Notizzettel für die Post-Corona-Zeit

Was auf die politische Tagesordnung gehört für die Zeit nach Corona.

Rechte der Aktionäre stärken:

Das Europäische Parlament hat eine neue Richtlinie für Aktionärsrechte verabschiedet, die die Mitgliedstaaten in nationales Recht umsetzen müssen. Sie sieht vor, dass die Aktionäre in Zukunft jährlich über den Vergütungsbericht ihres Unternehmens abstimmen sollen und überdies mindestens alle vier Jahre über das gesamte Vergütungssystem. Jeder Mitgliedstaat darf dabei selbst entscheiden, ob der Beschluss der Aktionäre bindend oder nur als Empfehlung gedacht ist. In Deutschland ist die Tendenz klar. Man wird sich für die bindende Wirkung entscheiden. Die Aktionäre bekommen wieder mehr Macht. Wird das reichen? Nein.

Die meisten Konzerne werden von institutionellen Anlegern mit ihren kurzatmigen Exit-Strategien dominiert. Sie werden die Gehaltsschraube nicht nach unten drehen, sondern eher unheilige Allianzen mit der Vorstandsetage eingehen. So sind sie halt, die Dealmaker. Deshalb meine Vorschläge:

1. Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, sollte als Aktionär einer Haltefrist unterworfen werden. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben. 2. Verbesserung der Transparenz bei den Beteiligungsverhältnissen und Offenlegung von Überschneidungen zwischen Top-Management und institutionellen Anlegern.

Auch in Skandinavien gibt es gute Modelle. So wird der Nominierungsausschuss für Vorstandsposten nicht vom Aufsichtsrat gebildet, sondern von der Hauptversammlung bestimmt. Wer sich hingegen Aufsichtsräte wie bei VW näher anschaut, weiß, warum es keine richtige Aufsicht gibt. „Da sitzen die Familienmitglieder Piech und Porsche, da sitzen zwei ruhige Vertreter aus Katar, da sitzt eine Bankerin aus der befreundeten Wallenberg-Familie, das Land Niedersachsen und die wohlgestimmte Arbeitnehmerseite. Wir alle wissen, was da passiert. Das ist eine Konstruktion, um als Arbeitsbeschäftigungsmaschine für Niedersachsen zu dienen“, führt Thomas Sattelberger aus. Von wirklicher Kontrolle könne da nicht gesprochen werden.

Mein Motto hierbei: In Anlehnung an den Philosophen Karl Popper könnte man auch sagen: Es kommt darauf an, Institutionen so zu organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten. Das gilt für Demokratien, für Unternehmen und für sonstige Organisationen.

Mehr Unternehmensdemokratie wagen:

Auch heute noch sind viele Beschäftigte ihren Vorgesetzten ausgeliefert. Von Psychoterror, Eingriffen in die Privat- und Familiensphäre: Angestellten fehlen elementare Grundrechte. Zeit, dies zu ändern! Hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden der Unternehmen regiert häufig immer noch die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten in Wirtschaftsorganisationen zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. “Die Pauschalunterwerfung des Arbeitnehmers ist so groß wie eh und je”, bemerkt der Soziologe Dirk Baecker. Früher sagte man, die Demokratie hört vor dem Fabriktor auf.

Wer etwa als Betriebsrat kontroverse Themen gegenüber der Geschäftsführung aufgreift, muss mit einer Kaskade von Demütigungen rechnen, wie eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung dokumentiert. Die ARD-Sendung “Die Story” hat dazu einen sehenswerten Beitrag ausgestrahlt.

