
Bernd Rauschenbach kam nach Bonn, und Arno Schmidt verlor für zwei Stunden seinen Ruf als unbetretbares Gelände. Wer in Alfred Böttgers Buchhandlung saß, in Rüngsdorf, auf der Maximilianstraße, auf der Thomas-Mann-Straße, später wieder auf der Maximilianstraße, erlebte keine germanistische Schutzveranstaltung vor einem schwierigen Autor. Man hörte einen Leser, der Schmidts Widerstände kannte, seine Komik liebte, seine Bosheiten verstand, seine Manien nicht verniedlichte und gerade deshalb Wege in dieses Werk bahnte.
Böttger erinnert an rund zwanzig Jahre gemeinsamer Arno-Schmidt-Abende. Rauschenbach kam allein oder mit Joachim Kersten. Er las, erklärte, führte, öffnete. Das klingt bescheiden. In Wahrheit steckt darin eine seltene Form literarischer Vermittlung. Ein Autor wie Arno Schmidt braucht keine Herolde, die seinen Rang ausrufen. Er braucht Stimmen, die seine Sätze vorführen können, ohne den Leser einzuschüchtern. Rauschenbach besaß diese Fähigkeit.
Bargfeld war sein Arbeitsort, Bonn wurde sein Resonanzraum
Rauschenbach gehörte zu den Menschen, die Arno Schmidt nicht nur gelesen haben. Er lebte mit diesem Werk. Er arbeitete für die Arno Schmidt Stiftung, wirkte an der „Bargfelder Ausgabe“ mit, sichtete, ordnete, edierte, kommentierte, erklärte. Er kannte die Schichten: den Erzähler der Nachkriegsjahre, den Polemiker, den Landschaftsmonomanen, den Joyce-Leser, den Freud-Leser, den Lautarbeiter, den Typoskript-Architekten von „Zettel’s Traum“.
Solche Nähe birgt eine Gefahr. Wer zu dicht an einem Autor steht, verliert manchmal den Blick für jene, die erst eintreten wollen. Rauschenbach verlor ihn nicht. Böttger beschreibt, wie Kundinnen und Kunden durch seine Abende zu Schmidtleserinnen und Schmidtlesern wurden. Das ist die höchste Auszeichnung für einen Vermittler. Er machte aus Bewunderung keine Mauer. Er machte daraus eine Tür.
„Zettel’s Traum“ im Taschenformat der Annäherung
Im Mai 2022 stellte Rauschenbach bei Böttger sein Lesebuch zu „Zettel’s Traum“ vor. Schon der Gedanke besitzt Witz und Mut. Arno Schmidts Monumentalwerk steht wie ein Gebirge in der deutschen Literatur. Man kennt die Legende: das riesige Typoskript, die Spalten, die Etym-Theorie, Poe, Freud, Joyce, das Bargfelder Sprachlabor, die Ungeheuerlichkeit der Form. Viele sprechen über „Zettel’s Traum“, wenige lesen darin mit Ausdauer. Rauschenbach wusste das.
Ein Lesebuch zu „Zettel’s Traum“ ist keine Verkleinerung. Es ist ein Eintritt. Man schlägt nicht das Massiv klein. Man legt Pfade an. Alfred Böttger fand dafür Käuferinnen und Käufer, darunter viele junge Leute. Auch das verdient Aufmerksamkeit. Schmidt wird gern als Autor für Eingeweihte behandelt, für ältere Herren mit Karteikartenliebe und Sonderzeichenfestigkeit. Rauschenbach zeigte, dass dieser Eindruck täuscht. Wer einen guten Führer hat, kann sich an Schmidt herantasten, ohne vorher Mitglied eines Geheimbundes geworden zu sein.
