
Stefan Pfeiffer setzt in seiner Analyse der Google-Entwicklerkonferenz an einem Punkt an, der in Europa gern verdrängt wird: Google war nie verschwunden. Google war auch nie erledigt. Der Konzern hatte nur für einen historischen Augenblick den schlechteren Auftritt. ChatGPT beherrschte die öffentliche Fantasie, Microsoft erzählte die Geschichte vom Copiloten, Anthropic lieferte das Bild des vorsichtigeren KI-Labors. Google dagegen wirkte wie ein Riese, der im eigenen Archiv eingeschlafen war.
Diese Erzählung war bequem. Sie erlaubte es, die Machtfrage noch einmal zu vertagen. Man konnte so tun, als sei die neue KI-Ökonomie ein offenes Rennen zwischen jungen Laboren, alten Softwarehäusern und europäischen Hoffnungsträgern. Pfeiffers Blick auf die Google I/O zerstört diese Illusion. Dort zeigte sich ein Unternehmen, das seine alten Besitzstände in neue KI-Macht übersetzt: Suche, Android, YouTube, Workspace, Cloud, eigene Chips, Rechenzentren, Forschung, Modelle, Entwicklerwerkzeuge und Sicherheitsdienste.
Der alte Suchschlitz war die freundliche Maske. Dahinter stand längst eine Weltmaschine der digitalen Vermittlung. Nun beginnt diese Maschine, Antworten zu geben, Aufgaben zu erledigen, Kaufprozesse zu organisieren, Geräte zu verbinden, Unternehmen zu durchdringen und Rechenleistung für Künstliche Intelligenz bereitzustellen. Genau darin liegt der Kern von Pfeiffers Beobachtung: Google ist nicht durch ein besseres Chatfenster zu ersetzen, weil Google viel mehr besitzt als ein Chatfenster. Es besitzt Zugänge, Gewohnheiten, Datenströme, Plattformen, Infrastruktur und Kapital.
Für Europa ist das eine unangenehme Nachricht. Denn sie zwingt zur Unterscheidung zwischen digitalpolitischer Pose und wirtschaftlicher Wirklichkeit. Man kann über Souveränität reden. Man kann europäische Cloud-Initiativen feiern. Man kann Förderprogramme in neue Namen kleiden. Doch auf der Google I/O wurde sichtbar, in welcher Liga die globale KI-Ökonomie inzwischen spielt.
Aus der Suche wird eine Handlungsinstanz
Lange war Google der Wegweiser des Netzes. Man stellte eine Frage, bekam Links und wanderte weiter. Für Medien, Blogger, Händler und Unternehmen war diese Ordnung hart, aber berechenbar. Wer gefunden wurde, bekam Aufmerksamkeit. Wer Aufmerksamkeit bekam, konnte daraus Geschäft, Einfluss oder Öffentlichkeit machen.
Die neue Google-Welt funktioniert anders. Die Suche wird zur Antwort. Die Antwort wird zur Empfehlung. Die Empfehlung wird zur Handlung. Was früher ein Link war, kann künftig eine zusammengefasste Entscheidung sein. Was früher eine Recherche war, kann künftig ein Vorgang sein, der von einem Agenten ausgeführt wird. Der Nutzer fragt nicht mehr nach Quellen. Er erwartet Erledigung.
Pfeiffer beschreibt diese Verschiebung im Zusammenhang mit der agentischen Ära von Gemini. Das Wort klingt nach Konferenznebel, beschreibt aber einen ernsten Vorgang. Künstliche Intelligenz wird aus dem Textfenster herausgelöst und in Abläufe eingebaut. Sie greift auf Kalender, E-Mails, Dokumente, Einkaufsprozesse, Unternehmensdaten, Sicherheitswerkzeuge, Entwicklungsumgebungen und Cloud-Dienste zu. Sie sortiert, priorisiert, interpretiert, organisiert, handelt vor.
