
Köln, ein regnerischer Sonntag im Juli. Wo sonst der Garten des Sammlers, Bibliophilen und Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft Professor Reiner Speck zur Sommerfrische lädt, drängten sich diesmal die Gäste unter Zeltdächern und im weiten Wohnsalon. Die jährliche Matinee war nicht nur ein Höhepunkt des Proust-Kalenders, sondern ein intellektuelles Gesellschaftsereignis, das sich in diesem Jahr um drei Namen drehte, die auf je eigene Weise das literarische Gedächtnis Frankreichs geprägt haben: Victor Hugo, Marcel Proust und Jacques Rivière.

Reiner Specks Improvisation und Einladung zum Proustianertum
Reiner Speck eröffnete die Matinée mit einer augenzwinkernden Improvisation: „Ich finde mein Manuskript nicht mehr. Durch das hektische Aufräumen ist alles durcheinander gewürfelt, selbst die Dinge, die ich Ihnen zeigen wollte.“ Und doch: Die Gesellschaft, die sich unter Zeltdächern, zwischen Bücherregalen, Vitrinen, Originalhandschriften und Erstausgaben versammelt hatte, war zahlreich wie selten. So viele Gäste habe man wohl noch nie auf der Anmeldeliste gehabt, bemerkte Speck.
Mit hörbarer Freude zitierte er ein Bonmot von Martin Kippenberger: „Wenn du keine hast, bring eine mit.“ Gemeint war: Wer noch kein Mitglied der Marcel-Proust-Gesellschaft ist, sollte am Ende der Matinee als neuer Proustianer nach Hause gehen. Längst gilt die Gesellschaft mit Sitz in Köln als die größte ihrer Art weltweit.
Mit einem programmatischen Ausblick kündigte Speck die kommende Ausstellung über Jacques Rivière an, der 1925 – also vor genau 100 Jahren – starb. Rivière überlebte Proust nur um drei Jahre. Die Rückschau auf sein Wirken bildete das thematische Rückgrat der zweiten Tageshälfte.

Literarische Stimme: Bernt Hahn liest Victor Hugo
Nach der Begrüßung war es Bernt Hahn, der dem literarischen Teil der Matinee die Stimme lieh. Mit dem Brief Victor Hugos vom 15. September 1855 gab er den Ton an: Ein Protestschreiben gegen das Gesetz zur Ausweisung von Ausländern. Hugo, der sich selbst im Exil auf Guernsey befand, schrieb in weltläufiger Pose: „Unser wirkliches Vaterland ist nicht die Erde, sondern das Azur.“ Es waren Sätze von politischer Brisanz und poetischer Abstraktion – vorgetragen mit der sonoren Gelassenheit, die Hahn seit Jahrzehnten auszeichnet.

Zwischen Überhöhung und Ironie: Walburga Hülk-Althoff über Hugos Nachleben
Der Übergang zum Vortrag von Walburga Hülk-Althoff war thematisch eng geführt: Victor Hugo – nicht nur als Sprachschöpfer, sondern als Jahrhundertfigur, als Parodierter und Verehrter, als poetischer Gesetzgeber und als Institution. Prousts Verhältnis zu Hugo war ambivalent. In mindestens vierzig Briefen äußerte er sich affirmativ, kritisch oder schlicht ungenau. Hugo war für Proust ein übergroßes Monument – eine literarische Bastion, an der sich die nachfolgenden Generationen reiben mussten.
Hülk-Althoff zeichnete diesen Prozess der Rezeption nach: von der heroischen Überhöhung zur ironischen Distanz. Der Vortrag spannte den Bogen vom frühen Spott über die „Hugolatrie“ – eine Art staatlich organisierter Dichterkult – bis zu jenen späten Stimmen, die Hugo neu zu lesen versuchten. Verlaine, Baudelaire, die Décadents: Sie alle stellten das Pathos infrage, suchten bei Hugo nicht das Erhabene, sondern das Verrätselte, das Unheimliche, das Zweideutige. Hülk-Althoffs Vortrag war kenntnisreich und frei von modischer Dekonstruktion – eine intellektuelle Nahaufnahme aus historischer Distanz.