Lesen als akustische Erschließung
Rauschenbach war nicht nur Herausgeber. Er war Rezitator. Bei Schmidt zählt das viel. Die Schriftbilder wirken oft wie Barrieren, die Orthografie zerspringt, Wörter verrücken sich, Bedeutungen verhaken sich. Gelesen aber setzt sich etwas in Bewegung. Der Satz bekommt Atem. Der Kalauer verliert seine bloße Papierexistenz. Die Obsession wird hörbar. Die Komik hebt den Kopf.
Gerade bei Schmidt entscheidet der Vortrag über Nähe und Abstand. Zu viel Andacht tötet den Witz. Zu viel Kabarett verrät die Konstruktion. Rauschenbach traf offenbar den Ton zwischen Strenge und Spielfreude. Böttger erinnert an „wunderbare Lesungen mit kenntnisreichen Erläuterungen“. Diese Verbindung ist selten. Wer nur erklärt, lässt den Text vertrocknen. Wer nur spielt, lässt den Leser allein. Rauschenbach brachte beides zusammen: Stimme und Sachkenntnis, Spaß und Präzision, Zugang und Respekt.
Der Schmidt-Kosmos als gemeinschaftliche Arbeit
Arno Schmidt pflegte gern das Bild des Einzelgängers. Bargfeld, Schreibtisch, Zettelkästen, nächtliche Arbeitsrhythmen, Misstrauen gegen Betrieb und Gesellschaft. Doch sein Nachleben entstand durch ein Kollektiv von Hartnäckigen: Alice Schmidt, Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten, Susanne Fischer, Friedrich Forssman, die Stiftung, die Herausgeber, die Leser, die Buchhändler. In dieser Arbeit hatte Rauschenbach einen festen Platz.
Er gehörte zu jenen, die aus literarischem Nachlass keine Reliquienkammer machten. Nachlassarbeit verlangt Geduld, Misstrauen gegen schnelle Deutungen, Sorgfalt vor dem kleinen Zettel. Ein falsches Datum kann eine Biografie verschieben. Ein Brief kann eine Editionsgeschichte ändern. Eine Randnotiz kann den Ton einer ganzen Beziehung verändern. Rauschenbach lebte in dieser Welt der Details. Er konnte daraus erzählen, ohne sie zur trockenen Spezialmaterie zu machen.
Ernst Krawehl und der letzte Anruf aus Marbach
Besonders berührt Alfred Böttgers Erinnerung an das letzte Gespräch. Rauschenbach rief aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach an. Er arbeitete am Nachlass von Ernst Krawehl, dem Lektor, Verleger und Wegbegleiter Arno Schmidts. Bei der Durchsicht von Notizen und Briefen hatte er eine Entdeckung gemacht. Er wollte sie mitteilen.
In dieser Szene steckt viel von Rauschenbach. Ein Mann im Archiv, zwischen Papieren, Spuren, alten Verlagsverhältnissen, Nachrufen, Briefen und Sperrfristen. Dann ein Anruf beim Buchhändler in Bonn. Nicht die große Bühne, nicht der Vortragssaal, kein offizieller Akt. Ein Fund. Ein Gespräch. Die Freude, dass sich im Papier noch etwas regt.
Krawehl führte einst Buchhändler und Leser an Schmidt heran, warb auf der Frankfurter Buchmesse für diesen Autor, hielt über Jahre Verbindung zu Bargfeld. Rauschenbach setzte diese Vermittlung auf anderer Ebene fort. Zwischen Krawehl, Schmidt, Bargfeld, Marbach und Böttger spannt sich eine stille Linie deutscher Literaturarbeit. Sie besteht aus Briefen, Lesungen, Ausgaben, Gesprächen und beharrlicher Zuneigung.
