Ich, verpackt – Der Mensch als Blisterware

Wir leben in goldenen Zeiten. Wer früher noch mühsam durch Leistung, Haltung oder – Gott bewahre – Charakter auffallen musste, hat heute eine elegantere Option: Blisterverpackung.

Ja, richtig gelesen. Die neue Königsklasse der digitalen Selbstvermarktung ist die Actionfigur im LinkedIn-Blister. Es ist der feuchte Traum aller Purpose-Pioniere, Selflove-Superhelden und Hashtag-Humanisten: einmal luftdicht eingeschweißt, mit Corporate-Mission auf der Rückseite und einem CO₂-Fußabdruck in der Wortwahl.

Das Social Web gleicht zunehmend einem Regal voller originalverpackter Persönlichkeiten – jede mit einem kleinen Textfeld à la:
„Jetzt neu: Der resilient-agile Leadership-Coach mit achtsamkeitsbasierter Selbstakzeptanz. Nur solange der Algorithmus läuft!“

Wer hier noch ohne Hülle postet, gilt als unhygienisch.

Diese Menschen – pardon, Figuren – schauen uns durch die transparente Blisterfront direkt an, mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Corporate Headshot und Pfadfinder-Urkunde pendelt. Darunter Buzzwords wie „authentisch“, „transformativ“, „impactgetrieben“. Alles klingt irgendwie nach heißem Wasser mit Zitrone – verspricht viel, macht wenig Dreck, hilft aber nur bei harmlosen Symptomen.

Dabei ist die Idee klar: In einer Welt voller Feedback, Shitstorms und Kommentarspalten muss man sich schützen. Und was schützt besser als eine unschneidbare Plastikwand zwischen Innen und Außen? Kein Zweifel kommt durch, keine echte Frage raus. Es ist die totale Konservierung – des Ichs, der Marke, des inneren Monologs im Hashtag-Format.

Der Mensch als Limited Edition. Und wehe, jemand reißt das Ding auf – da wird nicht diskutiert, da wird entwertet.

Vielleicht ist das alles ja nur ein riesiges Rollenspiel: Wir tun so, als wären wir Menschen, die so tun, als wären sie Produkte, die so tun, als hätten sie ein Innenleben.

Aber hey – es muss ja nicht gleich Tiefgang sein. Vielleicht reicht es ja schon, ab und zu die Blisterverpackung aufzubrechen und festzustellen: Da ist Luft drin. Und ein bisschen Mensch.

Oder – gewagte These – wir probieren’s mal mit Mehrweg. Persönlichkeiten zum Wiederverwenden. Nicht perfekt, aber robust. Spülmaschinenfest? Nein. Aber immerhin mit echtem Inhalt.

Und wer weiß: Vielleicht gibt’s bald die ersten Mehrweg-Coaches im Pfandautomaten. Bitte Flaschenhals nach vorne einführen. Oder war es umgekehrt?

Siehe auch:

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