Da wird den Arbeitnehmer-Vertretern schnell mal Beleidigung der Geschäftsführung, Geheimnisverrat oder Geschäftsschädigung vorgeworfen. Zwar scheitern vor Gericht die meisten denunziatorischen Inszenierungen, es hindert die Strategen auf Arbeitgeberseite nicht, ihre Muskelspiele fortzusetzen. Sogar vor dem Übergreifen der betrieblichen Konflikte in die Privatsphäre der Betroffenen schrecken die Gehorsamsdompteure nicht zurück. “Hierfür werden Detekteien oder – in großen Unternehmen – spezialisierte Abteilungen eingesetzt, die Einzelne offen observieren, mitunter auch im direkten Wohnumfeld. In einem unserer Interviews wurde geschildert, wie Detektive einer Unternehmensstabsstelle in das Kinderzimmer eines Betroffenen gespäht oder sich in der Tiefgarage eines Wohnhauses zu schaffen gemacht hatten”, schreibt Studienautor Werner Rügemer. Die Sichtbarkeit der Observation ist ein perfides Kalkül der Einschüchterung.

Wir sollten im Grundgesetz das Recht eines mitarbeitenden Menschen auf Meinungsäußerung verankern.

Arbeit zum Menschen bringen:

Generell sehe ich die Notwendigkeit, gerade in der gesetzlichen Regelung der Arbeitsorganisation jetzt den großen Wurf zu wagen:

Bessere Vereinbarkeit, weniger Wege, mehr Selbstbestimmung – Arbeit, die zum Leben passt. Und Arbeit mehr zum Menschen bringen. Stichworte: Landflucht, Berufspendler Republik Deutschland, Verkehrswende. In der Corona-Pandemie ist aus der Not eine Tugend gemacht worden. Mobile Arbeit ist für viele Beschäftigte und Betriebe in der Krise Alltag geworden. International und im Wettbewerb um Fachkräfte bringt uns das nach vorne.Das belegt ja die Statistik über die Remotefähigkeit der Arbeitsplätze, in denen Deutschland und Schweiz Spitzenplätze belegen. UK und USA, die doch angeblich zur digitalen Avantgarde in der Arbeitswelt zählen, fallen deutlich ab. Die Corona-Krise versetzt der Arbeitswelt einen Digitalisierungsschub in Deutschland, den viele Experten nicht für möglich gehalten haben. War die Skepsis zunächst groß, haben Umfragen nun gezeigt, dass fast 90 Prozent die mobile Arbeit trotz der zusätzlichen Belastung aufgrund geschlossener Betreuungseinrichtungen positiv wahrnehmen − unabhängig von Alter, Bildungsstand und Geschlecht. Auch viele Arbeitgeber zeigen sich offener gegenüber mobiler Arbeit sowie Homeoffice und unterstützen ihre Beschäftigten dabei. Zwei Drittel der Beschäftigten können sich nach einer repräsentativen Befragung auch für die Zeit nach Corona mehrere Tage pro Woche im Homeoffice gut vorstellen und wünschen sich mehrheitlich einen entsprechenden Anspruch.

Z-Superressort statt Digitalministerium? Eine Debatte zu den Vorschlägen von @DoroBaer und @lietzkow

Kein Digitalministerium, sondern ein Superressort als Vorhut bei der Sicherung der technischen Souveränität bringen Staatsministerin Dorothee Bär und cnetz-Vordenker Professor Jörg Müller-Lietzkow in einem Gastbeitrag für die FAZ ins Spiel: „Schaut man nach Bayern und nach Hessen, so liefern die dort einge­rich­te­ten Digi­tal­mi­nis­te­ri­en auch nicht die eine lang­ersehn­te Nummer für alles Digi­ta­le, sondern die Zustän­dig­kei­ten sind dort auf zahl­rei­che Häuser verteilt. Ein Digi­tal­mi­nis­te­ri­um würde also Erwar­tun­gen wecken, die es letzt­lich nicht erfül­len kann.“