Damit verschiebt sich die Macht vom Zugang zur Ausführung. Wer früher die Suche kontrollierte, bestimmte, welche Wege sichtbar wurden. Wer künftig Agenten, Cloud, Modelle, Datenzugang und Sicherheitsarchitektur verbindet, bestimmt, welche Handlungen nahegelegt, automatisiert oder überhaupt ermöglicht werden. Google hat dafür die seltene Kombination aus Oberfläche und Untergrund: Milliarden Nutzerkontakte an der Oberfläche und eine gigantische Rechen- und Cloud-Infrastruktur darunter.
Julian Fischer in Bonn und der harte Realismus der Rechenleistung
Zu Pfeiffers Analyse passt der Auftritt von Julian Fischer auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn. Fischer, bei Google Cloud in Europa für Souveränität und Sicherheit zuständig, sprach dort über hybride Kriegführung, Cyberangriffe, resiliente Infrastrukturen, staatliche Verwundbarkeit und die Rolle der Cloud. Es war ein Vortrag, der aus der Sprache der IT herausragte und in die Sphäre von Wirtschaft, Sicherheit und strategischer Unternehmensführung führte.
Fischer machte deutlich, dass digitale Infrastruktur im Zeitalter hybrider Konflikte kein technischer Hintergrund mehr ist. Rechenzentren, Kommunikationsdienste, Identitätssysteme, Verwaltungsplattformen und Datenbestände können Ziele von Angriffen werden. Der Krieg gegen die Ukraine hat dies für alle sichtbar gemacht. Wer digitale Infrastruktur lahmlegt, trifft Verwaltung, Militär, Wirtschaft und Öffentlichkeit zugleich.
Besonders aufschlussreich war Fischers Hinweis auf die Investitionsdimension. Google investiere aktuell 200 Milliarden Dollar pro Jahr in KI-Infrastruktur, also rund 500 Millionen Dollar pro Tag. Diese Zahl ist keine Randnotiz, sie ist ein Schock in höflicher Verpackung. Sie sagt Europa: Ihr könnt über Cloud-Souveränität reden, aber ihr müsst wissen, welche Kapitalkraft hinter der neuen KI-Ökonomie steht.
Man muss diese Summe nicht wie eine amtliche Haushaltszeile behandeln, um ihre Bedeutung zu erkennen. Entscheidend ist die Größenordnung. KI ist Energiefrage, Chipversorgung, Kühlung, Rechenzentrumsbau, Netzkapazität, Sicherheitstechnik, Kapitalmarkt, Fachkräfteökonomie und geopolitischer Wettbewerb. Wer 500 Millionen Dollar am Tag in Infrastruktur stecken kann, spielt ein anderes Spiel als ein europäischer Anbieter, der um Planungsrecht, Stromanschlüsse, Förderquoten und Personal ringt.
Diese Einsicht ist nicht angenehm, aber befreiend. Sie beendet eine europäische Selbsttäuschung: Man wird Google Cloud, Microsoft Azure oder Amazon Web Services nicht kurzfristig durch politische Willensbekundung kopieren. Wer so tut, als könne Europa diese Investitionshöhe symmetrisch beantworten, verwechselt Strategie mit Kränkung.
Hermann Simon und der Abschied vom Plattformtraum
Hermann Simon hat den Gedanken in anderem Zusammenhang seit Jahren zugespitzt. Europa sollte seine Kräfte dort konzentrieren, wo technologische Tiefe, Spezialisierung und weltmarktfähige Nischen möglich sind. Nicht jeder Rückstand lässt sich durch Parolen aufholen. Nicht jede Plattformmacht kann durch Nachahmung gebrochen werden. Es gibt Felder, in denen amerikanische und chinesische Anbieter durch Kapital, Skalierung, Geschwindigkeit und globale Netzwerke einen Abstand aufgebaut haben, der auf absehbare Zeit kaum einzuholen ist.