Spannende Entdeckungen in Paris
Dann standen neue Nachrichten aus Paris im Vordergrund – und der Mann, der sie mitgebracht hatte: Professor Jürgen Ritte, renommierter Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Ritte berichtete in Köln nicht nur von der editorischen Vorgeschichte der sogenannten 75 feuillets, jener 75 Blätter aus dem Nachlass Bernard de Fallois, die 2021 zu Prousts 150. Geburtstag veröffentlicht wurden. Mit hörbarer Faszination skizzierte er die Bedeutung dieses Fundes, den der große Proust-Exeget Jean-Yves Tadié als „heiligen Augenblick“ der Proustphilologie bezeichnete. Was Ritte damals in seiner editorischen Notiz zur deutschen Ausgabe präzise formulierte, bleibt grundlegend: Die 75 feuillets, entstanden 1908, bestehen aus 43 gefalteten Doppelbögen, meist nur einseitig beschrieben – Entwurfslandschaften, die bereits zentrale Motive der späteren Recherche vorwegnehmen.
In Paris sei inzwischen mehr entdeckt worden, erklärte Ritte mit feiner Spannung in der Stimme. Im Nachlass de Fallois seien weitere Manuskripte aufgetaucht – Texte, die thematisch an Les Plaisirs et les Jours anschließen, von Luc Fraisse erstmals 2019 beschrieben, inzwischen aber durch neue Funde erweitert. Die Proustforschung, so Ritte, werde sich auf eine neue Welle editorischer Arbeit einstellen müssen. Schon jetzt gebe es eine Subskription – mit einer Einstiegssumme von 400.000 Euro –, um die Manuskripte zu sichern und zugänglich zu machen.
Für das Publikum in Köln war das mehr als eine Fußnote aus der Editionswissenschaft. Ritte entfaltete seine Fähigkeit, philologische Tiefenbohrung in eine lebendige Erzählung zu überführen. Er nahm die Zuhörer mit in den „Maschinenraum der Recherche“, wie er das vielschichtige Textgefüge Prousts nennt. Mit Blick auf Nathalie Mauriac Dyers akribische Arbeit an der französischen Ausgabe der 75 feuillets verwies er auf die verzweigte Genese einzelner Motive – von frühen Skizzen über die berühmten Cahiers und Carnets bis zu den mit Kommentaren übersäten Druckfahnen (Placards), die Proust bis in die Druckreife hinein überarbeitete.

Ritte über Jacques Rivière
Den inhaltlichen Auftakt des Nachmittags bildete der Vortrag von Jürgen Ritte. Im Zentrum stand Jacques Rivière, Schriftsteller, Kritiker, Briefpartner und Herausgeber der Nouvelle Revue Française. Ritte zeichnete das Porträt eines intellektuellen Charakters, der nicht nur literarische Texte las, sondern aus der Lektüre heraus Position bezog. Rivière war, so Ritte, ein Leser mit entschiedenem Urteil – leidenschaftlich, argumentativ, mitunter streitbar. In seiner Rezeption von Proust spiegelte sich diese Haltung besonders deutlich: anfängliche Irritation über das Formprinzip der Recherche, dann schrittweise Aneignung und schließlich glühende Verteidigung gegen Kritiker wie Émile Henriot oder Charles du Bos.
Ritte zitierte aus Rivières Briefwechsel, insbesondere seine Repliken an Journalisten und Kollegen, die Proust formale Schwächen oder „Verschwommenheit“ vorwarfen. In Rivières Antworten, so Ritte, zeige sich ein Verständnis für das tieferliegende Bauprinzip des Werkes: Erinnerung als Bewegung, Stil als Bewusstseinsstrom, Sprache als Existenzform. Rivières Briefe an Proust waren keine Hofpostillen – sie waren Versuche, das Unerhörte dieses Schreibens einzuordnen, mit der Präzision eines denkenden Lesers. Ritte deutete Rivière deshalb nicht als Sekundärfigur, sondern als dialogische Figur: ein literarischer Doppelgänger, ohne den Proust nicht zu denken sei.

Jacques Rivière, Aline Mayrisch und Marcel Proust – Zwischen Geist, Europa und Empathie
Wenn man sich dem intellektuellen Projekt der Aline Mayrisch de Saint-Hubert nähert, wie es Germaine Goetzinger mit eindrucksvoller Tiefe und Genauigkeit getan hat, begegnet man einer Figur, die aus jeder sozialen Rollenzuweisung ihrer Zeit heraustritt. Die Industriellengattin, Feministin, Kulturvermittlerin, Netzwerkerin und stille Architektin europäischer Verständigung war keine Randfigur, sondern ein kaum gewürdigter Knotenpunkt einer geistigen Konstellation, die das 20. Jahrhundert im Innersten herausforderte.