Moder­ni­sie­rung, Vernet­zung, Inter­net, neue Diens­te – das seien die Vehi­kel des Fort­schritts und der Zukunfts­ge­stal­tung. „Damit drängt sich letzt­lich die Frage auf, ob nicht ein brei­te­rer und zugleich zukunfts­ori­en­tier­ter Ansatz einen größe­ren Mehr­wert darstellt als die Konzen­tra­ti­on auf ‚Digi­ta­li­sie­rung‘: in Form eines ‚Zukunfts­mi­nis­te­ri­ums‘ (Z-Ministerium)“, betonen die FAZ-Gastautoren. Klingt wie das #StudioZ, mit dem wir seit ein paar Jahren mit Live-Formaten auf Achse sind 😉

Gemeint sei die Erschaf­fung eines neuen Hauses, welches sich mit „Deep Tech“, also großen zukunfts­wei­sen­den Tech­no­lo­gie­fel­dern, und dem sich daraus erge­ben­den gesell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und wissen­schaft­li­chen Wandel holis­tisch ausein­an­der­setzt und in Europa voran­treibt.

„Die Idee: Ein neues Zukunfts­mi­nis­te­ri­um ist der Arbeit in den übri­gen Minis­te­ri­en vorge­schal­tet. Es ist nicht Aufga­be, die Forschung zu steu­ern oder gar als Paral­lel­mi­nis­te­ri­um zum Wissen­schafts- oder Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um zu agie­ren. Viel­mehr besteht die Kern­auf­ga­be eines solchen Hauses darin, brei­ter sowie zugleich flexi­bler und schnel­ler auf tief­grei­fen­de Verän­de­run­gen zu reagie­ren“, so Bär und Lietzkow.

Es könnte in agilen Matrix­struk­tu­ren gear­bei­tet werden: Auf der verti­ka­len Ebene werden die Einhei­ten durch Staats­se­kre­tä­re poli­tisch, auf der hori­zon­ta­len Ebene von Prozess­eig­nern, die aus den jewei­li­gen „Deep Tech“-Feldern kommen, geführt.

Klingt ein wenig kompliziert. Werden so die Ressorteitelkeiten abgebaut, die bislang jede Form von Digitaloffensiven der Bundesregierung verhindert haben? Bin im Zweifel. Die Reaktionen im Netz sind höchst unterschiedlich:

„Von der bayerischen Nummer rate ich eher ab. Die labern nur, besuchen Hochschulen und feiern die App des Monats. Also nix Digitalisierung. Es muss das Mindset der Politiker geändert werden, wir brauchen anders denkende Akteure. Wer analog denkt, fördert keinen digitalen Wandel. Es ist vielmehr das Spitzenpersonal als die Struktur“, kommentiert Robert Weber vom Podcast „KI in der Industrie“.

Ein Z-Minsterium könne nur in einem partizipativen Ökosystem funktionieren, mein der Tech-Analyst Lars Immerthal: „Verständigung als Prozess und Teil einer politischen Institution befähigt uns nicht nur Neues zu denken, sondern in diesem Prozess Vertrauen aufzubauen und Souveränität zu gewinnen. Solange das nicht der Fall ist, wird sich da auch nichts bewegen.“

Ein Zukunftsministerium für „Deep Tech“? „Wie sagte schon F.K. Wächter: Dicht vorbei ist auch daneben“, sagt der Zukunftsforscher Klaus Burmeister.

Es gehe um große Transformation. Nicht „Tech“ stehe im Fokus, sondern ein grundlegender Wandel der Gesellschaft, der „Innovationen“ immer auch sozial versteht und der mit dem 1,5 Grad-Ziel einen disruptiven Shift des industriellen Betriebsystems benötigt. „Es geht um einen sozialen, organisatorischen, wissenschaftlich-technologischen, ökonomischen, politischen und auch kulturellen Umbruch“, so Burmeister. Ein Ministerium, wie auch immer „gestrickt“, könne eine solche Aufgabe stemmen, gerade, weil es keine Frage des frühzeitigen Einsatzes von Technik sei. 

