Scheinheilige Aufklärer: Freiwillig passiert gar nichts in der katholischen Kirche

Die Zusammenarbeit der Deutschen Bischofskonferenz als höchstes Gremium der römisch katholischen Kirche in Deutschland und dem kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, geleitet von dem ehemaligen Landesjustizminister Prof. Dr. Christian Pfeiffer, ist nach Angaben von netzwerkB (ein Zusammenschluss Betroffener von sexualisierter Gewalt) gescheitert.

Die vereinbarte Untersuchung sämtlicher Personalakten zusammen mit unabhängigen Experten, die im Juni 2011 bundesweit angekündigt worden war, werde nicht stattfinden.
Im kriminologischen Forschungsinstitut seien bereits zwei Mitarbeiter freigesetzt worden.

„Wir fühlen uns bestätigt. Was wir erleben, entspricht auch unseren eigenen Erfahrungen. Die Kirche ist noch nicht so weit, sich zu öffnen. Sie ist noch nicht fähig, mit ihrer eigenen Verantwortung für die Opfer sexualisierter Gewalt umzugehen. Wir erkennen, dass das Prinzip der freiwilligen Selbstverpflichtung hier nicht greift. Das sehen wir deutlich an dem Vertrag, den die Deutsche Bischofskonferenz als höchstes Organ der römisch katholischen Kirche in Deutschland mit Herrn Professor Pfeiffer, einem der renommiertesten Kriminologen in Deutschland, geschlossen hat. Das war eine große Aktion für die Presse, passiert ist danach nichts mehr“, kritisiert Norbert Denef vom netzwerkB.

Das wird sich auch wohl nicht ändern. Auf freiwilliger Ebene kommt man nicht weiter!

„Wir kommen hier nur durch eine gesetzliche Reform weiter. Diese aber wird es nicht geben, wenn die Politik aus Angst vor den Religionsgemeinschaften und ähnlichen Institutionen einknickt“, moniert Denef.

Wie könnte eine Gesetzesreform aussehen?

„Wir brauchen eine Anzeige- und Meldepflicht, damit bei den jetzigen Opfern interveniert wird wenn es bekannt ist. Vorgesetzte die ihre Mitarbeiter decken und schützen, wie zuletzt in der Charité, müssen gesetzlich zur Verantwortung gezogen werden können“, fordert Denef.

Die Kirche dürfe sich nicht länger auf Kirchenrecht berufen. Es werde Zeit, dass auch
hier die Maßstäbe des Rechtsstaats greifen, wie überall auch.

„Die von Politik und Kirche vereinbarten Entschädigungsbeträge, in Höhe von durchschnittlich 3.000 Euro für die Therapiekosten, verstoßen gegen die Menschenwürde. Eine zerstörte Kindheit, eine kaputte Jugend, jahrzehntelange Einschränkungen auf Grund der gesundheitlichen Folgen, privat und beruflich, sind mit Entschädigungen unterhalb von 100.000 Euro nicht angemessen kompensiert“, so der netzwerkB-Vorsitzende.

Ich hätte noch einen weiteren Vorschlag. Konfessionelle Schulen, die zu fast 100 Prozent über Steuergelder finanziert werden, sollten wie jede andere Schule auch, der staatlichen Schulaufsicht unterstehen. Die Bundesländer sollten daher die Schulgesetze ändern, auch wenn die Kirchenlobby wieder auf die Barrikaden geht. Ich halte es für skandalös, dass der Staat disziplinarisch nicht gegen Lehrer, Schulleiter oder sonstige Mitarbeiter vorgehen kann. Die Schulaufsicht kann Berichte einfordern – mehr nicht. So ist es jedenfalls am CoJoBo in Bonn gelaufen.

Siehe auch:

Offener Brief an Kardinal Meisner: Wann wird Eminenz wirklich tätig, wenn es um sexuellen Missbrauch geht? #cojobo

Sexueller Missbrauch an katholischen Einrichtungen: Wie aus Opfern Täter gemacht werden.

