
Leidenschaftliche Plädoyers für die Computerkunst. So klingt ein Gipfeltreffen, das Anfang Juli an der Hochschule der Künste Berlin stattfindet: Die Götter der digitalen Avantgarde im Diskurs. Susanne Paech von der Stiftung Herbert W. Franke inmitten von Urgesteinen und Visionären: Frieder Nake, ein Titan der 60er, der 1965 als einer der ersten Menschen Kunst mit Computern machte. Ana Caballero, die poetische Pionierin der digitalen Poesie, und Tyler DeWitt, alias DEAFBEEF, dessen Blockchain-getriebene Werke die Kunstwelt beindrucken.
Nake, 1938 geboren, ikonenhaft. Ein Pionier. Ein Prophet. Ein junger Mann damals, der nicht ahnte, dass seine pixeligen Experimente die Fundamente einer neuen Kunstform legen würden. „Keine Ahnung von dem, was kommen würde“, gesteht er. Seine Ausstellung 1966 in Darmstadt? Ein Aufschrei der konservativen Presse. Spott und Häme, doch für Nake war das der Funke. „Wenn sie es negativ sehen, muss es etwas Interessantes sein.“ Der konservative Widerstand, ein Zeichen des Potentials.
Ana Caballero, die mit lyrischem Charme und tiefem Verständnis für Sprache und Code brilliert. Ihre digitale Poesie, eine Fusion aus Text und Bild, ein Protest gegen die starren Strukturen des traditionellen Verlagswesens. „Grammatik als generatives System“, erklärt sie. „Die Künstler machen das System, das System macht die Kunst.“ Cortázar, der Argentinier, als Vorbild. Ein Hypertextroman der 60er, der als erste generative Literatur bezeichnet werden könnte. Caballero rettet Klassiker vor dem Vergessen, bringt sie auf unsere Handys, in die digitale Gegenwart.
Tyler DeWitt, der multidisziplinäre Klangkünstler, der aus Technik Kunst schafft. Seine Liebe zur analogen Synthese und zum Handwerk des Schmieds, verschmolzen mit modernster Technologie. DeWitt’s Ansatz, die Kunst in das Soziale zu bringen, Interaktion und partizipative Elemente als Essenz seines Schaffens. Seine „AI-Absurditäten“ hinterfragen die Bedeutung von Kunst in einer Welt, in der Maschinen unendlich viele Bilder generieren können. Eine philosophische Reflexion über die Verbindung von Technologie und Kreativität.
Der Geist des Gesprächs wird von Nake eingefangen, der die semantische Macht der Kunst betont. „Denkt das Bild, macht es nicht.“ Die Maschine als Werkzeug, aber der Mensch als Schöpfer, der die Bedeutung formt. Seine Skepsis gegenüber dem Begriff der „künstlichen Intelligenz“, eine Provokation. „Intelligenz ist ein Merkmal des Lebens, nicht der Maschinen.“
Die Zukunft? Ungewiss, aber voller Möglichkeiten. Die Blockchain als neuer Speicher, als neue Form der Unveränderlichkeit. Für Caballero eine Chance, Poesie neu zu verorten. Für DeWitt ein Mittel zur sozialen Interaktion und zur kritischen Auseinandersetzung mit Technologie.
Das Gespräch endet, aber die Gedanken hallen nach. Eine Melange aus Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Innovation. Die Kunst, digital und generativ, bleibt ein Abenteuer, ein ständiges Überschreiten von Grenzen. Die Revolution der Zeichen, die immer weitergeht. Anfang Juli folgt die Fortsetzung in Berlin.
Ausgangspunkt dieser Veranstaltung über Kunst und Technologie ist Herbert W. Franke (1927-2022) mit seiner Werkserie „Oszillogramme“.
Wer mehr über Franke erfahren möchte, sollte zu Band 4 der Schriftenreihe von Sohn@Sohn greifen.
