
Es klappert auf den Dächern von Bad Saulgau – und das nicht nur im Frühling. Wer durch die oberschwäbische Stadt spaziert, dem begegnet hoch oben auf Kirchtürmen, Gasthausdächern und Masten ein alter Bekannter mit markantem Schnabel und schwarz-weißem Gefieder: der Weißstorch. Längst ist er mehr als ein zufälliger Gast – er ist Wahrzeichen, Nachbar und lebendiges Symbol einer gelungenen Naturschutzgeschichte.















Was heute wie eine Selbstverständlichkeit wirkt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtung, Geduld und gezielter Maßnahmen. Bereits in den 1950er Jahren fand ein erstes Storchenpaar auf dem Horst der St. Johanneskirche am Marktplatz ein Zuhause. Über viele Jahre hinweg blieb dieser Horst der einzige im Stadtgebiet – bis sich das Blatt wendete.
Den entscheidenden Impuls gab die Renaturierungsoffensive der Stadt Bad Saulgau. In enger Zusammenarbeit mit der Aktion Natürliche Landschaft, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), engagierten Einzelpersonen wie Martin Sick und Bruno Herbst sowie zahlreichen freiwilligen Helfern wurden nicht nur Biotope geschaffen, sondern auch Lebensräume zurückgegeben, die zuvor verschwunden waren. 15 Kilometer Fließgewässer wurden naturnah gestaltet, über 100 Tümpel ausgebaggert, 120 Hektar Biotopfläche angelegt. Insekten und Amphibien kehrten zurück – und mit ihnen der Storch.
Ab 2008 begann ein beispielloser Aufschwung. Neue Nester entstanden auf der Moosheimer Kirche, dem Dach des Gasthauses Bach, der Hochberger Kirche. Der Bruterfolg explodierte regelrecht. 2018 wurden bereits 34 Jungstörche flügge – verteilt auf sieben Horste in der Kernstadt und vier in den Ortsteilen. Im Jahr 2020 zählte man in Bad Saulgau 90 Störche. Zwei Jahre später: 34 besetzte Horste. Und im Juni 2023 schließlich ein neuer Rekord: 121 Störche, verteilt auf 29 Nester.
Die Gründe für diesen Erfolg? Ein ganzes Bündel: das stetig wachsende Nahrungsangebot durch naturnahe Landschaftspflege, der sogenannte Kolonie-Effekt – Störche brüten bevorzugt in der Nähe anderer Paare – sowie ein generationenübergreifendes Engagement in Sachen Artenschutz.
Bad Saulgau hat sich damit still und stetig zur Storchenstadt entwickelt. Die Tiere sind gekommen, um zu bleiben – und mit ihnen eine Geschichte, die zeigt, wie sehr sich langfristiger Naturschutz lohnt. Wer heute auf dem Marktplatz steht und das Klappern aus luftiger Höhe hört, der hört nicht nur den Ruf der Störche, sondern auch das Echo einer Stadt, die ihre Natur zurückgewonnen hat.