Die Unruhe der Kompetenz: Christoph Meier, KI und der Verlust der Gewissheit #SAPTF25

Es gehört zu den Paradoxien des gegenwärtigen Umbruchs, dass gerade diejenigen, die ihn zu erklären versuchen, selbst in die Dynamik einer tiefgreifenden Verschiebung geraten. Christoph Meier, Leiter des Swiss Competence Center for Innovations in Learning an der Universität St. Gallen, spricht im jüngsten Education Newscast mit Thomas Jenewein über generative Künstliche Intelligenz, als säße er an einem Seziertisch der Arbeitsgesellschaft: ruhig, genau, mit der Haltung eines Gelehrten, der weiß, dass alles, was er sagt, schon morgen in Frage stehen könnte.

Der Podcast entpuppt sich als stille Diagnose einer Epoche, in der Gewissheiten erodieren. Was Meier berichtet, ist keine Vision, sondern eine Zustandsbeschreibung: Die Erwerbsbiografien lösen sich aus ihren vertrauten Bahnen. Die lineare Karriere – vom Trainee zum Spezialisten, vom Spezialisten zum Manager – wird durch eine Serie von Sprüngen, Abbrüchen und Neuformatierungen ersetzt. Die Ursache liegt nicht allein im technologischen Fortschritt, sondern in der Rekonfiguration des Wissens selbst. Was gilt, ist nicht länger das Erlernte, sondern das Erlernbare – und dessen Halbwertszeit schrumpft.

Dass generative KI Werkzeuge wie ChatGPT oder Claude nicht nur Texte schreiben, sondern auch Denkprozesse simulieren können, führt zu einer beunruhigenden Konsequenz: Der Einstieg in die Wissensarbeit, traditionell durch „einfache“ Tätigkeiten markiert – Recherchieren, Zusammenfassen, Formatieren –, wird obsolet. Es sind genau diese Aufgaben, die heute durch Maschinen übernommen werden. Der Mensch verliert seine erste Sprosse auf der Karriereleiter – noch bevor er überhaupt begreifen konnte, worauf er steigen wollte.

Meiers Differenzierung zwischen Automatisierung und Augmentierung ist dabei kein semantisches Spiel, sondern ein neues Ordnungsprinzip. Automatisierung bedeutet Ersetzung, Augmentierung meint Ergänzung. Doch was heißt „Ergänzung“, wenn die Maschine schneller, präziser und unermüdlich ist? Die Hoffnung, dass der Mensch zum Kurator, zum ethischen Prüfstein, zum kreativen Flankengeber werde, bleibt vage – eine Vision mit Restgewissheit.

In diesem Dilemma setzt sich fort, was in der Studie zur generativen KI bereits greifbar wurde, die Meier mit seinem Team aus über 30 Quellen synthetisiert hat: Nicht die Inhalte sind das Problem, sondern ihre Herstellung. Und nicht die Geschwindigkeit des Lernens, sondern das Zerbrechen des Zusammenhangs von Bildung und Verwertung. Was zählt, ist nicht mehr der Abschluss, sondern die Anschlussfähigkeit.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Thesen zur Zukunft Personal Europe 2025, die in Zusammenarbeit mit Marc Wagner entstanden sind, eine neue Kontur. Sie fordern nichts Geringeres als eine Neuverhandlung des pädagogischen Sozialvertrags: weg vom Zertifikat, hin zur Situation. Weg von starren Kompetenzrastern, hin zu kuratierten, adaptiven Lernreisen. Weg von der Personalentwicklung als Programmdesignerin, hin zu einer systemischen Enablerin des Möglichkeitsraums.

Gerade im Vorfeld des SAP Learning and Adoption Forums am 25. Juni in Walldorf lohnt es sich, diesen Perspektivwechsel ernst zu nehmen. Wer dort nur Tools erwartet, wird enttäuscht sein. Wer jedoch erkennt, dass die Tools selbst bereits als semi-autonome Akteure am Umbau der Arbeitswirklichkeit beteiligt sind, wird umso dringlicher nach einem neuen Bildungsbegriff fragen müssen. Einer, der nicht länger auf feste Inhalte, sondern auf bewegliche Orientierungen setzt. Einer, der das Lernen selbst zum Ort der Transformation macht.

Was bleibt, ist eine Unruhe – produktiv, wenn man sie zu lesen versteht. Sie schreibt sich nicht in Curriculumformeln ein, sondern in die Biografien derer, die sich täglich neu ausrichten müssen. Die Wissensarbeit der Zukunft beginnt dort, wo wir die Maschine nicht als Gegner, sondern als Spiegel betrachten – und in diesem Spiegel erkennen, dass auch wir uns erst noch lernen müssen.

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