Missbrauchsfälle an katholischer Schule: Aufklärer musste gehen.

Sexueller Missbrauch an katholischen Einrichtungen: Wie aus Opfern Täter gemacht werden

Man muss sich sehr genau überlegen, wie man über Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen schreibt oder was man in der Öffentlichkeit darüber sagt. Auf Schritt und Tritt droht eine Abmahnung. Denn es gilt das Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Geht es um Jugendliche, die über sexuelle Übergriffe berichten, hört man stereotyp die semantische Verteidigungsstrategie: „Das kann ich mir nicht vorstellen“ oder „Das glaube ich nicht“. Minderjährige Opfer werden dann sehr schnell zu Tätern abgestempelt. Sie stören den Burgfrieden. Scheren Eltern oder Kinder aus und schalten Behörden ein, beginnt ein endloses Kesseltreiben gegen die betroffenen Familien. Da schützt nur die Anonymität. Mich wundert also das Vorgehen der Diözese Regensburg gegen die Redaktion von regensburg-digital überhaupt nicht.

So läuft das klerikale System auch heute noch, obwohl in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Skandalen aufgedeckt wurden:

„Die Diözese hatte gegen einen Kommentar geklagt, den regensburg-digital.de am 7. März 2010 in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche im Allgemeinen und in der Diözese Regensburg im Speziellen veröffentlicht hatte. Dort haben wir auch den Fall des pädophilen Priesters Peter K. erwähnt, der 1999 in Viechtach einen elfjährigen Jungen missbraucht und auch dessen jüngeren Bruder sexuell attackiert hatte. Die Diözese handelte mit der Familie eine Vereinbarung aus in der beidseitiges Stillschweigen und Geldzahlungen festgelegt wurden (eine Zusammenfassung dazu gibt es unter anderem hier). Bereits zwei Jahre darauf wurde K. erneut auf Kinder losgelassen. Die betroffene Gemeinde Riekofen war über die Vorgeschichte von K. nicht informiert worden. 2007 kam heraus, dass er dort erneut mindestens einen Ministranten in 23 Fällen sexuell missbraucht hatte“, schreibt regensburg-digital.

Nicht zufällig erließ ausgerechnet das Landgericht Hamburg (fliegender Gerichtsstand – eine Regelung, die man endlich abschaffen sollte) eine Einstweilige Verfügung gegen die Redaktion.

„Dank der großen Spendenbereitschaft unserer Leser und in zweiter Instanz mit Unterstützung der Gewerkschaft ver.di konnten wir gegen diese Entscheidung vorgehen und bekamen vor dem Oberlandesgericht Hamburg in vollem Umfang recht. Eine Revision wurde nicht zugelassen. Ein Rüge der Diözesen-Anwälte wies das Gericht ebenfalls als unbegründet ab. Auf unsere Rückforderung der Verfahrenskosten kündigt die Kanzlei der Diözese nun zwar eine Rückzahlung an, diese erfolge aber ‚unter dem Vorbehalt der Rückforderung für den Fall, dass und soweit das Bundesverfassungsgericht die Entscheidung des OLG Hamburg aufhebt‘.“

Ähnlich lehrreich sind die Vorgänge, die wir in Bonn an dem katholischen Gymnasium Collegium Josephinum erleben. Die taz hat dazu einen sehr guten Artikel veröffentlicht: „Pater Pädo“ als Seelsorger.

„Ein Pater verabreicht in Bonn Poklapse und Zäpfchen an Schüler. Die Staatsanwaltschaft erkennt darin kein sexuelles Motiv, die Schule mogelt sich in die Normalität zurück“, so die taz.

Die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs eingestellt. Aus dem Verhalten des Beschuldigten, schreibt sie, „lassen sich keine zuverlässigen Anhaltspunkte für eine etwaige sexuelle Motivation entnehmen“.