Das heißt nicht, dass Europa sich kleiner machen soll. Es heißt, dass Europa klüger werden muss. Die Schwarz-Gruppe, SAP, Telekom und andere europäische Akteure haben relevante Rollen. Sie können wichtige Bausteine liefern, branchenspezifische Lösungen entwickeln, Datenräume organisieren, Sicherheitsanforderungen übersetzen, europäische Betriebsmodelle schaffen und konkrete Anwendungen vorantreiben. Doch niemand sollte so tun, als könne ein einzelner europäischer Konzern morgen eine globale KI-Cloud von Google-Dimension errichten.
Simons Rat, sich auf Deep Tech zu konzentrieren, gewinnt vor diesem Hintergrund neue Schärfe. Deep Tech meint jene Felder, in denen Forschung, Ingenieurskunst, lange Entwicklungszyklen und praktische Anwendung zusammenkommen: Robotik, Sensorik, Quantenkomponenten, industrielle KI, Cyberabwehr, Energieoptimierung, Medizintechnik, sicherheitskritische Spezialsoftware, eingebettete Systeme, Automatisierung, Halbleitersegmente, domänenspezifische Modelle. Dort hat Europa Substanz. Dort kann Vorsprung entstehen. Dort entstehen Produkte, die nicht bloß Benutzeroberflächen sind.
Die europäische Aufgabe besteht also nicht darin, Google nachzubauen. Sie besteht darin, die eigene technische Tiefe mit der verfügbaren globalen Infrastruktur so zu verbinden, dass neue Wertschöpfung entsteht. Wer Rechenleistung nutzt, gibt deshalb noch nicht sein Denken ab. Wer auf einer Cloud trainiert, kann dennoch eigene Modelle, eigene Datenregeln, eigene Anwendungen und eigene Standards entwickeln.
Kooperation ohne Minderwertigkeitsgefühl
Aus dieser Perspektive wirkt Fischers Botschaft konstruktiver, als sie in mancher Abwehrdebatte erscheinen mag. Er sagte im Kern: Nutzt die Infrastruktur, um eigene Werte zu schaffen. Das kann man als Anbieterinteresse lesen, gewiss. Doch es enthält auch einen realistischen Hinweis. Europa verliert Zeit, wenn es jeden Infrastrukturbaustein zuerst selbst erfinden will. Europa verliert Kontrolle, wenn es jede Aufgabe aus Bequemlichkeit an einen Hyperscaler abgibt. Die Kunst liegt in der klugen Trennung.
Google kann dort Partner sein, wo Rechenleistung, Sicherheitsanalyse, Skalierung und Innovationsgeschwindigkeit gebraucht werden. Europa muss dort eigene Fähigkeiten entwickeln, wo Wissen, Branchenverständnis, sicherheitskritische Entscheidungen, Datenräume, Normen, Spezialsoftware und konkrete Anwendung den Unterschied machen. Das ist keine Kapitulation. Es ist Arbeitsteilung unter Bedingungen ungleicher Kapitalmacht.
Der Fehler liegt in den Extremen. Die eine Seite ruft nach Autarkie und unterschlägt die Kosten. Die andere Seite erklärt Abhängigkeit zur Modernisierung und unterschlägt die Risiken. Eine ernsthafte Strategie fragt: Welche Anwendung darf in eine globale Public Cloud? Welche Daten brauchen besondere Sicherung? Welche Systeme müssen in Europa betrieben werden? Welche Notfallpfade existieren? Wie schnell kann eine Anwendung ausweichen? Wer besitzt die Schlüssel? Wer prüft den Code? Wer trägt Verantwortung im Konfliktfall?
Kooperation mit Google ist sinnvoll, wenn sie auf solchen Fragen beruht. Sie wird fragwürdig, wenn sie aus Beschaffungsbequemlichkeit entsteht.