Geboren 1874 als Tochter eines wohlhabenden Holzhändlers, verweigerte sich Aline Mayrisch früh den engen Bahnen der bürgerlichen Frauenbildung. Statt des erwartbaren Wegs über Brüsseler oder Pariser Institutionen führte sie ihr Bildungsdrang nach Bonn – ein symbolischer Schritt, der bereits die später so folgenreiche Nähe zu Deutschland andeutete. Dort begegnete sie Nietzsche, und mit ihm dem Mut zur Infragestellung tradierter Werte. Der Aufbruch ins Eigene, ins Nicht-Sanktionierte, begleitete sie fortan.
Die Eheschließung mit Émile Mayrisch bedeutete keineswegs ein Zurücktreten ins Private. Vielmehr öffnete sie ihr neue Spielräume: Das Schloss in Colpach – einst Landsitz, bald Salon, dann Denkfabrik – wurde in der Zwischenkriegszeit zu einem Ort stiller Diplomatie. Hier trafen sich André Gide, Walter Rathenau, Ernst Robert Curtius, Hermann von Keyserling – und eben Jacques Rivière.
Jacques Rivière – Der Leser als Seismograph
Rivière, der früh in der Nouvelle Revue Française (NRF) zu publizieren begann und diese ab 1919 auch als Direktor prägte, war der ideale Resonanzkörper für Aline Mayrischs kulturelle Vermittlungsarbeit. Goetzinger zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Kritik nicht destruiert, sondern begreift, absorbiert, durchdringt. „Je suis délicieusement inerte“, schrieb er – eine paradoxe Form geistiger Beweglichkeit, die ihn als Leser von Proust, Gide und Claudel auszeichnete.
Aline Mayrisch erkannte diese Fähigkeit, und sie erkannte in Rivière einen Gesprächspartner, der sich der Intimität intellektueller Freundschaft nicht verweigerte. Ihre Korrespondenz – über hundert Briefe – ist Zeugnis eines geistigen Vertrauensraums, in dem Literatur, Politik und persönliche Lebensführung ineinandergriffen.
Goetzinger hebt hervor, dass Aline Mayrisch nicht nur Beobachterin oder Rezipientin war, sondern Akteurin. Sie publizierte in der NRF unter Pseudonymen wie „Alain Desportes“ und setzte sich aktiv für Übersetzungen deutscher Literatur ins Französische ein. Ihre Unterstützung für Marie Closset oder die Übersetzerin Louise Gros zeigt: Sie dachte nicht nur europäisch, sondern auch strukturell – als Frau, als Netzwerkerin, als Philanthropin.
Gleichzeitig organisierte sie Aufenthalte, Begegnungen, Diskurse – vor Ort in Colpach, in Paris, in Luxemburg. Als Rivière in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, bot sie ihm ein Darlehen an, ohne Pathos, aber mit einem klaren Ziel: den geistigen Austausch nicht abreißen zu lassen.
Proust als gemeinsamer Fixstern
Die Verbindung zu Proust bildet eine stille Achse in diesem Geflecht. Rivière war einer der frühesten und sensibelsten Leser von À la recherche du temps perdu. Die Lektüre von Du côté de chez Swann erschütterte ihn so tief, dass er in einem Brief an Aline Mayrisch schreibt: „Je ne sais pas si je retrouverai jamais dans ma vie une émotion si intense.“ Aline Mayrisch, deren Leben selbst von der Suche nach einer „verlorenen Zeit“ geprägt war – der Jugend, der Freiheit, des Denkens – verstand das sofort.
In den Konferenzen, die Rivière in Luxemburg über Proust hielt, war sie nicht nur Gastgeberin, sondern intellektuelle Verbündete. Goetzinger schildert diese Szenen als Momente gegenseitigen Vertrauens: Das Publikum war auf der Höhe, weil Madame Mayrisch im Saal saß – ein Satz, der mehr über ihre Wirkung aussagt als jedes offizielle Lob.
Der große Verdienst von Germaine Goetzingers Vortrag liegt darin, dass sie das Politische nicht als Gegenspieler des Literarischen behandelt, sondern als dessen Konsequenz. Die Luxemburgische Zeitung, übernommen von Émile Mayrisch, wurde zum Vehikel einer europäisch gedachten Öffentlichkeit. Dass Rivière monatlich Beiträge schrieb, war kein Nebenschauplatz, sondern der Versuch, das Denken in politische Formen zu übersetzen. „L’optimisme reste un devoir“, schrieb er – und meinte damit keinen blinden Glauben, sondern ein intellektuelles Ethos.
