
Lieber Stefan,
du hast recht, wenn du die publizistische Macht von Springer problematisierst – aber sie erklärt längst nicht mehr, warum die öffentliche Meinung so tief fragmentiert ist. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Es ist die Erosion des Vertrauens in die journalistische Integrität selbst – und die zieht sich durch alle Lager, nicht nur durch Boulevard und BILD.
Das Phänomen, das ich das dauerhafte „doppelte Meinungsklima“ nenne – der wachsende Graben zwischen veröffentlichter und privater Meinung – ist längst nicht nur ein Produkt rechter Empörungsmaschinen. Es entsteht auch dort, wo sich die klassischen Medien selbst abschotten. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk die eigene innere Pluralität verliert, wenn Kritik intern sanktioniert wird, dann verliert er seine demokratische Legitimation.
Ein aktuelles Beispiel: Der ZDF-Journalist Andreas Halbach hat vor dem Medienausschuss des NRW-Landtags offengelegt, wie Investigativ-Reporter bei „Frontal“ kaltgestellt werden, wenn sie interne Strukturen kritisieren. Halbach sprach von „Einschüchterungsversuchen“, von einem Klima der Angst und forderte verbindliche Regeln zur inneren Rundfunkfreiheit – ein Begriff, der eigentlich selbstverständlich sein sollte in einem System, das Vielfalt garantieren will.
Seine Schilderungen klingen wie aus einem schlechten Lehrbuch über institutionelle Selbstzensur:
CvDs verweigern die Zusammenarbeit, kritische Kollegen werden isoliert, im Intranet kursieren diffamierende Texte. Die Reaktion der Redaktion? Eine Unterschriftenaktion „zur Klarstellung“, unterzeichnet mehrheitlich von freien Mitarbeitern mit befristeten Verträgen. Wer wirtschaftlich abhängig ist, stimmt eben selten gegen die Hierarchie.
Das hat mit „links“ oder „rechts“ nichts zu tun – es ist eine strukturelle Schieflage.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann nicht glaubwürdig auf Medienfreiheit pochen, wenn er sie im eigenen Haus einschränkt. Die Rundfunkfreiheit muss auch nach innen gelten: für Redakteure, die Missstände benennen, für Reporter, die Themen gegen den Strom recherchieren wollen, und für freie Mitarbeiter, die seit Jahren ohne Schutzrechte im System gehalten werden.
Wir sollten also aufhören, Medienkritik entlang ideologischer Linien zu führen. Der Vertrauensverlust rührt nicht nur von zu viel Kampagne bei Springer oder zu viel Moral in der Tagesschau. Er entsteht durch ein Klima der Verdächtigungen, der Disziplinierung, der Angst vor Abweichung – quer durch alle Häuser.
Wenn Journalismus wieder Vertrauen gewinnen will, braucht er nicht nur Transparenz nach außen, sondern Freiheit nach innen. Und genau das steht derzeit auf dem Spiel – im Privatkonzern genauso wie im gebührenfinanzierten Rundfunk.
Danke für Deine Ausführungen. Vielem stimme ich zu. Mir ging es vor allem darum, die derzeitigen Hysterie um die angeblich so linken Öffentlich-Rechtlichen in einen größeren Kontext zu setzen. Habe Deinen Beitrag mal drüben bei mir verlinkt.
Mit den Links-Rechts-Debatten kommen wir auch nicht weiter. Es muss um guten Journalismus gehen – im Rundfunk und bei Zeitungen und Zeitschriften.