Souveränität heißt Beweglichkeit im Ernstfall
Fischer sprach in Bonn nicht wie ein Verkäufer, der den alten Serverraum ausräumen will, um Platz für die Cloud zu schaffen. Interessanter war gerade das Gegenteil. Er beschrieb eine Welt, in der der Staat, die Armee, das Unternehmen ihre Daten nicht mehr an einem einzigen Ort wissen dürfen, weil dieser Ort im Krisenfall selbst zum Ziel wird. Das Rechenzentrum im Keller, einst Sinnbild von Kontrolle, kann im Ernstfall zur Falle werden. Die Cloud, einst Symbol der Entgrenzung, kann zur Fluchtlinie werden. Und zwischen beiden entsteht jene neue Architektur der Macht, in der Souveränität nicht mehr bedeutet, alles selbst zu besitzen, sondern im entscheidenden Augenblick noch handeln zu können.
Das war der Kern seiner Botschaft: Europa darf Technik nicht wie Besitzstand verwalten. Es muss sie wie Beweglichkeit organisieren. Daten müssen ausweichen können. Anwendungen müssen den Ort wechseln können. Schlüssel dürfen nicht beim Falschen liegen. Systeme müssen nach einem Angriff wieder aufstehen, bevor der Gegner den Erfolg überhaupt feiern kann. In dieser Sprache wird Cloudpolitik zur Sicherheitspolitik. Und Google tritt nicht mehr als bloßer Dienstleister auf, sondern als Anbieter jener Beweglichkeit, die viele europäische Institutionen aus eigener Kraft kaum noch herstellen können.
Das kann man bedrohlich finden. Man kann es auch als Chance lesen. Die Frage ist, ob Europa genügend Urteilsvermögen besitzt, diese Beweglichkeit einzukaufen, ohne seine Entscheidungsfähigkeit zu verkaufen. Souveränität wäre dann nicht der romantische Traum vom vollständig eigenen System. Souveränität wäre die Fähigkeit, zwischen mehreren Wegen wählen zu können, rechtzeitig zu wechseln, Verträge durchzusetzen, technische Abhängigkeiten zu kennen und eigene Kompetenz an den entscheidenden Stellen zu halten.
Der Keller und die Wolke
Fischer erzählte in Bonn sinngemäß von Organisationen, die stolz auf ihre Ausfallstrategie verweisen, weil sie zwei Standorte besitzen, während der eine im Keller und der andere im ersten Stock liegt. Das ist ein Bild für Europa. Man glaubt, eine zweite Option zu haben, und merkt im Hochwasser, dass beide Optionen im selben Gebäude liegen.
Die europäische Digitalpolitik kennt viele solcher ersten Stockwerke. Sie nennt sie Souveränitätsinitiativen, Cloud-Alternativen, Datenräume oder Plattformprojekte. Manche sind wichtig, manche notwendig, manche bloße Dekoration. Entscheidend ist, ob sie im Ernstfall tragen. Kann ein System ausweichen? Kann ein Staat weiterarbeiten? Kann ein Unternehmen nach einem Angriff wieder produzieren? Kann ein Krankenhaus seine Daten nutzen? Kann eine Armee kommunizieren? Kann eine Verwaltung handeln?
Der Keller steht für die alte Vorstellung, Kontrolle sei identisch mit Besitz. Die Wolke steht für die neue Versuchung, Kontrolle durch Bequemlichkeit zu ersetzen. Beide Irrtümer können teuer werden. Der eigene Keller kann überflutet werden. Die fremde Wolke kann politisch, rechtlich oder wirtschaftlich Bedingungen setzen. Zwischen beiden muss Europa eine Architektur bauen, die aus getesteter Handlungsfähigkeit besteht.
Deep Tech als Ausweg aus der Nachahmung
Europa sollte seine Energie nicht darauf verschwenden, den nächsten amerikanischen Plattformkonzern zu simulieren. Die europäische Wirtschaftsgeschichte ist reich an Unternehmen, die keine Weltplattform besitzen und dennoch Weltgeltung haben: durch Präzision, Spezialisierung, Prozesswissen, Ingenieurskunst, Kundennähe, praktische Einbettung. In der KI-Ökonomie kann daraus ein neues Modell entstehen.
Die großen Cloud-Anbieter liefern Rechenleistung und Basistechnologie. Europäische Akteure liefern Domänenwissen, Datenqualität, Sicherheitsverständnis, Umsetzungskraft und branchenspezifische Erfahrung. In der Verbindung kann Wert entstehen, der weder aus reiner Infrastruktur noch aus politischer Symbolik geboren wird.
