ansicht des IT-Experten Udo Nadolski eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang. „Dabei waren es die makroökonomischen Zauberlehrlinge der amerikanischen Zentralbank, mit deren Hilfe Staat und Banken ihren faulen Papiergeldzauber praktizierten“, kritisiert Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.com/de. Konjunkturschwankungen werde es immer geben, vor allem im Zusammenhang mit umwälzenden technischen Erfindungen, aber die verrückten Ausschläge, siedende Hochkonjunktur und Depression, waren immer und überall Ausgeburten des Zentralbanksystems und seiner Kreditexpansion.

„Deshalb ist es an der Zeit, dass die Realwirtschaft die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit zurück erobert und die finanzwirtschaftlichen Makroklempner in die Schranken weist“, fordert der Harvey Nash-Chef. Man sollte sich Abstand nehmen vom Chorheulen der Wölfe und antizyklisch agieren: Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. .„Urteilskraft, Witz und Scharfsinn bringen den guten Einfall hervor, mit dem der Handelnde die drohende Überwältigung durch die Umstände parieren kann. So hat es schon im 17. Jahrhundert der Jesuit Balthasar Gracián in seiner Klugheitslehre beschrieben. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen und nicht von den unheilvollen Prognosen der VWL-Statistikakrobaten in den Wirtschaftsforschungsinstituten“, erklärt Nadolski.

Entsprechend fallen die Empfehlungen von Spiegel-Redakteur Mohr aus. „Besuchen Sie das Flusspferdhaus im Berliner Zoo (oder einem Zoo in Ihrer Nähe). Binnen Sekunden haben Sie die allerneueste OECD-Prognose über wachsende Arbeitslosigkeit bis 2010 vergessen“, führt Mohr aus. Das neue Buch von Sahra Wagenknecht „Wahnsinn mit Methode – Finanzcrash und Weltwirtschaft“ sollte man bei Hugendubel einfach links liegen lassen und sich lieber Zimtsterne auf dem Weihnachtsmarkt kaufen, schlägt Mohr vor.