Jetzt ist er wieder der Verräter und Täter. Obwohl der Schüler Leon (Name von der Redaktion geändert) eigentlich ein Betroffener ist. ‚Ich verstehe nicht, wieso die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt – er hat mir doch in die Unterhose gefasst‘, sagt der heute 16-jährige Junge. Leon hat Jahre gebraucht, um erzählen zu können, was ihm bei den Sanitätern geschah“, berichtet die taz.

Die Solidarität gehöre nicht den Betroffenen seltsamer Zugriffe an Po und Unterleib, sondern dem Mitglied der Institution.

„Der Vertrauenslehrer, der die ersten Berichte von Schülern entgegennahm, berichtet von Druck und Wagenburgmentalität. ‚Wenn Priester Kindern im Gymnasialalter Zäpfchen einführen, ist das eine schamlose Verletzung der Intimität von Schutzbefohlenen‘, sagt der Vertrauenslehrer der taz. Das wollte er aufklären helfen. Als er aber die Grenzüberschreitungen des Paters K. an die Schulleitung gemeldet habe, sei gegen ihn eine regelrechte Kampagne gestartet worden.“

Warum sich jetzt die Opfer als Täter fühlen, kann man an den teilweise niederträchtigen Kommentaren zum taz-Bericht nachlesen.

Das klingt wie das Chorheulen der Wölfe. Fragt sich nur, wer dieses Rudelverhalten organisiert?

Siehe auch den gestrigen Spiegel-Bericht: Streit um Missbrauchsverdacht geht weiter.

Und den offenen Brief zum Cojobo-Fall.

Wer stoppt die Scheinheiligen? Wie eine Bonner Jesuitenschule einen Schuljungenreport als Fiktionen abtat

In der ZDF-Talkrunde von Maybrit Illner zum Thema „Moral predigen, Missbrauch dulden? Wer stoppt die Scheinheiligen?“ schilderte der 37-jährige Schauspieler Miguel Abrantes Ostrowski, wie Schüler am jesuitischen Aloisiuskolleg (AKO) in Bonn-Bad Godesberg von einem Pater sexuell belästigt wurden. „Der Pater interessierte sich besonders für Unterstufenschüler. Ich würde mal sagen, als die Schamhaare kamen, war sein Interesse erloschen. Aber die Kleinen mussten jeden Morgen duschen, während er im Raum saß und nur mit einem Bademantel bekleidet war, den er leicht offen trug. Am Ende des Duschens spritzte er uns persönlich alle mit eiskaltem Wasser aus einem grünen Schlauch ab. Wir hassten den kalten Strahl, ihm aber schien das Freude zu bereiten. Ebenso bekam man alleine mit ihm in einem Raum Fieber gemessen – im nackten Po, sieben Minuten lang, bei verschlossener Tür, bäuchlings auf einer schwarzen Liege. Es wurde nicht gesprochen“, sagte der ehemalige Jesuitenschüler. Nach dem Dusche sei er von dem Pater aufgefordert worden, nackt durch den Park zu laufen und auf einem Stein, an einem Baum zu posieren: Dabei fotografierte er uns. Seine Erlebnisse hatte er schon 2004 in dem Roman „Sacro-Pop – Ein Schuljungenreport“ aufgearbeitet. Damals habe das Buch keine Wirkung erzielt. „Nun wird ein grottenschlechtes Buch zum Dokument. Ich habe damals mit dem Roman kein Geld verdient und will es auch jetzt nicht“, sagt der Schauspieler.

Vor sechs Jahren wurde Miguel Abrantes Ostrowski noch wie ein Spinner und Nestbeschmutzer behandelt. Das kann man einer „Würdigung“ seines Buches im „General Anzeiger“ entnehmen, erschienen am 6. Mai 2004:

