Michael Bommer: „Ein Tango zwischen Mensch und Maschine“

Es ist eine alte Sehnsucht der Menschheit: das Unerträgliche delegieren, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird diese Vision zunehmend greifbar. In der Schriftenreihe Sohn@Sohn, die sich dem Lebenswerk von Michael Bommer widmet, tritt diese Idee in einer faszinierenden und zugleich beunruhigenden Weise in den Vordergrund. Bommer, ein Pionier in der Welt der digitalen Kommunikation, entwickelte eine Vision von personalisierten Agenten – digitale Repräsentanten, die nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern Persönlichkeit und Wissen bewahren. Wie Theresa Schouwink im Philosophie Magazin fragt: Was geschieht mit uns Menschen, wenn wir uns durch optimierte Stellvertreter ersetzen?

In unserer Schriftenreihe wird detailliert beschrieben, wie Bommer sich selbst zum Gegenstand seines letzten großen Projekts machte. Mit Unterstützung des Start-ups Eternos ließ er einen digitalen Zwilling von sich erstellen. Die KI, gespeist durch mehr als 315 aufgezeichnete Phrasen und 150 persönliche Geschichten, repräsentiert nicht nur sein Wissen, sondern auch seine unverwechselbare Tonalität. Im ersten Kapitel der Schriftenreihe heißt es: „Michael sprach von einer Zukunft, in der Erinnerungen nicht nur bewahrt, sondern aktiv gestaltet werden können.“ Der digitale Zwilling sollte Trost spenden, Fragen beantworten und einen Teil seiner Präsenz erhalten, auch wenn er physisch nicht mehr da sein würde.

Doch Bommers Vision ging über das persönliche Gedenken hinaus. In Kapitel 14 skizzieren die Autoren seine Vorstellung autarker digitaler Assistenten: Werkzeuge, die in der Lage sind, das Wissen der Welt zu filtern und an individuelle Bedürfnisse anzupassen. „Ein persönlicher Agent, der nicht nur weiß, was ich möchte, sondern auch vorausschauend handelt.“ Diese Beschreibung zeigt die Möglichkeiten, aber auch die ethischen Herausforderungen, die solche Technologien mit sich bringen. Wenn Maschinen unsere Entscheidungen vorbereiten, wie frei bleiben wir in diesen Entscheidungen?

Theresa Schouwink mahnt, dass die Metaphern, die wir für solche Technologien wählen, entscheidend sind. Im Tech-Diskurs dominieren oft Begriffe des Krieges: Optimierung, Kontrolle, Angriff. Doch was wäre, wenn wir stattdessen von Begegnungen und Verbindungen sprächen? In Kapitel 19 der Schriftenreihe beschreibt Bommer die „Demokratisierung der Erinnerungskultur“ als eines seiner zentralen Ziele: „Die Technologie erlaubt es nun, dass nicht nur berühmte Persönlichkeiten ein Vermächtnis hinterlassen, sondern jeder Mensch.“ Doch die Autoren werfen auch die Frage auf, ob diese Demokratisierung nicht in einer inflationären Fragmentierung münden könnte. Was passiert, wenn das Gemeinsame zugunsten des Persönlichen verschwindet?

Besonders aufschlussreich ist Kapitel 8, das Bommers Perspektive auf die Zukunft des Kundenservice beleuchtet. Dort wird beschrieben, wie Chatbots und KI-gestützte Assistenten die Art und Weise, wie wir kommunizieren, revolutionieren könnten. „Ein Tango zwischen Mensch und Maschine“ nennt es Bommer.

Ein weiteres Highlight ist Kapitel 29, in dem die Autoren Bommers Gedanken zur Automatisierung im Gesundheitswesen darlegen. Spracherkennungssysteme, die medizinische Berichte transkribieren und analysieren, sind längst Realität. Doch Bommer sah weiter: Er sprach von Agenten, die emotionale Kontexte verstehen und antizipieren können.

Theresa Schouwink und die Autoren der Schriftenreihe treffen sich an einem entscheidenden Punkt: Beide plädieren dafür, die Sprache und die Bilder zu hinterfragen, mit denen wir über Technologie sprechen. Bommer, so schreiben die Autoren in Kapitel 10, habe stets betont, dass Technologie nicht nur Werkzeuge der Effizienz, sondern auch Träger von Werten sein müsse.

Am Ende bleibt die Frage: Sind wir bereit, die Kontrolle über unser digitales Selbst an Stellvertreter abzugeben, um uns zu entlasten? Oder müssen wir lernen, mit der Unvollkommenheit zu leben – in uns selbst und in den Maschinen, die uns umgeben? Die Schriftenreihe über Michael Bommer ist ein Appell, diese Fragen nicht der Technologie allein zu überlassen. Sie fordert uns auf, eine Welt zu gestalten, in der Mensch und Maschine in einem neuen Gleichgewicht koexistieren können.

Siehe auch:

Kann das nicht die Maschine machen?

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