Leben und Sterben in Sayn – Zum Holocaust-Gedenktag

Ein karger Raum, Stuckdecken über den Köpfen, daneben schlichte Betten und blanke Wände. Die Gebäude der ehemaligen „Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn“ erzählen wenig von den Schrecken, die hier einst stattfanden. Doch die Geschichte, die in diesen Mauern geschrieben wurde, reicht weit über Sayn hinaus. Sie führt uns zu den Bahnhöfen von Köln, Düsseldorf, Koblenz und Aachen – Orte, an denen der Holocaust sichtbarer war, als viele es sich heute eingestehen möchten.

Die Anstalt war ursprünglich ein Sanatorium für jüdische Patienten, gegründet, um Schutz zu bieten. Doch mit dem Erlass vom 10. Dezember 1940 wurde sie zur Sammelstelle für jüdische Menschen, die aus ganz Deutschland dorthin verbracht wurden. In den Augen der Nazis galten sie als „Geisteskranke“ oder „Schwachsinnige“. Die Bettenzahl wurde von 80 auf 800 erhöht. Ein Ort der Heilung verwandelte sich in eine Durchgangsstation des Todes.

Am 15. Juni 1942, mitten in der Nacht, rollte der Sonderzug DA 22 vom Bahnhof Koblenz-Lützel ab. Ziel: das Ghetto Izbica bei Lublin. In den Wagen saßen 450 Menschen aus Sayn – Patienten und Personal, die aus der Anstalt herausgerissen wurden. Die Bahnhöfe in Köln, Düsseldorf und Aachen wurden zu Zwischenstationen dieses grauenvollen Transports, organisiert unter der perfiden Regie von Adolf Eichmann. Der bürokratische Apparat funktionierte präzise. Formulare wurden ausgefüllt, Vermögenserklärungen unterschrieben, und der „Verlust der Staatsbürgerschaft“ dokumentiert – als ob die Deportierten je wieder zurückkehren könnten.

In Sayn selbst war das Grauen längst Alltag. Patienten wurden von einer überfüllten Anstalt in die andere verschoben, halb verhungert, oft nur noch Schatten ihrer selbst. Einige starben, bevor sie überhaupt die Güterwaggons erreichten. Andere, wie Ruth und Arthur Levy, zogen es vor, sich mit Morphium das Leben zu nehmen, bevor sie deportiert wurden.

Mein Großvater, Wilhelm Sohn, war einer der Menschen, die von diesem System verschlungen wurden. Nachdem er 1939 in Dachau interniert war, wurde er 1941 nach Sayn gebracht. Die Sterbeurkunde nennt als Todesdatum den 23. Mai 1942 – nur wenige Wochen vor der geplanten Deportation im Juni. Sie vermerkt nüchtern: „Ohne Beruf, israelitisch.“ Es war die Sprache der Nazis, bürokratisch präzise und doch voller Verachtung. Der Zynismus, jüdische Namen wie „Israel“ oder „Sara“ zwangsweise hinzuzufügen, war eine letzte Stigmatisierung selbst in den Momenten des Todes.

Das alles fand nicht im Verborgenen statt. In Sayn sahen die Nachbarn die Patienten. An den Bahnhöfen, auf den Straßen, in den Städten – überall waren die Deportationen sichtbar. Und doch, so viele blieben stumm. Die „Untertanen“ nickten, wandten sich ab oder schwiegen, während der Lärm der Waggons das Schicksal von Tausenden besiegelte.

Der Holocaust begann nicht mit den Gaskammern. Er begann mit Worten. Mit dem Alltagsrassismus, der in spitzen Bemerkungen, abfälligen Blicken und kleinlichen Ausgrenzungen seinen Anfang nahm. Er fand Nahrung in der Idee, dass Menschen, die „anders“ aussahen, sprachen oder lebten, nicht dazugehörten. Die Ideologie der Abgrenzung wuchs, bis sie in einer unvorstellbaren Gewalt mündete.

Heute sehen wir erneut, wie Rhetorik zur Waffe wird. Diskussionen über „Fremde“ oder „Remigration“ klingen harmlos, sind es aber nicht. Sie bedienen dieselben Muster: Abgrenzung, Misstrauen, Feindschaft. Alltagsrassismus ist der Boden, auf dem das Gift wächst.

Mein Großvater war einer von Millionen. Doch seine Geschichte ist auch meine Geschichte. Und sie erinnert mich daran, warum wir nicht schweigen dürfen. Erinnerungskultur bedeutet, sich zu stellen – der Vergangenheit, den Dokumenten, den Orten. Sie bedeutet auch, die Gegenwart zu sehen, die leisen und lauten Zeichen der Ausgrenzung zu erkennen.

Leben und Sterben in Sayn – das ist nicht nur Geschichte. Es ist Mahnung. Eine Mahnung an uns alle, was geschehen kann, wenn wir den Blick abwenden.

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