Ein Maschinenbauer braucht vielleicht keine eigene globale Cloud. Er braucht KI-Systeme, die seine Maschinen verstehen. Ein Krankenhaus braucht nicht das nächste Weltmodell. Es braucht sichere Auswertung, verlässliche Dokumentation, klinische Anschlussfähigkeit und Datenschutz, der im Alltag funktioniert. Eine Armee braucht nicht den nächsten Suchassistenten. Sie braucht belastbare Lagebilder, gesicherte Kommunikation, Schutz gegen Desinformation und Systeme, die unter Druck weiterlaufen. Eine Verwaltung braucht Dienste, die Bürger entlasten und im Krisenfall nicht kollabieren.
Das sind europäische Chancen. Sie liegen näher an der Anwendung, tiefer in den Betrieben, näher an den Institutionen. Dafür braucht man Rechenleistung. Man braucht aber auch Urteil, Datenqualität, Prozesse, Verantwortung und Vertrauen. Genau dort sollte Europa investieren.
Verträge statt Beschwörungen
Eine konstruktive Google-Strategie braucht keine Unterwerfungsgesten. Sie braucht harte Verträge, technische Prüfungen und politische Klarheit. Wer Google Cloud nutzt, muss wissen, welche Daten wohin dürfen. Wer KI-Modelle auf fremder Infrastruktur trainiert, muss Rechte, Schlüssel, Protokolle und Ausweichpfade kennen. Wer Sicherheitsdienste einbindet, muss Audit-Rechte und Verantwortlichkeiten festlegen. Wer kritische Infrastruktur modernisiert, darf die Notfallübung nicht an das Ende der Projektlaufzeit verschieben.
Gerade staatliche Akteure müssen lernen, Technologie nicht wie Büroausstattung zu beschaffen. Cloud, KI und Sicherheitsarchitektur sind keine Nebenposten des Einkaufs. Sie entscheiden darüber, ob ein Gemeinwesen unter Druck funktionsfähig bleibt. Ein Ministerium, eine Kommune, eine Armee oder ein Krankenhaus kann nicht erst im Angriff herausfinden, ob seine digitale Architektur tragfähig ist.
Dabei kann Google ein wichtiger Partner sein. Auch das gehört zur Wahrheit. Wer aus prinzipiellem Reflex auf globale Anbieter verzichtet, läuft Gefahr, schlechte Eigenlösungen zu glorifizieren. Wer jedoch jeden Dienst übernimmt, weil er leistungsfähig und bequem ist, verlernt strategisches Denken. Zwischen provinzieller Abschottung und naiver Öffnung liegt der Raum, in dem europäische Wirtschaftspolitik erwachsen werden könnte.
Eine Strategie ohne Kränkung
Die Investitionssummen von Google, Microsoft, Amazon und anderen Hyperscalern lassen sich nicht herbeireden. Rechenzentren wachsen nicht aus Pressemitteilungen. Chips entstehen nicht aus Konferenzbeschlüssen. Weltweite Entwicklerökosysteme lassen sich nicht in einem Haushaltsjahr erzeugen.
Was Europa kann, ist anspruchsvoll genug. Es kann Deep-Tech-Felder auswählen. Es kann KI fördern, die aus realen Problemen entsteht. Es kann sichere Datenräume bauen, die Unternehmen tatsächlich nutzen. Es kann öffentliche Beschaffung so verändern, dass innovative Anbieter nicht im Formularwald verdorren. Es kann Cyberabwehr professionalisieren. Es kann Rechenleistung gezielt einkaufen und Wertschöpfung darauf aufbauen. Es kann Kooperation mit Google, Microsoft oder Amazon an Bedingungen knüpfen, die mehr sind als Datenschutzrhetorik.