„Bär und Müller-Lietzkow lassen es ahnen, sind aber selbst zu sehr im administrativen Denken gefangen und denken leider nicht weit genug. Ja, sie haben recht: Politik muss neu, vernetzter, offener, partizipativer, auch klarer missionsorientierter, aber auch lernend und transformativer organisiert werden“, resümiert der foresightlab-Geschäftsführer in Berlin.

„Die Probleme liegen viel tiefer in der Gesellschaft. Da kann ein Ministerium wenig bewirken. Das ist mehr als ein ministerielles Organisationsproblem“, meint Hidden Champion-Forscher Hermann Simon.

Verteidigung von Privilegien, generelle Innovationsfeindlichkeit in weiten Teilen der Gesellschaft, Uninformiertheit der Politiker und der Verwaltung: Das seien die tieferliegenden Ursachen. „Die einzige Möglichkeit, diese hemmenden Faktoren zu trimmen, ist eine stärkere Verlagerung von Kompetenzen an die Privatwirtschaft“, fordert Simon. Man brauche stärkere wirtschaftliche Anreize über Lizenzen, die ausreichend lange laufen, Inkaufnahme temporärer Monopole, gezielte Förderung.

„Neben den beschriebenen gesellschaftlichen Strömungen spielt auch eine Rolle, dass Kompetenzträger in der Digitalisierung weder in die Politik noch in die öffentliche Verwaltung gehen. Warum sollte jemand, der etwas drauf hat, in diese Bereiche gehen. Damit sind diese Bereiche nicht einmal in der Lage, eine qualifizierte Auswahl von Zulieferern zu treffen – siehe aktuelle Software zu Corona“, führt Simon aus.

„Es mag nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber erstmal sehe ich den Vorschlag positiv. Die beiden erkennen: So kann es nicht weitergehen. Sie entwickeln einen konstruktiven Vorschlag was man tun kann. Fakt ist ja: Digitalisierung ist eine Querschnittsaufgabe, da hilft ein eigenes Ministerium kaum, wenn die Kompetenzen nicht klar sind. Daher liegt es in der Tat nahe, sich am Finanzministerium zu orientieren und einem Digitalministerium eine Art Veto-Recht bei Digitalthemen einzuräumen“, sagt Wettbewerbsökonom Justus Haucap.

Er hat noch eine andere Idee: „Ein Digitalministerium mit konkurrierenden Befugnissen zu den klassischen Ministerien. Es gibt keine exklusiven Zuständigkeiten mehr. Ein Digitalministerium kann jedes Thema aus jedem Ressort aufgreifen und dazu einen Vorschlag im Kabinett machen. Dies könnte das Problem lösen, dass in den Ministerien bisher immer dies Besitzstandswahrer das Sagen haben, und nicht die Veränderer“, erklärt Haucap.

Die Frage sei doch, ob wir die digitalen Vorreiter Chinas und der USA durch eine Fokussierung auf das Organigramm eines Ministeriums einholen oder durch eine andere Einstellung zu digitaler Kultur, meint Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung: „Erfahrungen aus den KMUs zeigen, dass es auf die gelebte Kultur und weniger auf Technik und Zuständigkeiten ankommt.“

Meine Position: Die Relevanz von politischen Themen lässt sich abmessen an den Finanzgrößen im Haushaltsplan der Bundesregierung. Mit Etats wird Politik gemacht. Ein Z-Ministerium oder Digitalministerium halte ich für notwendig.

Man kann die nötige Sogwirkung mit der Gründung des Umweltministeriums im Jahr 1986 vergleichen. Auch Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ökologie sind Querschnittsthemen, die man gerne als Argument gegen das Digitalministerium ins Feld führ. Umwelt reicht von Verkehr, Bauen, Landwirtschaft, Wirtschaft bis Bildung. Als Klaus Töpfer sein Amt als Bundesumweltminister antrat, war das ein klares programmatisches Statement der Bundesregierung für die Relevanz des Umweltschutzes. Auf dem Klimagipfel in Bonn konnte man beobachten, wie richtig diese Entscheidung war. Jetzt ist es an der Zeit, auch die Digitalpolitik gleichberechtigt an den Kabinettstisch zu bekommen.