Als Rivière 1925 starb, schrieb Aline Mayrisch einen Nachruf, der ihn als den einzigen unabhängig denkenden Kopf in Gide’s Umkreis beschrieb. Es war ein Eingeständnis – auch ihrer eigenen Nähe zu geistiger Unabhängigkeit, zu einem Denken, das sich den Moden entzieht. In ihm hatte sie ein intellektuelles Gegenüber gefunden, das sie ernst nahm – nicht als Frau im Schatten eines Industriellen, sondern als Denkerin in eigener Sache.
Germaine Goetzingers Vortrag ist nicht nur eine Rekonstruktion von Begegnungen, Briefen, Artikeln. Es ist eine Hommage an das, was in Europa viel zu oft vergessen wird: die Rolle der stillen Architektinnen des Geistes. Aline Mayrisch war keine Literatin im engeren Sinn. Aber ohne sie wären manche Bücher nicht gelesen, manche Freundschaften nicht geschlossen, manche Utopien nicht gedacht worden.
Und vielleicht, ja vielleicht, wäre auch À la recherche du temps perdu weniger verstanden worden. Denn das Verstehen ist nie nur Sache des Autors. Sondern immer auch derer, die zuhören können.

Ein Idealleser mit Methode
Ariane Chartons Vortrag über Jacques Rivière und seine Autoren ist mehr als ein literaturgeschichtlicher Rückblick. Es ist ein eindrucksvolles Porträt eines Mannes, dessen Leben im Lesen aufging – eines Menschen, der Bücher nicht nur verstand, sondern mitempfand, durchdrang, durchlitt. Rivière war kein Kritiker im heutigen Sinne, sondern ein „Verschmelzer“: Er wurde eins mit dem Autor, ließ sich von dessen Form prägen, nur um danach mit scharfem Verstand zur Analyse zurückzukehren. Paul Claudel nannte ihn den „idealen Leser“ – und dieser Satz, in jungen Jahren gesprochen, begleitete Rivière bis zu seinem frühen Tod 1925.
Die erste literarische Liebe galt Maurice Barrès. Dessen „culte du moi“ faszinierte Rivière zutiefst – eine Faszination, die er in Briefen an Alain-Fournier mit fast jugendlicher Glut verteidigte. Doch die Identifikation ging zu weit. Rivière erkannte bald die Gefahr der Nachahmung, die aus leidenschaftlicher Liebe entstehen kann. Er distanzierte sich von Barrès, behielt jedoch die produktive Empfänglichkeit für feinsinnige Selbstbeobachtung und moralische Sensibilität bei. Diese frühe Lektüre wurde zur Schule des Fühlens – und des Abgrenzens.
Mit Paul Claudel vollzog sich eine radikale Wende. Claudels Werk war für Rivière eine existentielle Erschütterung – und fast eine Bekehrung. Nicht intellektuell, sondern spirituell. Rivière sah in Claudel einen Propheten, ein Medium einer höheren Wahrheit. Ihre Briefe kreisen um Glaubensfragen, um Lebensführung, um metaphysische Tiefe. Doch auch hier bleibt Rivière eigenständig. Claudels Katholizismus nimmt er nicht als Dogma, sondern als Inspiration für die Teilnahme am „totalen Leben“. Die Analyse wird zur Offenbarung – Literatur zum Ersatz für religiöse Führung.
André Gide begegnete Rivière auf Augenhöhe. Ihre Beziehung war spannungsreich, aber gleichwertig. Gide war für Rivière ein faszinierendes Gegenüber: brillant, widersprüchlich, verführerisch. In Gides L’Immoraliste erkannte er sich selbst – dieselbe analytische Härte, dieselbe sinnliche Schwäche. Rivière schrieb über Gide mit bewundernswerter Präzision und verstand ihn nicht als Gegner Claudels, sondern als Ergänzung. Beide – Claudel und Gide – verkörpern für Rivière extreme Pole des Literarischen, zwischen Transzendenz und Innerlichkeit. Und beide prägen seine intellektuelle Reifung.
Proust: Die große literarische Freundschaft
Doch kein Autor hat Rivière so tief geprägt wie Marcel Proust. Ihre Begegnung beginnt 1914 mit der Lektüre von Du côté de chez Swann auf einer Zugfahrt – eine Erfahrung, die Rivière später als „Staunen“ und „tiefe Ergriffenheit“ beschreibt. Ab 1919 entwickelt sich eine enge, brieflich vermittelte Freundschaft, geprägt von gegenseitiger Achtung und geistiger Intimität. Proust fand in Rivière einen Leser, der sein Werk wirklich verstand – als präzise konstruierte Kathedrale psychologischer Wahrheiten, nicht als dilettantisches Tagebuch eines Müßiggängers.
