„Man braucht einen, der wäscht.“ Über CXO-Washing, Haltungssimulation und das große Reinemachen der Mumpitz-Manager

Der sanfte Stoiker der Intelligenzverwirrung.
Der lachende Philosoph unter den Ex-CTOs.
Gunter Dueck – im Gespräch mit Sohn@Sohn auf der re:publica in Berlin.
Ein kluger Kopf inmitten einer Ära, die Haltung vor allem in der PowerPoint-Datei beweist.

Während er spricht, geistert draußen das neue Management durch die Hallen.
Chief Purpose Officer. Chief Happiness Officer. Chief Agility Officer. Chief Nonsens.
Sie glänzen wie frisch lackierte Dienstwagen.
Alles gewaschen. Alles sauber. Alles in Ordnung.

CXO-Washing ist das neue Seelenpeeling der Konzernwelt.
Die rituelle Absolution. Die Public-Relations-Messe.
Die Waschstraße für moralisch angeschlagene Organisationen mit Optikbedarf.

„Wir haben den Chief Diversity Officer, also sind wir divers“,
sagt der CEO, der bis gestern noch dachte, Allyship sei ein Frachtschiff –
und in seiner Karriere keine Frau je mit Budgetverantwortung ausgestattet hat,
außer der Agentur für Employer Branding, die ihm die Diversity-Kampagne geschrieben hat.

Gunter Dueck bringt es auf den Punkt:

„Man braucht einen, der wäscht.“

Einer muss hinhalten.
Nicht für den Fehler, sondern für das Gefühl, dass jemand sich kümmert.
Ein Funktionsträger mit flüssiger Rhetorik und Schuldbewältigungs-Toolkit.
Er steht bereit, wenn der Purpose-Baum brennt,
wenn die PR-Agentur hektisch an der Word-Vorlage „Entschuldigung mit Wertebezug“ arbeitet.
Dann tritt er auf, lächelt, sagt:

„Das entspricht nicht unseren Werten.“

Fall erledigt. Prozess etabliert.
Die Öffentlichkeit nickt. Die LinkedIn-Gemeinde liked.

Und währenddessen kehrt eine neue Managergattung zurück –
jene, die früher Haltung simulierten und heute wieder nach Stahl riechen wollen.
Sie sprechen plötzlich wieder über Reindustrialisierung,
loben „große strategische Pläne“ jenseits des Atlantiks,
zitieren wirtschaftspolitische Muskelspiele als Visionen –
und bekunden fast sehnsüchtig,
dass man doch auch in Europa wieder mehr machen müsse.

Gestern noch Diversity-Retreat in Portugal,
heute Lobgesänge Öl und Ordnung.
Gestern Purpose. Heute Pipeline.

Aber sie sind nicht mutig.
Sie sind Hosenscheißer mit Bluetooth-Headset.
Manager auf der Flucht vor sich selbst,
die Haltung wie Outfits wechseln.
Keine Macher, sondern Mumpitz-Schwafler in PowerPoint-Rüstung.

Und Dueck?
Er analysiert das Spiel längst aus einer höheren Umlaufbahn.
Mit dem Humor desjenigen, der weiß, dass Entschuldigungen als Disziplin längst die Strategie ersetzt haben.

„In Deutschland gilt eine Entschuldigung schon als Heldentat.“
„Du musst die Gesetze nicht einhalten – nur achten.“

Es ist das Theater der Verantwortungsdelegation.
Der Versuch, Führung durch Prozessbeherrschung zu ersetzen.
Management als Simulation. Kultur als Kulisse.

Und am Ende?
Wenn es kracht, wenn nichts mehr hilft,
kommt wieder der Chief XYZ, nickt verständnisvoll und sagt:

„Wir sind auf einem guten Weg.“

Natürlich.
Weil wir jemanden dafür haben.
Einen, der wäscht.

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