„Okaaay“, „Genau“, „Alles gut“ – Vom hohlen Sound unserer Powerpoint-Kultur

Im Kapitel „Okaaay! Vom Schrecken der Phrase“ in Kersten Knipps Buch Im Gespräch – Wie wir einander begegnen wird eindrucksvoll das Unbehagen beschrieben, das uns die zeitgenössische Gesprächskultur bereitet. Hierbei wird das „Okaaay“ zur Hauptfigur einer Realsatire: Das gedehnte, nachwirkende „Okaaay“ – ein Laut, der in seiner Beliebigkeit einerseits wohlwollend klingt, aber gleichzeitig auf subtile Weise das Gespräch entwertet. Man stelle sich vor, sagt Knipp sinngemäß, jemand erzählt in voller Überzeugung von der Vorzüglichkeit seines Viertels, seiner heilen kleinen Welt. Die Antwort: ein ausgedehntes, selbstgefälliges „Okaaay…“. Hier schwingt keine echte Wertschätzung mit, vielmehr verströmt es eine Art therapeutische, pseudoneutrale Haltung, die dem Gegenüber signalisiert, dass seine Worte nur auf oberflächliche Akzeptanz stoßen​.

Dieses „Okaaay“ stellt eine Art soziale Tarnung dar, ein Mantel, der den Schein von Zustimmung und Interesse wahrt. „Es ist wie ein Schachzug“, führt Knipp aus, „ein minimalistisch-cooles Einverständnis, das sich mühelos in jedes Gespräch schleichen kann, ohne dass ein echter inhaltlicher Beitrag erfolgt.“ Eine Phrasensprache, die besonders bei modernen Kommunikationsmitteln wie PowerPoint-Präsentationen ihren Höhepunkt erreicht. Jeder kennt diese Vorträge, in denen das immer wiederkehrende „Genau!“ den Vortragenden begleitet wie ein treuer, jedoch leicht ermüdender Chor. Knipp zeichnet diese Phänomene als symptomatisch für eine Gesprächskultur, in der das bloße Mitschwingen, das pseudo-intellektuelle Nicken zur Allgegenwart verkommen ist. Da wird jede Folie mit einem „Genau“ und einem weiteren „Absolut“ untermauert, als wären es Säulen eines Tempels der Banalität​.

Man sehnt sich geradezu nach den Zeiten von Lord Chesterfield, der mit großer Stilsicherheit seine Lehre der Konversation zur Perfektion brachte. „Es ist eine mittlere Konversation, weder dumm noch erbaulich“, schrieb Chesterfield an seinen Sohn und machte klar, dass es eben diese Kunst der kontrollierten Belanglosigkeit sei, die ein gelungenes Gespräch auszeichne. Doch in der heutigen PowerPoint-Rhetorik des Grauens scheint diese Kunst verloren gegangen. Chesterfields galante Kunst des Understatements, die als ein subtiles, kunstvolles Gespräch Instrumentarium erfordert, wurde durch das dröhnende Plappern ersetzt. Worte sind nicht länger Träger von Eleganz und Nuance, sondern Vehikel der Selbstbestätigung.

Schönbergs Worte treffen hier ins Schwarze: „Die wesentlichen Dinge des Lebens vermitteln sich nun mal leider nonverbal. Unsicherheit wirkt in Gesellschaft toxisch.“ Und so versteckt sich das „Okaaay“ ebenso wie das „Genau“ hinter einer Fassadenkultur des unverbindlichen Konsenses, der keinen Platz mehr lässt für die feinsinnige Galanterie Chesterfields​.

Im literarischen Bibliotheksgespräch werden Paul Remmel und ich den Autor Kersten Knipp zu seinem jüngsten Opus befragen und zum Band Die Erfindung der Eleganz: Am Freitag, den 15. November um 19 Uhr via Facebook, YouTube, LinkedIn und Co. Man hört, sieht und streamt sich in Bonn-Duisdorf.

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