Charton zitiert eindrücklich aus der Korrespondenz zwischen Rivière und Proust – über 200 Briefe, in denen sich Bewunderung, Ironie, Geduld und gelegentliche Verstimmungen verdichten. Proust schickt seinen Chauffeur nachts zu Rivière, lädt ihn zu improvisierten Abendessen ein, sorgt sich um dessen Gesundheit und Einkommen. Rivière wiederum schützt Prousts Texte, korrigiert, vermittelt, redigiert – nicht unterwürfig, sondern aus tiefem Verständnis. Die Auseinandersetzung über Kürzungen, Publikationstermine und Textauswahl zeigt Rivière als geduldigen Mittler zwischen literarischem Genie und redaktioneller Wirklichkeit.
Die Proust-Vorträge: Tiefenbohrungen der Seele
Rivière hätte Proust gerne ein Buch gewidmet. Stattdessen hält er vier bedeutende Vorträge, die posthum unter dem Titel Quelques progrès dans l’étude du cœur humain erscheinen. Dort analysiert er Prousts Methode als Verbindung von Subjektivität und wissenschaftlicher Genauigkeit. Besonders die psychologische Tiefe, mit der Proust Liebe, Angst und Selbsttäuschung beschreibt, wird von Rivière als „Fortschritt in der Erforschung der Seele“ gewürdigt. Auch Freud kommt zur Sprache – allerdings nicht als Theoriegeber, sondern als Vergleichspunkt für Prousts eigene, unabhängige Entdeckungen.
Am Ende scheint Proust für Rivière das geworden zu sein, was Claudel vergeblich versuchte: ein Meister, nicht im Glauben, sondern im Schreiben. Rivière widmete ihm seinen einzigen Roman Aimée, eine „nichtswürdige Skizze“, wie er sie bescheiden nannte. Doch das war keine Unterwerfung – es war eine Geste der Dankbarkeit gegenüber dem einzigen Autor, bei dem Rivière nicht nur den Text, sondern die Wahrheit suchte. Wahrheit, Aufrichtigkeit, psychologische Genauigkeit – das waren seine Kriterien. Und in Proust fand er die Vollendung dieser Suche.
Ein Leser, wie ihn Literatur selten findet
Ariane Charton gelingt es, in ihrem Vortrag die seltene Spezies des „leidenschaftlichen Lesers“ in ihrer reinsten Form sichtbar zu machen. Jacques Rivière war nicht nur Vermittler großer Literatur, er war deren lebendiger Resonanzraum. Wer so liest wie Rivière – mit Empathie, Disziplin, kritischem Geist und emotionaler Offenheit – macht Literatur fruchtbar. Für andere. Für sich selbst. Und für die Geschichte. Chartons kluger, elegant gebauter Vortrag ist damit nicht nur eine Hommage an einen fast vergessenen Literaturvermittler. Er ist auch ein stilles Plädoyer für eine neue, alte Form der Kritik: lesend zu leben.
Man kann also gespannt sein auf die Rivière-Ausstellung im November in der Bibliotheca Proustiana Reiner Speck.
Lieber Herr Sohn,
Sie machen meine Mittagspause nach einem fordernden Proust-Sonntag zu einem erfrischenden geistigen Erlebnis. Sie sind mal wieder der Schnellste, dem es in so kurzer Zeit gelingt, die Vorträge zusammenzufassen und – noch viel wichtiger – ihre Essenz wiederzugeben. Sie sind ein Gewinn und ein Glück für alle Proustianer und Proust-Liebhaber/innen.
Viele herzliche Grüße
Ellen Schellinger
Liebe Frau Schellinger,
herzlichen Dank für diese wunderbare Rückmeldung – sie bedeutet mir viel, gerade nach einem so reichen, intensiven Sonntag wie diesem. Was wäre ein Text ohne Leser wie Sie, die nicht nur aufnehmen, sondern weiterspinnen und mitdenken? Es war mir ein Vergnügen, die geistige Atmosphäre des Tages einzufangen – und wenn mir das gelungen ist, dann lag es auch an der außergewöhnlichen Dichte der Beiträge, der Gespräche, der Menschen.
Mit den besten Grüßen aus Bonn
Ihr Gunnar Sohn