
2017: Eine Aufnahme, ein Ferngespräch. Stephan Porombka spricht aus der Distanz, aber was er sagt, ist nah, dringlich, als würde er das kommende Jahrzehnt schon sehen. Er beschreibt die Veränderung der Öffentlichkeit, das Schrumpfen der alten Debattenräume, das wachsende Gewicht der digitalen Kanäle. Die Spielregeln der öffentlichen Auseinandersetzung seien nicht mehr dieselben. Die klassischen Medien hielten sich noch für die Ordnungsmacht des Diskurses, aber die Diskurshoheit liege längst woanders.
Die kritische Öffentlichkeit, lange progressiv und analytisch geprägt, verliere nicht nur ihre Reichweite, sondern auch ihre Begriffe. Was einmal für Emanzipation stand, werde jetzt von anderen genutzt – von denen, die mit den Werkzeugen der Netzwerke besser umgehen, radikaler, ungehemmter, mit weniger Skrupel, mit größerem Verständnis für die Mechaniken von Empörung und viraler Verstärkung. Er sagt das, und es klingt wie eine Warnung, aber die Dringlichkeit fehlt. Vielleicht, weil es damals noch zu theoretisch war.
Acht Jahre später ist es keine Theorie mehr. Die Algorithmen, von denen Porombka sprach, haben ihre Arbeit getan. Elon Musk testet die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz, Zuckerberg arrangiert sich mit der Macht, die digitalen Oligarchen haben nicht nur Märkte erobert, sondern Narrative. Die öffentliche Meinung ist nicht mehr Ergebnis von Aushandlung, sie ist ein Produkt – hergestellt, verfeinert, optimiert.
Klaus Janowitz hat das in seinem Blogbeitrag „Cyberlibertarianism – The Right-Wing Politics of Digital Technology“ mit erschreckender Klarheit beschrieben. Cyberlibertäre behaupten, gegen den Staat zu kämpfen, doch in Wahrheit kämpfen sie nur gegen demokratische Regulierung. Sie fordern Deregulierung nicht aus Freiheitsdrang, sondern aus wirtschaftlichem Kalkül.
„Der Cyberlibertarismus hat sich längst von seinem utopischen Anstrich befreit. Er war nie eine Bewegung für das Individuum, sondern für die Konsolidierung von Macht in privater Hand.“
Es geht nicht um den Abbau von Hierarchien, sondern um den Aufbau neuer, schwerer angreifbarer Strukturen. Die Plattformen, einst mit dem Versprechen angetreten, Zugang zu schaffen, haben in Wahrheit die ultimative Kontrolle errichtet: ein Netz, das nicht nur Räume organisiert, sondern den Zugang zu Öffentlichkeit selbst verwaltet.
David Golumbia hat diese Entwicklung schon lange verfolgt. Sein letztes Buch, Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, analysiert das libertäre Denken, das dem digitalen Kapitalismus zugrunde liegt. Seine These: Der Cyberlibertarismus ist nicht das Gegenteil von Autoritarismus, sondern dessen logische Verlängerung. Wer Regulierung ablehnt, bereitet den Weg für Oligarchien. Wer den Markt idealisiert, akzeptiert die natürliche Machtkonzentration in den Händen weniger.
Es gibt keine digitale Freiheit, wenn alle Wege durch die Serverfarmen weniger Konzerne führen. Es gibt keine echte Meinungsvielfalt, wenn Algorithmen darüber entscheiden, was sichtbar ist und was nicht. Meta als Staat, Amazon als Polizei, Google als Gehirn.
Das ist kein dystopischer Zukunftsentwurf, das ist die Gegenwart. Und es ist genau das, worauf Janowitz hinauswill:
„Wir haben zu lange geglaubt, dass digitale Plattformen neutrale Werkzeuge sind. Doch sie sind längst politische Akteure, die ihre Interessen mit der Macht der Infrastruktur durchsetzen.“
Was bleibt? Das, was Porombka damals forderte: Begriffe zurückholen, Erzählungen umdeuten, neue Räume schaffen. Doch es gibt einen Unterschied. 2017 war das eine Strategie. 2025 ist es eine Notwehrmaßnahme.
Golumbia hat das Buch geschrieben. Janowitz hat es weitergedacht. Die Warnungen standen früh im Raum. Jetzt bleibt nur noch die Frage, wer noch zuhört.