Gronius und Rauschenbach: Katastrophen mit komischem Ernst
Rauschenbach war auch eine Hälfte eines Duos. Mit Jörg W. Gronius bildete er über fünfzig Jahre die „Katastrophendramatiker“. Im Februar 2024 standen beide noch bei Böttger und lasen aus der „TRILOGIE DES SCHÖNEN LEBENS“. Der Titel klingt, als habe jemand das Versprechen der Lebenskunst schon beim Aussprechen beschädigt. Genau daraus entsteht die Energie dieses Duos. Der Generationenpakt, der Abschluss eines Lebenswerks, die signierten Bücher im Bestand der Buchhandlung: Das wirkt nun wie ein Depot gemeinsamer Stimmen.
Diese Seite Rauschenbachs gehört zur Schmidt-Seite hinzu. Wer Arno Schmidt versteht, versteht auch die Nähe von Gelehrsamkeit, Groteske, Größenwahn und Katastrophenhumor. Rauschenbach musste Schmidt nicht imitieren. Er hatte mit Gronius seinen eigenen Schauplatz. Er kannte die komische Gewalt der Übertreibung, den dramatischen Furor, die Lust am Abseitigen. Auch deshalb konnte er Schmidt so gut vermitteln. Er begegnete ihm nicht als Nachlassverwalter im grauen Kittel. Er begegnete ihm als Autor, als Spieler, als Bühnenmensch, als jemand, der Sprachdruck kannte.
Alfred Böttgers Buchhandlung als Ort der Fortsetzung
Böttgers Erinnerung zeigt zugleich, was eine gute Buchhandlung leisten kann. Sie verkauft Bücher. Doch im besten Fall tut sie mehr: Sie schafft Übergänge. Ein Kunde kauft nicht einfach „Zettel’s Traum“. Er hört Rauschenbach, fragt nach, nimmt das Lesebuch mit, tastet sich weiter vor. Ein junger Mensch, der Schmidt vielleicht nur als Legende kennt, bekommt eine Stimme, einen Abend, eine Ermutigung. Aus einem unnahbaren Werk wird ein Beginn.
Das ist keine kleine Sache. Viele literarische Werke sterben nicht, weil sie vergessen werden. Sie sterben, weil niemand mehr zeigt, wie man sie betritt. Rauschenbach konnte das. Böttger gab ihm dafür den Raum. Zwischen beiden entstand über Jahre eine literarische Praxis, die im Feuilleton selten angemessen beschrieben wird: die langsame, beharrliche Herstellung von Leserschaft.
Der Vermittler bleibt im Werk
Bernd Rauschenbach ist am 2. Juli 2026 gestorben. Geboren wurde er am 30. Juli 1952. Zwischen diesen Daten liegt ein Leben im Dienst der Literatur, der Bühne, des Archivs, des Vortrags, der Edition. Bei Arno Schmidt hat dieser Dienst besondere Bedeutung. Schmidt war ein Autor, der seine Leser gern forderte, ärgerte, entzückte, abwies und belohnte. Wer solche Literatur vermittelt, muss mehr können als Wissen weitergeben. Er muss die Scheu nehmen, ohne die Schwierigkeit zu verraten.
Alfred Böttger schreibt: „Ich werde Bernd Rauschenbach nicht vergessen.“ Dieser Satz trägt. In ihm steckt kein Pathos, keine große Grabrede, kein Anspruch auf Vollständigkeit. Er kommt aus der Erfahrung vieler Abende, vieler Bücher, vieler Kundinnen und Kunden, die nach einer Lesung mit einem anderen Blick auf Arno Schmidt hinausgingen.
Vielleicht ist genau das die angemessene Form des Gedenkens. Man erinnert nicht nur den Menschen. Man erinnert die Wirkung. Rauschenbach machte Leser. Er nahm Arno Schmidt aus dem Kreis der Eingeweihten heraus und stellte ihn vor Menschen, die neugierig genug waren, sich führen zu lassen. Das bleibt. In den Ausgaben. In den Tonspuren. In den signierten Büchern. In den Bonner Erinnerungen. Und in jedem neuen Leser, der vor „Zettel’s Traum“ steht, das Buch aufschlägt und nicht mehr sofort zurückweicht.