
Was habe ich mir die Finger wund geschrieben über die Kollateralschäden des Pflichtpfandes für Einweg-Getränke. Der frühere Dosen-Minister Jürgen Trittin ging davon aus, dass mit die Zwangspfand auch Mehrweg stabilisiert werden könne. Passiert ist genau das Gegenteil. Die Mehrwegquote ist von rund 80 Prozent auf 40 Prozent abgesackt. Warum? Weil der Lebensmitteleinzelhandel Vereinfachungen in der Logistik liebt.
Rücknahme-Automaten erfassen im Schnitt 800 bis zu 2.800 Dosen und Flaschen pro Tag. 80 Prozent der Einweggetränke werden in großen Supermärkten und Discountern gekauft. Das sind rund 20.000 Geschäfte. Was ist passiert? Die Automaten zur Rücknahme der bepfandeten Einweg-Getränkeverpackungen gibt es fast in jedem Supermarkt. Was passierte beim Sortiment? Die Umstellung von Mehrweg-Glas auf Einweg-Plastik. Ihr kennt ja die Argumentation der Händler. Synergien, Skalierung, Logistik-Optimierung über die Automatenerfassung der Gebinde und dergleichen mehr.
Verlierer sind die mittelständischen Mineralbrunnen und andere kleinere Player im Mehrweg-Sektor. Das Ergebnis hat die Deutsche Umwelthilfe zusammen gefaßt.
- In Deutschland werden stündlich fast 1,9 Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht
- Pro Tag sind das mehr als 45 Millionen Stück
- Pro Jahr werden rund 16,4 Milliarden Plastikflaschen verbraucht
- Im Schnitt verbraucht jede:r Deutsche 200 Einweg-Plastikflaschen pro Jahr
- Einweg-Plastikflaschen sind mit einem Gesamtmarktanteil von 52,2 Prozent das dominierende Packmittel bei Getränken. Ursache siehe oben.
Konsequenz: Glas verschwindet immer mehr bei Getränken und wird durch Plastikflaschen ersetzt. Aber Plastik ist im Vergleich zu Glas kein inertes Material. Als chemisch inert (lateinisch für „untätig, unbeteiligt, träge“) bezeichnet man Stoffe, die unter den jeweilig gegebenen Bedingungen mit potentiellen Reaktionspartnern (etwa Luft oder Wasser) nicht oder nur in verschwindend geringem Maße reagieren. Und nun kommt die Meldung im Wissenschaftsteil der FAZ:
„Kunststoffpartikel, die weniger als einen Mikrometer messen, sind in größeren Mengen in Plastikwasserflaschen vorhanden, wie eine Studie amerikanischer Forscher von der Columbia Climate School in New York ergibt. Ein Liter Wasser enthielt danach etwa 240.000 nachweisbare Partikel, wie Naixin Qian und ihre Kollegen in den ‚PNAS‘ berichten. Das sei das Zehn- bis Hundertfache früherer Schätzungen. Die Forscher haben mit einem neuen Nachweisverfahren als häufigste Kunststoffe PET, Polyamid, Polystyrol, Polyvinylchlorid und Polymethylmethacrylat in den Wasserflaschen dreier gängiger amerikanischer Marken identifizieren können“, schreibt die FAZ.
Das Nanoplastik komme wohl beim Öffnen und Schließen oder Zusammendrücken der Flaschen oder durch Hitzeeinwirkung sowie bei der Herstellung und beim Abfüllen in das Trinkwasser. Nanoplastik könne, wenn es in den Körper gelangt, über Darm und Lunge in den Blutkreislauf gelangen.
Da drehe ich doch meine Glasflasche von einem mittelständischen Getränke-Händler in Bonn auf und fülle mir sprudelndes Mineralwasser in mein Glas, um über das Konsumverhalten in Deutschland nachzudenken. Letztlich haben wir als Kunden es in der Hand, Getränke im Mehrweg-Glas zu kaufen. Am besten von einem dezentralen Abfüller. Bei uns ist es ein Betrieb in der Eifel. Da geht auch mit Bier und Limonade. Prost.