Sascha Pallenberg hat klar dargelegt, wie wichtig ein Digitalministerium sein kann, wenn man denn für die Position auch eine richtig gute Persönlichkeit gewinnen kann, wie Audrey Tang in Taiwan.

Eure Meinung?

KI-Wettkampf mit China und den USA – Wie gut schneiden wir ab? @dfki

Künstliche Intelligenz – wie gut sind wir in Deutschland? Antworten von Professor Wolfgang Wahlster, DFKI-Chefberater, im #DigitalXStudio​. Themen: Wie sieht sie aus, die bessere und sinnvollere Mensch-Maschine-Kooperation ohne Angst vor Kontrollverlust? Gibt es neue Arbeitsplätze durch Nearshoring? Die Konnek­ti­vi­tät zwischen Maschi­nen, Werk­zeu­gen, Werk­stü­cken und Fach­ar­bei­tern hat auch in Bestands­fa­bri­ken große Fort­schrit­te gemacht – Beispiele wären nicht schlecht. In 5G-Campus­net­zen können Edge-Devices mit der hohen Band­brei­te und garan­tiert gerin­ger Latenz­zeit von 5G zu einer loka­len Edge-Cloud zusam­men­ge­schal­tet werden, die dann den Echt­zeit­an­for­de­run­gen in der Fabrik genügt. Hybri­de Teams von Werkern und kolla­bo­ra­ti­ven Robo­tern mit verschie­de­nen Fähig­kei­ten führen zu einer neuen Form der Team-Robo­tik, in der Mensch-Maschi­ne-Inter­ak­ti­on unter Führung des mensch­li­chen Fach­per­so­nals im Mittel­punkt steht, welches Hand in Hand mit Robo­tern zusam­men­ar­bei­tet, um im Team komple­xe Ferti­gungs­auf­ga­ben zu lösen. Bei den Daten­in­fra­struk­tu­ren müssen die Anfor­de­run­gen der jewei­li­gen Bran­che bezüg­lich Daten­ho­heit, Dezen­tra­li­tät in hete­ro­ge­nen Multicloud-Syste­men und Edge-Support berück­sich­tigt werden. Wie gut sind wir da in Deutschland? Sind die USA und China enteilt?

Schumpeter und der transformative Kampf für das Bessere @MakronomMagazin @foresight_lab @AlexandVerne @EFI_Kommission

Wer sich bei Innovationen auf Joseph Schumpeter beruft, sollte dabei die Arbeiten des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers über die Erosion des Unternehmertums nicht außer Acht lassen. Erste Akzente setzte er bereits in seiner Zeit an der Bonner Universität im Jahr 1929. Etwa im Aufsatz „Unternehmer in der Volkswirtschaft von heute“:

So kritisierte Schumpeter die Mechanisierung und Bürokratisierung in großen Organisationen. Später schrieb er in Anlehnung an Karl Marx über die Folgen der Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Eine Heiligsprechung für kleine und mittelständische Unternehmen ist daraus allerdings nicht abzuleiten, wie es Timur Ergen und Sebastian Kohl in ihrem Makronom-Essay insinuieren:

„Kleine und mittelgroße Unternehmen gelten als agiler, menschlicher und rundherum sauberer als ihre größeren Pendants – und ihre Unterstützung somit als breit akzeptiertes Allheilmittel für die Lösung spätkapitalistischer gesellschaftlicher Probleme. Mit der Realität hat das allerdings nicht viel zu tun.“

Schumpeter sieht sicherlich Tendenzen zur Bürokratie und zu Machtverkrustungen in großen Organisationen. Dafür gibt es ja eine Vielzahl von empirischen Befunden. Wichtiger im Werk von Schumpeter ist jedoch die Identifikation von Typologien und Eigenschaften, um Innovationen hervorzubringen. Ausführlich nachzulesen in meinem Beitrag „Wenn Volkswirtschaften in Routinen ersticken“ für den Band „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums“, erschienen im Metropolis Verlag.