„Was ist von einer Veröffentlichung zu halten, die laut Verlag aus dem Stand jede Menge Reaktionen vom begeisterten Hallelujah bis zur wüsten Beschimpfung ausgelöst und sich innerhalb von sechs Wochen schon 15 000 Mal verkauft hat? Und die die Medien einerseits als witzig-frech geschrieben loben, andererseits als frauen-, ja menschenverachtend verreißen. Er habe in seinem Buch ‚Sacro Pop. Ein Schuljungen-Report‘ nur zu Papier gebracht, worüber sich Absolventen einer jesuitischen Internatsschule heute noch ‚zu 75 Prozent genauso austauschen‘, sagt handzahm Autor Miguel Abrantes Ostrowski, ein inzwischen 32-jähriger Vertragsschauspieler in Freiburg. ‚Uns ist das Werk bekannt. Wir geben keine offizielle Stellungnahme dazu ab‘, so die Reaktion des Bad Godesberger Aloisiuskollegs. Im Internat des katholischen Traditionsgymnasiums an der Elisabethstraße hatte Abrantes die Jahre 1983 bis ’93 verbracht, die er jetzt, zwar leicht verfremdet, aber umso schillernder beschreibt. In flockigem Ton bietet er all die Anekdötchen an, in denen sich die Internatsjahrgänge der Achtziger und Neunziger im Rückblick nur allzu gerne wiedererkennen: Wie ein auf dem Schulhof geparkter VW-Käfer polizeilichen Bombenalarm auslöste. Wie des Sportlehrers Boxer regelmäßig den Fußball zerbiss. Wie der Kunstlehrer beim Montags-Klassenausflug nach Köln verzweifelt am verschlossenen Museum Ludwig rüttelte. Wie als Abi-Gag Wannen von Mehl auf den fröhlich singenden Lehrerchor herabregneten. Und wie die verliebten Jungs ihren Angebeteten vom Clara-Fey-Gymnasium zu imponieren versuchten. Etwa indem sie auf dem Rheinauen-See ‚den muskulösen Gondoliere raushängen ließen‘. Sobald Mädchen im Spiel sind, gehen dem Autor heute noch die Fantasien eines pubertierenden Pennälers durch. ‚Wir hatten als Internatsschüler halt so was von Fußballstadion, Südkurve‘, argumentiert Abrantes. ‚Mit den Fiktionen des Herrn Abrantes haben wir nichts zu tun‘, wehrt die Ako-Leitung ab. ‚Ich klage nicht an, hab‘ ja auch keinen Schaden genommen. Das ist keine Abrechnung‘, stapelt der Autor nun tief, berichtet dann aber doch, er habe gehört, dass seine Schule die Rechtslage prüfen lässt. Junge Literatur müsse einfach provokant und frech daherkommen, betont Michael Zylka vom Essener Prokom Verlag. Der Schauspieler selbst sucht derzeit für sein Buch nach einem viel diskutierten Auftritt in Freiburg noch einen Lesungsort in Bonn. ‚Mein Traum wäre ja die Ako-Kirche‘, meint Abrantes, der im Gespräch die ‚zu 75 Prozent gute Ako-Erziehung‘ würdigt, die aber wenig Niederschlag in seinem Buch findet. Letztlich habe er mit seinem Erstling auch ein pädagogisches Prinzip der Jesuiten in die Tat umgesetzt: alle Kräfte unbeirrt auf eine Sache zu richten“, so die etwas lapidare Buchbesprechung im Bonner General Anzeiger (kein Ruhmes-Blatt für den GA!) Damals lautete die Stellungnahme der AKO-Leitung: „Mit den Fiktionen des Herrn Abrantes haben wir nichts zu tun“.

Heute klingen die offiziellen Verlautbarungen ganz anders. Nach der Publikation eines ehemaligen AKO-Schülers aus dem Jahre 2004 habe das Kolleg sofort reagiert. Im Auftrag des Ordens seien auch hier „unter Zusicherung größter Vertraulichkeit und Diskretion“ Gespräche mit Ehemaligen über die in dem Buch angedeuteten vermeintlichen Übergriffe geführt worden, so Pater Schneider. Auch hier hätten die Akten bald schon geschlossen werden können. Selbstverständlich stehe er auch weiterhin für Gespräche zur Verfügung, könne und dürfe aus Gründen unabhängiger Untersuchungen jedoch nicht selber ermitteln, sondern werde dies immer einer unabhängigen Person oder Institution übertragen.