Pfeiffers Analyse der Google I/O und Fischers Vortrag in Bonn führen zu einer realistischeren Sicht. Google hat eine Machtposition, die aus Breite, Kapital, Infrastruktur und Integration entsteht. Europa kann diese Macht nicht ignorieren. Europa kann sie auch nicht kurzfristig spiegeln. Also muss es lernen, mit ihr zu arbeiten, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen.
Das verlangt geistige Reife. Kooperation mit Google darf kein Zeichen europäischer Schwäche sein. Eigene Deep-Tech-Investitionen dürfen kein Alibi gegen Kooperation sein. Souveränität darf keine Folklore des eigenen Serverraums bleiben. Sie muss zur Fähigkeit werden, in einer vernetzten, gefährdeten und hochkapitalisierten KI-Ökonomie handlungsfähig zu bleiben.
Die Google I/O hat gezeigt, wie die neue Ordnung aussieht. Julian Fischer hat in Bonn die sicherheitspolitische Übersetzung geliefert. Hermann Simon liefert den unternehmerischen Kompass: Kräfte bündeln, Tiefe suchen, Nachahmung vermeiden. Europa wird nicht gewinnen, indem es Google kopiert. Es kann gewinnen, indem es genauer weiß, wofür es Google braucht, wo es Google Grenzen setzt und wo es selbst unverzichtbar wird.
Zur Entwickler-Konferenz:
Die Google-Keynote markiert den Übergang von der klassischen Such- und Produktlogik zur agentischen KI-Ökonomie. Sundar Pichai stellte Google als „Full-Stack“-KI-Unternehmen dar: eigene Chips, eigene Rechenzentren, eigene Modelle, eigene Plattformen und Milliardenprodukte wie Suche, Android, YouTube, Workspace und Gemini. Besonders auffällig waren die Größenordnungen: Google verarbeitet inzwischen 3,2 Billiarden Tokens pro Monat, Gemini kommt auf über 900 Millionen monatliche Nutzer, AI Overviews auf 2,5 Milliarden Nutzer, AI Mode auf mehr als eine Milliarde.
Der zweite Kern war Infrastruktur. Pichai sprach von erwarteten Investitionen von rund 180 bis 190 Milliarden Dollar in diesem Jahr; 2022 lagen die jährlichen CapEx-Ausgaben noch bei 31 Milliarden Dollar. Dazu kommen neue TPU-Generationen für Training und Inferenz, höhere Geschwindigkeit, bessere Energieeffizienz und verteiltes Training über mehrere Rechenzentren hinweg. Genau hier liegt der Anschluss an Julian Fischers Aussage auf der AFCEA: Diese Investitionshöhe kann Europa nicht einfach spiegeln.
Drittens wurde die Suche neu definiert. Google will nicht mehr nur Links liefern, sondern Antworten, interaktive Oberflächen, persönliche Agenten, Einkaufsprozesse, Finanzbeobachtung, Wohnungs- und Produktsuche, Buchungen und eigene Mini-Anwendungen direkt aus der Suche heraus erzeugen. Die Suche wird damit zur Handlungsinstanz.
Viertens stellte Google Gemini Spark vor: einen persönlichen KI-Agenten, der im Hintergrund auf Google Cloud läuft, Aufgaben über längere Zeit bearbeitet, mit Gmail, Docs, Kalender, Sheets und Drittanbietern verbunden wird und unter Nutzerkontrolle E-Mails vorbereitet, Listen pflegt oder Planungen organisiert. Das ist der Schritt vom Assistenten zum digitalen Beauftragten.
Fünftens zeigte Google die kreative und technische Breite: Gemini Omni für multimodale Video-, Bild- und Medienerzeugung, SynthID zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte, Antigravity 2.0 als agentische Entwicklungsplattform und neue Werkzeuge für Design, App-Bau, Shopping und XR-Brillen.
Kurz gesagt: Die Keynote war keine normale Produktshow. Sie war die Demonstration, dass Google KI nicht als einzelnes Modell versteht, sondern als Betriebssystem für Suche, Arbeit, Konsum, Entwicklung, Kreativität und Cloud-Infrastruktur.