Letztlich ist es der Urtypus des Schumpeterschen Entrepreneurs, der näher betrachtet werden sollte und nicht die Betriebsgröße eines Unternehmens. Jesko Dahlmann ist dieser Frage in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters“ nachgegangen.

Urtypus für Innovationen

Der von Dahlmann beleuchtete Urtypus ist anti-hedonistisch, Antreiber eines kreativen Kapitalismus, gepaart mit höheren Ambitionen, die nicht dem Diktat des Profits folgen. Solche Persönlichkeiten sind mehr Schöpfer als Zerstörer. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen, denn ein langfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch neuartige und qualitativ bessere Produkte, neue Produktionstechniken“, schreibt Dahlmann.

Wer sich durch innovatives Wirken einen Vorsprung erarbeitet hat, kann auch seine Belegschaft besser entlohnen. Ein Mensch mit tatkräftiger Vision könne bereits hinreichend sein, um andere mitzuziehen und die Wirtschaftswelt nachhaltig zu verändern. Um das zu erreichen, müsse eine außergewöhnliche Phantasie mit Scharfsinn gepaart sein, um die günstigen Umstände, den passenden Moment und vor allem die richtige Idee zu erkennen. Hinzu kommt Wissen, wie man eine geeignete Idee umsetzt, wozu nicht nur Talent gefordert ist, sondern auch Verstand.

Innovationen im Mikromanagement

Dazu zählen tiefe Erkenntnisse über den Gegenstand des Anwendungsgebietes. Ein ehemaliger Google-Manager sah das bei Amazon als riesigen Vorteil gegenüber dem eigenen Unternehmen: „Jeff Bezos ist ein berühmt-berüchtigter Mikro-Manager. Er ist zuständig für das Mikro-Management jedes einzelnen Pixels von Amazons gewerblicher Website.“ Google+ war ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt habe. Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung bis zur untersten Unternehmensebene der Arbeiter. „Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: ‚Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter'“, so die Feststellung von Steve Yegge. 

Wer Kombinationen für das Neue zur Entfaltung bringen will, braucht dafür auch die technologische Kompetenz. Das gilt für Software, Hardware, für Plattformen und auch für Websites.

Um auf neue Ideen zu kommen, sind Klugheitsstrategien relevant. Darauf verweist Lars Immerthal auf der Next Economy Open.

Etwa die von meinem Lieblingsphilosophen Michel Serres dargestellte Kunst des Umherschweifens, die Randonnée.

„Interessanterweise lässt sich dieses Konzept in dem Geschäftsbericht von Amazon unter dem Begriff des ‚Wandering‘ entdecken“, so Immerthal:

„Sometimes (often actually) in business, you do know where you’re going, and when you do, you can be efficient. Put in place a plan and execute. In contrast, wandering in business ist not efficient…but it’s also not random. It’s guided – by hunch, gut, intuition, curiosity, and powered by a deep conviction that dthe prize for customers i big enough that it’s worth being a little messy an tangential to find our way there. Wandering ist an essential counter-balance to efficiency. You need to employ both. The outsized discoveries – the non-linear ones – are highly to require wandering.“

Und dieses Umherschweifen könne auch beim Finden und Erfinden von Neuem äußerst hilfreich sein, so Immerthal. Das gesamte Ökosystem sei dann aber für Tauglichkeitsprüfungen zuständig. Wie soll das aber gelingen, wenn man nicht das eigene Hundefutter kennt und verspeist. Soweit eine kleine Randnotiz. Lars Immerthal hat das übrigens ausführlich in der Sondernummer von Hohe Luft „Metanoia 2.0“ thematisiert.

Das Zerstörerische zerstören

Professor Reinhard Pfriem bringt Neugründungen ins Spiel, die die Welt wirklich besser machen. Nicht nur marktschreierisch, wie es Google & Co. im Gebetsmühlen-Jargon betonen. Pfriem setzt auf Social und Sustainable Entrepreneurship. Transformative Unternehmen sollten nicht-nachhaltiges Wirtschaften aus der Welt schaffen. „Das Zerstörerische muss zerstört werden, bessere additive Technologien reichen nicht aus“, kritisiert Pfriem. Diesem transformativen Kampf sollte sich auch die Agentur für Sprunginnovationen stellen.

Schließlich beruht die Schumpetersche Innovationstheorie nicht nur auf Technologie. Darauf verweist Immerthal. Die Arbeiten von Schumpeter seien tief in der europäischen Kultur verwurzelt. 

„Wer bei Schumpeter danach fragt, wird beispielsweise Nietzsche, Hölderlin oder Hegel finden, wenn er/sie sich mit der schöpferischen Zerstörung oder Kondratjew Zyklen auseinandersetzt. Also Philosophie und Literatur als Referenz. Der Begriff Disruption, so wie ihn Christensen nutzt, führt diese Fähigkeit nicht mit sich und fällt hinter Schumpeters Begriff der Innovation sogar zurück. Wenn wir also Träume, Poesie und Kunst als Basis unserer Imagination begreifen, dann kann etwas Wunderbares daraus entstehen. Sowohl theoretisch als auch ganz praktisch.“ Wir haben diese Form des Denkens, Handelns und Kommunizierens schon lange in unserer Kultur. 

„Und noch nie war die Gelegenheit und auch die Notwendigkeit größer, Mathe und Poesie, KI und Philosophie oder Open Source und soziale Verantwortung zusammen zu denken“, resümiert der Schumpeter-Forscher Immerthal.

Und nicht vergessen: Die großen Entdeckungen – die nicht-linearen – erfordern in hohem Maße das Umherschweifen. Das gilt für kleine und für große Organisationen. Heiligsprechungen von KMUs oder Konzernen helfen da nicht weiter.

Notizzettel für 15:30 Uhr: Digitale Bildung in der politischen Bildung #DigitalXAdhoc​ @bpb_de

Wir starten heute um 15:30 Uhr. Nicht um 13 Uhr.

Bereits 2011 formulierte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) einen Leitsatz, der ihr in Viruszeiten das virtuelle Arbeiten in der Netzöffentlichkeit erleichtert:

Die Livedokumentation sei eine Möglichkeit, die bpb-Veranstaltungen einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das nicht nur während der Veranstaltung, sondern auch für einen längeren Zeitraum. Politische Bildung findet in diesem Denken nicht „nur“ in Seminar- oder Konferenzräumen statt, über sie wird nicht nur in den „traditionellen“ Printmedien oder Jahresberichten geschrieben, sondern sie wird über verschiedene Plattformen und sozialen Netzwerke zeitnah und für alle zugänglich im Internet. Ziel damals wie heute ist es, dass sich Nutzende in einer Diskussionsrunde durch Kommentare zu Wort melden und sich so in die initiierten Debatten einklinken.

Welche Erfahrungen hat die bpb in der Corona-Zeit mit digitalen Konzepten gemacht und welche Ableitungen kann man generell für die digitale Bildung ziehen?

Welche Rolle spielen Videos, Influencer und Social Web-Plattformen?

Wie verändern sich die klassischen Bildungsprozesse und wie werden Lehrkräfte in Zukunft herausgefordert?

Fragen, die wir mit Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung erörtern möchten. Eure Fragen? Man hört, sieht und streamt sich um 15:30 Uhr.